Fragen und Antworten: Affenpocken ausserhalb Afrikas – was wir wissen und was nicht
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Fragen und AntwortenAffenpocken ausserhalb Afrikas – was wir wissen und was nicht

Der Affenpockenausbruch in Europa und den USA ist einen Monat nach Bekanntwerden noch nicht eingedämmt. Das Virus hat mittlerweile 27 Länder erreicht und weist über 40 Mutationen auf. Das ist darüber bekannt. 

von
Fee Anabelle Riebeling
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780 bestätigte Fälle in 27 Ländern – das ist der Stand nach einem Monat Affenpockenausbruch ausserhalb von Afrika. 

780 bestätigte Fälle in 27 Ländern – das ist der Stand nach einem Monat Affenpockenausbruch ausserhalb von Afrika. 

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Die Fälle gehen auf die westafrikanische Variante des Virus zurück. Diese führt in Afrika, wo der Erreger endemisch ist, bei etwa einem Prozent der Erkrankten zum Tod. Es gibt auch eine zentralafrikanische Variante, bei der zehn Prozent der Fälle auf dem Kontinent tödlich verlaufen.

Die Fälle gehen auf die westafrikanische Variante des Virus zurück. Diese führt in Afrika, wo der Erreger endemisch ist, bei etwa einem Prozent der Erkrankten zum Tod. Es gibt auch eine zentralafrikanische Variante, bei der zehn Prozent der Fälle auf dem Kontinent tödlich verlaufen.

via REUTERS
Trotzdem stört sich die Genfer Virologin Isabella Eckerle an der Zuschreibung «mild». Sie sei missverständlich. «Eine Krankheit mit einer Sterblichkeitsrate von einem Prozent ist nicht das, was wir in der Medizin normalerweise als mild bezeichnen.» Die Forscherin spricht sich für die Bezeichnung «‹weniger virulente› westafrikanische Variante (im Vergleich zur zentralafrikanischen)» aus.

Trotzdem stört sich die Genfer Virologin Isabella Eckerle an der Zuschreibung «mild». Sie sei missverständlich. «Eine Krankheit mit einer Sterblichkeitsrate von einem Prozent ist nicht das, was wir in der Medizin normalerweise als mild bezeichnen.» Die Forscherin spricht sich für die Bezeichnung «‹weniger virulente› westafrikanische Variante (im Vergleich zur zentralafrikanischen)» aus.

Universität Genf

Darum gehts

Wie viele Fälle gibt es mittlerweile?

Der erste Fall des aktuellen Ausbruchs wurde Anfang Mai 2022 bei einem Reiserückkehrer in Grossbritannien aus Nigeria gemeldet. Einen Monat später sind 780 Fälle der Virus-Erkrankung bekannt, die in 27 sogenannten nicht-endemischen Ländern aufgetreten sind (Stand: 6. Juni). Nach Einschätzung der WHO ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer weltweit deutlich höher liegt. In der Schweiz gibt es gemäss BAG aktuell acht laborbestätigte Fälle (Stand: 7. Juni).

Ist die kursierende Variante wirklich «mild»?

Zwar erholen sich die mit Affenpocken infizierten Personen innerhalb einiger Wochen, jedoch kann die Krankheit für etwa einen von 100 Menschen tödlich verlaufen. Die Genfer Virologin Isabella Eckerle hält die Zuschreibung «mild» deshalb für «sehr missverständlich». Sie spricht sich für die Bezeichnung «‹weniger virulente› westafrikanische Variante (im Vergleich zur zentralafrikanischen)» aus.

Denn, so Eckerle: «Eine Krankheit mit einer Sterblichkeitsrate von einem Prozent ist nicht das, was wir in der Medizin normalerweise als mild bezeichnen.»

Zudem wisse man noch nicht, was hinter den aktuellen Fallzahlen stecke und was das für die Zukunft bedeutet, suggeriert sie in einem weiteren Tweet. Darin zitiert sie Anne Rimoin, Epidemiologin an der University of California, Los Angeles und Affenpockenforscherin: «Wir sind beunruhigt, wenn wir sehen, dass ein Virus Dinge tut, die wir normalerweise nicht sehen... Wir müssen jetzt wirklich neu bewerten, was wir über Affenpocken (...) in sehr, sehr unterschiedlichen Arten von Populationen wissen.»

Die WHO stuft das globale Risiko durch Affenpocken weiter als «moderat» ein. Es könne allerdings «ein hohes Risiko für die öffentliche Gesundheit entstehen, wenn das Virus es schafft, zu einem verbreiteten menschlichen Erreger in nicht-endemischen Ländern zu werden», hiess es.

Die US-Gesundheitsbehörde CDC spricht von zwei unterschiedlichen Strängen, die in den USA kursieren. Was heisst das?

Genetische Analysen legen die Existenz von zwei verschiedenen Affenpocken-Stämmen in den USA nahe. Laut den CDC-Fachleuten spricht das für eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass das Virus schon seit längerer Zeit unentdeckt zirkuliert. Wie lange, ist noch offen. Dafür braucht es weitere Analysen, so Jennifer McQuiston. Sie hält es für möglich, dass in den USA Affenpocken-Fälle unter dem Radar liefen, «aber nicht in grossem Masse.»

