Afghanistan: Ärzteteam von Kugeln durchsiebt
Aktualisiert

AfghanistanÄrzteteam von Kugeln durchsiebt

Im Norden Afghanistans sind zwei lokale Dolmetscher und acht Ärzte erschossen worden: Eine Deutsche, eine Britin und sechs Amerikaner. Ihre Körper wurden regelrecht von Kugeln durchsiebt.

von
Kathy Gannon
AP

In Nordafghanistan sind zehn Mitglieder eines internationalen Ärzteteams erschossen worden. Das teilte ein Sprecher des Teams, Dirk Frans von der christlichen Hilfsorganisation International Assistance Mission (IAM), am Samstag in Kabul mit. Die Taliban bekannten sich zu der Tat. Der Polizeichef der Provinz Badachschan, General Agha Nur Kemtus, schloss jedoch einen Raubüberfall nicht aus. Die deutsche Regierung forderte eine «gründliche Aufklärung der Umstände dieses feigen Mordes».

IAM-Direktor Frans sagte, neben der Deutschen seien eine Britin, sechs Amerikaner - darunter eine Frau - und zwei afghanische Dolmetscher getötet worden. Ein afghanisches Mitglied der Gruppe sei entkommen und habe ihn am Freitag über den Vorfall informiert. Die Gruppe sei von dem amerikanischen Optiker Tom Little geleitet worden, der seit mehr als 30 Jahren in Afghanistan gewesen sei. Am Mittwoch sei der Kontakt zu Little abgerissen.

Zweifel an Urheberschaft der Taliban

Taliban-Sprecher Sabjullah Mudschahid erklärte, die Ausländer hätten für die USA spioniert und «für das Christentum missioniert». IAM-Direktor Frans äusserte indes Zweifel an der Täterschaft der Taliban. Polizeichef Kemtus sagte, nach Darstellung von Beamten vor Ort hätten zehn Bewaffnete das Ärzteteam ausgeraubt und danach ein Opfer nach dem anderen erschossen. Ein Afghane habe überlebt. «Er sagte mir, er habe geschrien und den heiligen Koran rezitiert und gesagt: 'Ich bin Muslim. Tötet mich nicht'», berichtete Kemtus.

Hilfsorganisation seit 1966 in Afghanistan im Einsatz

Die IAM erklärte: «Diese Tragödie wirkt sich negativ auf unsere Fähigkeit aus, weiter dem afghanischen Volk zu dienen, wie wir es seit 1966 getan haben. Wir hoffen, dass wir unsere Arbeit nicht einstellen müssen, die jedes Jahr einer Viertelmillion Afghanen zugute kommt.»

Frans berichtete, dass die Gruppe auf einer dreiwöchigen Behandlungsreise in der Provinz Nuristan gewesen sei. Die IAM sei zwar als christliche Organisation registriert, missioniere aber nicht, betonte er. Zu der Gruppe hätten Ärzte, Krankenpfleger, Fahrer und Dolmetscher gehört. Zwei seien aktive IAM-Mitglieder gewesen, zwei weitere seien früher für die Organisation tätig gewesen und vier hätten anderen Einrichtungen angehört.

Die IAM arbeitet mit der Christoffel-Blindenmission zusammen, wie deren Pressestelle in Bensheim (D) mitteilte. Das IAM-Team sei von mehreren afghanischen Gemeinden eingeladen worden, Dorfbewohner mit Augenproblemen zu behandeln, erklärte die Christoffel-Blindenmission.

Optiker 2001 von Taliban-Regierung ausgewiesen

Polizeichef Kemtus teilte mit, die Opfer seien am Freitag in einem Wald des Bezirks Kuran Wa Mundschan in Basaschstan bei ihren von Kugeln durchsiebten Allradautos gefunden worden. Dorfbewohner hätten die Gruppe davor gewarnt, dass die Gegend unsicher sei. Das Team habe gesagt, sie seien Ärzte und hätten keine Angst.

Frans sagte, Teamleiter Little sei im August 2001 zusammen mit sechs Deutschen und einem weiteren amerikanischen IAM-Mitarbeiter von der damaligen Taliban-Regierung verhaftet worden. Ihnen wurde der Versuch vorgeworfen, Afghanen zum Christentum zu bekehren. Sie wurden schliesslich ausgewiesen. Little sei nach der US-Invasion im November 2001 nach Afghanistan zurückgekehrt.

Der amerikanische Augenarzt Tom Little hat das Hilfsteam geleitet, deren Mitglieder im Nordosten Afghanistans umgebracht wurden.

«Er starb, wo er gern war - und das war, in abgeschiedenen Regionen tätig zu werden», sagte seine Witwe Libby Little dem US-Fernsehsender CNN am Sonntag in New York.

«Unsere Töchter vermissen ihn schrecklich. Aber ich denke, sie fühlen auch, dass er eine wahre Passion hatte», ergänzte sie.

Diese Leidenschaft war nach ihren Worten, als Augenarzt in Afghanistan zu arbeiten. Die meiste Zeit ihres 40-jährigen Ehelebens verbrachte das Ehepaar zusammen mit seinen drei Töchtern am Hindukusch.

«Wir gingen und dachten, es wäre für zwei Jahre, aber es waren 33», sagte Libby Little. «Wir liebten die Menschen - die Afghanen waren wunderbar, absolut wunderbar zu uns», sagte sie.

«Wir hatten 40 wundervolle Jahre zusammen. Wir haben zusammen all diese Jahre gedient und das gemacht, wovon wir dachten, dass es zu tun sei. Und das ist genug für ein Leben.»

Zusammen mit Tim Little wurden am Freitag nach Angaben der International Assistance Mission (IAM) fünf Helfer aus den USA sowie eine Deutsche und eine Britin auf ihrem Rückweg von einem Einsatz in einer abgelegenen Region erschossen.

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