Interview: Affenpocken-Zahlen steigen – Expertin sieht trotzdem keinen Grund zur Panik   
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InterviewAffenpocken-Zahlen steigen – Expertin sieht trotzdem keinen Grund zur Panik   

Immer mehr Länder melden Infektionen mit dem Affenpockenvirus. Esther Künzli vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut erklärt, warum sie dennoch optimistisch ist, was den weiteren Verlauf des Ausbruchs angeht.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Waren frühere Affenpockenfälle ausserhalb Afrikas immer mit Reisen in Gebiete, in denen die Erkrankung endemisch ist oder mit Kontakt zu Reiserückkehrenden oder kontaminierten Materialien verbunden ist, anders.

Waren frühere Affenpockenfälle ausserhalb Afrikas immer mit Reisen in Gebiete, in denen die Erkrankung endemisch ist oder mit Kontakt zu Reiserückkehrenden oder kontaminierten Materialien verbunden ist, anders.

WHO/Nigeria Centre for Disease Control
Es ist das erste Mal, dass in Europa und den USA Infektionsketten von Affenpocken ohne bekannte Verbindung zu West- oder Zentralafrika beobachtet wurden. Am Freitag gab es laut dem Berliner Immunologen Leif Erik Sander  «108 (Verdachts)Fälle in zehn Ländern ausserhalb Afrikas.» 

Es ist das erste Mal, dass in Europa und den USA Infektionsketten von Affenpocken ohne bekannte Verbindung zu West- oder Zentralafrika beobachtet wurden. Am Freitag gab es laut dem Berliner Immunologen Leif Erik Sander  «108 (Verdachts)Fälle in zehn Ländern ausserhalb Afrikas.» 

Twitter.com/@Sander_Lab
Esther Künzli, Stellvertretende Chefärztin vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut, sieht dennoch keinen Grund zur Panik: «Nach derzeitigem Kenntnisstand brechen die Ansteckungsketten bei dem Affenpockenvirus meistens relativ schnell ab, es gab nur sehr selten sogenannte tertiäre Fälle, also Fälle, bei denen die zweite infizierte Person eine dritte ansteckt. »

Esther Künzli, Stellvertretende Chefärztin vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut, sieht dennoch keinen Grund zur Panik: «Nach derzeitigem Kenntnisstand brechen die Ansteckungsketten bei dem Affenpockenvirus meistens relativ schnell ab, es gab nur sehr selten sogenannte tertiäre Fälle, also Fälle, bei denen die zweite infizierte Person eine dritte ansteckt. »

Mimmo Muscio

Darum gehts

Der Affenpocken-Ausbruch wird immer grösser. Der erste Fall der Krankheit wurde am 7. Mai in Grossbritannien gemeldet, rund zwei Wochen später sind bereits Hunderte Fälle ausserhalb Afrikas bekannt. Betroffene gibt es am Freitagabend in Grossbritannien (20), Portugal (23), Spanien (30), Italien (1), Schweden (1), Belgien (2), USA (1), Kanada (2) und Deutschland (1). Einem weiteren Verdachtsfall wird in Australien nachgegangen. Am Morgen berichtete der Berliner Immunologe Leif Erik Sander auf Twitter von insgesamt «108 (Verdachts)Fällen in zehn Ländern ausserhalb Afrikas.»

Affenpocken ist eine seltene Erkrankung, die in Teilen Afrikas endemisch ist, also fortwährend gehäuft vorkommt. Doch auch ausserhalb des Kontinents kam es in der Vergangenheit zu Fällen: In den Jahren 2018, 2019 und 2021 wurden einzelne Infektionen in Grossbritannien beobachtet –  stets verbunden mit Reisen in Gebiete, in denen die Erkrankung endemisch ist oder mit Kontakt zu Reiserückkehrenden oder kontaminierten Materialien. Im Jahr 2003 gab es einen grösseren Ausbruch mit 70 bestätigten Fällen in den USA, verursacht durch importierte Präriehunde aus Ghana.