Laut dem WHO-Regionaldirektor für Europa, Hans Henri Kluge, lassen die Untersuchungen der bisherigen Fälle darauf schliessen, dass der Ausbruch in der WHO-Region Europa bereits Mitte April im Gang war. Dass die Affenpocken sogar schon seit Jahren unerkannt ausserhalb Afrikas kursieren, hält Virologin Eckerle für unwahrscheinlich: «Entweder müssen wir ernsthaft die Überwachung von neu auftretenden und wieder auftauchenden Viren auf globaler Ebene überdenken oder wir übersehen einen wichtigen Aspekt des aktuellen Ausbruchs. Ich persönlich kann mir die Zirkulation seit Jahren nur schwer vorstellen.»

Auch in der Schweiz werden Proben der Affenpocken-Infizierten analysiert. Vorläufige Ergebnisse liegen derzeit für die ersten beiden in der Schweiz identifizierten Fälle vom 21. und 24. Mai vor. Laut diesen ist deren Virussequenz «genomisch mit Fällen verknüpft, die im Zusammenhang mit dem aktuellen Ausbruch in mehreren anderen Ländern gemeldet wurden», heisst es in einer Mitteilung.

Das Affenpockenvirus ist zuletzt schneller mutiert als sonst. Was heisst das?

Das ist noch offen. Pockenviren mutieren eigentlich nur langsam. Doch die mit dem aktuellen Ausbruch verbundenen Erbgut-Sequenzen unterscheiden sich durch etwa 40 Mutationen von jenen, die vor vier Jahren sequenziert worden sind, so Richard Neher, Biophysiker an der Universität Basel.

Die Veränderungen wurden bisher in allen Proben des Ausbruchs beobachtet. Damit sei wahrscheinlich, dass alle Ansteckungen auf einen einzelnen Fall zurückgehen, schreiben Forschende um João Paulo Gomes vom portugiesischen nationalen Gesundheitsinstitut in einer Vorabveröffentlichung. Ob die Mutationen das Virus fitter machen und dadurch den Ausbruch ausserhalb Afrikas verursacht haben, zeigen die Daten nicht.

«Die grosse Mehrheit von ihnen ist wahrscheinlich für das Virus unbedeutend oder schädlich, und wir haben keine Hinweise auf eine virale Anpassung», so Neher auf Twitter. Für ihn sehe es so aus, «als seien die Mutationen eine Art Narbe, die das Virus beim Kontakt mit der Immunabwehr des Wirtes davongetragen habe», zitiert Deutschlandfunk.de den Forscher. Gomes’ Team dagegen berichtet von Indizien dafür, dass sich das Virus an den Menschen anzupassen beginnt. Eine der Veränderungen kenne man bereits aus Zentralafrika. Dort vermutet man, dass sie mit effektiverer Übertragung der Affenpocken von Mensch zu Mensch in Zusammenhang steht, schreibt Spektrum.de.

Die WHO warnt vor einer Ausbreitung der Affenpocken auf Festivals und grossen Partys – wie gross ist das Risiko?

Die Warnung stammt von Kluge: «Das Potenzial für eine weitere Übertragung in Europa und anderswo im Sommer ist hoch.» Kluge scheint es dabei vor allem um eine Sensibilisierung der Menschen zu gehen. Er betont, dass nach derzeitigen Erkenntnissen keine so umfassenden Massnahmen auf Bevölkerungsebene wie bei Corona nötig seien, da sich das Virus auf anderem Wege ausbreite. Er appelliert, die Zahl der Ansteckungen durch «klare Kommunikation, Isolierung von Infizierten und effektive Kontaktnachverfolgung» zu reduzieren, um die Ausbreitung einzudämmen. 

Ausgeschlossen sind Ansteckungen bei Grossanlässen nicht: Affenpocken können gemäss BAG «durch engen Kontakt mit einer infizierten Person erfolgen.» Sex oder Küsse braucht es dafür nicht: «Das Affenpockenvirus kann durch Tröpfchen oder infektiöse Körpersekrete oder durch kontaminierte Oberflächen von Mensch zu Mensch übertragen werden», so Esther Künzli, Stellvertretende Chefärztin vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut, zu 20 Minuten. «Allerdings braucht es dafür über längere Zeit engen Kontakt mit Infizierten.» Grundsätzlich seien Affenpocken deutlich weniger einfach von Mensch zu Mensch übertragbar als zum Beispiel Masern, Windpocken oder auch Covid-19.

Ob das Affenpockenvirus auch durch Sperma oder Vaginalsekret verbreitet werden kann, ist derzeit noch offen. Zwar haben italienische Forschende im Sperma dreier Patienten «erhebliche Mengen des Affenpockenvirus» nachgewiesen. Doch sie betonen, dass diese Ergebnisse «nicht als endgültiger Beweis für die Infektiosität angesehen werden können.» Es gebe viele andere Viren, «die im Sperma gefunden werden können, ohne dass es einen direkten Beweis für eine sexuelle Übertragung gibt.» Es brauche weitere Untersuchungen.

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