Über 90 Fälle weltweit: Affenpocken sorgen für Angst in der Bevölkerung
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Über 90 Fälle weltweitAffenpocken verunsichern Bevölkerung – Experten mahnen zur Ruhe

Am Samstag wurde der erste Schweizer Affenpocken-Fall bekannt. Angst und Unsicherheit in der Bevölkerung sind gross. Virologen fordern eine transparente Kommunikation und einen eigenen Impfstoff.

von
Seline Bietenhard
Daniel Graf
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Am Samstag wurde in Bern der erste Fall von Affenpocken in der Schweiz gemeldet.

Am Samstag wurde in Bern der erste Fall von Affenpocken in der Schweiz gemeldet.

via REUTERS
Waren frühere Affenpocken-Fälle ausserhalb Afrikas immer mit Reisen in Gebiete, in denen die Erkrankung endemisch ist, oder mit Kontakt zu Reiserückkehrenden oder kontaminierten Materialien verbunden, ist das jetzt anders.

Waren frühere Affenpocken-Fälle ausserhalb Afrikas immer mit Reisen in Gebiete, in denen die Erkrankung endemisch ist, oder mit Kontakt zu Reiserückkehrenden oder kontaminierten Materialien verbunden, ist das jetzt anders.

WHO/Nigeria Centre for Disease Control
Weltweit sind es derzeit rund 90 bestätigte Fälle.

Weltweit sind es derzeit rund 90 bestätigte Fälle.

Twitter.com/@Sander_Lab

Darum gehts

In Bern wurde am Wochenende der erste Fall von Affenpocken in der Schweiz gemeldet, weltweit sind es momentan  über 90 bestätigte Fälle. Die Unsicherheit und Angst in der Bevölkerung ist gross, viele fühlen sich an die Anfänge der Coronavirus-Pandemie erinnert.

«Ich habe gelesen, dass die Affenpocken eine Todesrate von zehn Prozent aufweisen, trotzdem wird überall nur von milden Krankheitsverläufen geredet», teilt beispielsweise eine Userin auf Twitter. Ein anderer Twitterer fragt sich, ob ein Notfallplan für den Ernstfall vorhanden sei.

«Pocken verbreiten sich viel langsamer als Corona»

Daniel Paris leitet das Departement Medizin am Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut. Er kann die Verunsicherung der Bevölkerung nachvollziehen: «Die letzten zwei Jahre waren geprägt von einer weltweiten Pandemie. Wir sind jetzt extrem sensibilisiert auf Viruserkrankungen und ihre Folgen.» Es gebe aber zentrale Unterschiede: «Wir wussten einiges weniger über SARS-CoV-2-Viren als über Affenpockenviren und die Übertragung findet auch über Aerosole statt. Das Virus kann sich deshalb um einiges schneller verbreiten als die Pocken.»

Die Übertragung der Affenpocken von Mensch zu Mensch ist laut Paris selten und nur bei engem Kontakt möglich – vor allem über grosse Tröpfchen und Körperflüssigkeiten. «Es braucht einen längeren und direkteren Kontakt als bei Covid-19», sagt Paris. Besonders gefährlich seien Wundsekrete, die auch in der Bettwäsche oder Kleidung einer mit Affenpocken infizierten Person vorhanden sein könnten. 

Daten aus früheren Ausbrüchen zeigen laut Paris, dass Affenpockenviren sich schlechter übertragen, tendenziell aber tödlicher sind als das Coronavirus: «Bei den zwei bekannten Stämmen aus Afrika liegt die Sterblichkeit bei drei bis vier respektive zehn Prozent», sagt Paris. Er betont aber: «Das heisst nicht, dass in der Schweiz jeder Zehnte an einer Infektion stirbt. Wird die Krankheit rechtzeitig erkannt und behandelt, nimmt dieser Anteil stark ab.»

«Das BAG sollte klar kommunizieren»

Beunruhigend ist laut Paris, dass im Vergleich zu früheren Affenpocken-Ausbrüchen viele Länder gleichzeitig betroffen und dass nicht alle Erkrankungen auf die Ursprungsländer der Pocken zurückzuführen sind. Auch wenn er nicht von einer weiteren Pandemie ausgeht, sollte mit Vorsicht und Respekt vorgegangen werden: «Auch die Pockenviren können mutieren. Dafür hatten sie jetzt 50 Jahre Zeit seit dem Stopp der Routineimpfung in den 1970er-Jahren (siehe unten). Dass es jetzt viel ansteckender wird, halte ich nicht für wahrscheinlich.» Die derzeitige Aufregung hat für den Experten andere Gründe: «Sie entsteht aus einer Mischung aus Übersensibilität und besseren Mitteln, um die Krankheit zu erkennen.»

Auch für den Immunologen Beda Stadler sind die Affenpocken nicht besorgniserregend. Er fordert jetzt klare Kommunikation, um Panik zu verhindern: «Das BAG sollte jetzt erklären, wie man sich mit diesem Virus anstecken kann und in welchen Fällen gar keine Gefahr besteht.» Der Immunologe fordert ausserdem Studien, die aufzeigen, ob Menschen, die als Kind gegen Pocken geimpft wurden, via Kreuz-Immunität vor Affenpocken geschützt seien. «Der Bund sollte ausserdem möglichst rasch mit der Pharmaindustrie zusammenarbeiten, um einen eigenen Impfstoff gegen die Affenpocken zu entwickeln», sagt Stadler.

Pocken wurden ausgerottet

BAG beobachtet die Lage

Auch die WHO fordert Massnahmen von den Ländern, um das Virus einzudämmen. Zeitgleich beruhigt sie jedoch auch. Für die meisten Menschen seien die Affenpocken harmlos, nur bei Risikopatienten, Kindern und Schwangeren könnten sie gefährlich werden. «Am wichtigsten ist derzeit, dass Leute, die am ehesten von einer Infektion betroffen wären, ausreichend informiert werden und dass eine weitere Ausbreitung verhindert werden kann», so die WHO auf ihrer Webseite.

Das BAG beobachtet die Situation und prüft die Verfügbarkeit von Impfstoffen. Aktuell gibt es in der Schweiz keinen zugelassenen Impfstoff. Auch eine medikamentöse Behandlung bei schwerwiegenden Fällen ist derzeit hierzulande nicht zugelassen. «Die Kanäle zur Überwachung und Bewältigung von übertragbaren Erkrankungen laufen aktiv», sagt BAG-Sprecher Daniel Dauwalder zu 20 Minuten. Es wird empfohlen, bei Symptomen wie Ausschlag, Fieber und Pusteln einen Arzt aufzusuchen. 

Was sind Affenpocken?

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