Bei dem aktuellen Ausbruch ist das anders: Es ist das erste Mal, dass in Europa und den USA Infektionsketten von Affenpocken ohne bekannte Verbindung zu West- oder Zentralafrika beobachtet wurden. Esther Künzli, Stellvertretende Chefärztin vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut, ordnet für 20 Minuten den Ausbruch ein.

Frau Künzli, wie sehr beunruhigen Sie die Meldungen?

Wir sollten sicher nicht in Panik verfallen. Nach derzeitigem Kenntnisstand brechen die Ansteckungsketten bei dem Affenpockenvirus meistens relativ schnell ab, es gab nur sehr selten sogenannte tertiäre Fälle, also Fälle, bei denen die zweite infizierte Person eine dritte ansteckt. Die längste beschriebene Kette umfasste sieben Übertragungen. Es ist aber auf jeden Fall wichtig, dass man die Situation eng beobachtet.

Sind die zeitgleichen Häufungen in verschiedenen Ländern denn nicht ungewöhnlich?

Im Moment fehlen uns noch epidemiologische Daten zu den Fällen, um abzuschätzen, ob und wie sie möglicherweise zusammenhängen. Durch unsere vernetzte Welt und aktive Reisetätigkeiten sind solche Häufungen schon möglich.

Könnten eine frühere Covid-19-Infektion das Immunsystem der nun Infizierten beeinträchtigt haben? Einen solchen Zusammenhang prüft die WHO aktuell bei der Hepatitis bei Kindern.

Darüber wissen wir noch zu wenig, aber ich halte es für unwahrscheinlich. Ansonsten müsste man ja diesen Effekt auch bei Krankheiten feststellen, die bei uns deutlich häufiger vorkommen als Affenpocken.

Aufgrund der Berichterstattung erscheint das Affenpockenvirus vor allem Männer zu befallen, die sexuelle Kontakte mit anderen Männern haben. Ist das so?

Das ist nicht grundsätzlich so. Der Eindruck ist aktuell entstanden, weil in einigen Meldungen der verschiedenen Länder, darauf hingewiesen wurde, dass homo- und bisexuelle Männer betroffen sind. Grundsätzlich kann sich jeder Mensch, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung, mit dem Virus infizieren und es auch verbreiten. Das Affenpockenvirus kann durch Tröpfchen oder infektiöse Körpersekrete oder durch kontaminierte Oberflächen von Mensch zu Mensch übertragen werden. Allerdings braucht es dafür über längere Zeit engen Kontakt mit Infizierten. Alle Altersgruppen und alle Geschlechter sind empfänglich. Grundsätzlich sind Affenpocken deutlich weniger einfach von Mensch zu Mensch übertragbar als zum Beispiel Masern, Windpocken oder auch Covid-19.

Sollten wir uns bei Aufenthalten mit vielen anderen Personen an einem Ort vorsehen?

Nein. Das European Centre for Disease Control stuft aktuell das Risiko für eine Verbreitung von Affenpocken in der Allgemeinbevölkerung als gering ein.

Wie wird sich der Ausbruch entwickeln?

Die CovidD-19-Pandemie hat uns aufgezeigt, dass ein Blick in die Zukunft immer schwierig ist, ausserdem fehlen uns noch viele Informationen. Trotzdem bin ich optimistisch: Das Affenpockenvirus ist weniger ansteckend als andere Infektionskrankheiten und die ganz grosse Mehrheit der Fälle verläuft mild.

Die WHO beruft Dringlichkeitssitzungen ein, Schweden hat die Affenpocken als «öffentliche Gefahr» eingestuft. Wie schätzen Sie das ein?

Eine Dringlichkeitssitzung der WHO dient dazu, eine Situation wie die aktuell bestehende durch Experten einschätzen zu lassen. Sie sagt nicht notwendigerweise etwas über die Gefährlichkeit der Situation aus, sondern dient genau dazu, diese einzuschätzen. Insbesondere bei länderübergreifenden Geschehen ist ein koordiniertes Vorgehen wichtig. Zu Schweden kann ich mich nicht äussern, ich kenne die dortige Struktur der Agenturen der öffentlichen Gesundheit und deren Definitionen nicht. In der Schweiz liegt dies in der Zuständigkeit des BAG.

Das sagt das BAG zu den Affenpocken

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