Kahlschlag : AFG entlässt jeden vierten Schweizer Mitarbeiter

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Kahlschlag AFG entlässt jeden vierten Schweizer Mitarbeiter

Schock in der Ostschweiz: Die AFG-Gruppe kündigt die Entlassung von hunderten Angestellten und Verlagerung der Produktion ins Ausland an. In der Schweiz schrumpft die Belegschaft von 1400 auf 1000.

Hauptsitz der AFG Arbonia Forster Holding in Arbon (11. März 2014).

Hauptsitz der AFG Arbonia Forster Holding in Arbon (11. März 2014).

Der Ostschweizer Bauausrüster AFG entlässt hunderte Angestellte. Nachdem es mit der Tür- und Fensterbau-Tochter Ego Kiefer jahrelang bergab ging, zieht AFG bei drei Schweizer Fabriken den Stecker. Laut dem Unternehmen sind sie zu teuer geworden, produziert wird künftig im Ausland.

Rund 400 Arbeitsplätze in der Schweiz gehen verloren, wie AFG am Donnerstag ankündigte. Die Mitarbeiterzahl in der Schweiz schrumpft damit auf 1000 – das ist noch ein Sechstel der gesamten Belegschaft.

Mit dem Rücken zur Wand

Vor allem die Division Gebäudehüllen muss nach enttäuschenden Halbjahreszahlen Federn lassen. In diesem Geschäft kann AFG nach eigenen Angaben preislich kaum noch mit Konkurrenten aus Deutschland und Österreich mithalten.

«Wir stehen mit den Produktionskosten mit dem Rücken zur Wand», sagte Interims-Chef Alexander von Witzleben an einer Medienkonferenz. Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses im Januar sei dabei ein Katalysator gewesen, die grundlegende Entwicklung habe schon lange vorher eingesetzt, sagte der AFG-Chef und Verwaltungsratspräsident.

Auslagerungen in die Slowakei und nach Deutschland

AFG will künftig günstiger im Ausland produzieren. Im März hatte AFG die Verlagerung von 150 bis 200 Stellen aus Altstätten SG in die Slowakei angekündigt. Nun weitet AFG den Abbau stark aus.

In Altstätten sollen nur noch Kunststoff-Haustüren sowie Sonder- und Expressfertigungen hergestellt werden. Ein Teil der Fensterproduktion lagert AFG an den ostdeutschen Standort Langenwetzendorf des neu erworbenen Fensterherstellers Wertbau aus.

Villeneuve wird geschlossen

Anders als noch im März angekündigt, trifft die Verlagerung zudem auch den Waadtländischen Standort Villeneuve. Die Kunststoff-Fensterproduktionsstätte schliesst AFG bis 2016.

Aber auch in der Division Gebäudetechnik will der Bauausrüster den Rotstift ansetzen. Die Sonderheizkörper-Produktion soll vom Standort Arbon TG ins tschechische Stribro verlagert werden. Insgesamt verlieren mit den am Donnerstag neu angekündigten Verlagerungen rund 320 Mitarbeitende ihren Job. Zudem will von Witzleben auch in der Verwaltung Personal abbauen.

Gewerkschaft überrascht

Über den Sozialplan für den Stellenabbau verhandelt AFG mit den Sozialpartnern. Dieser soll sich laut von Witzleben am letzten Sozialplan anlehnen. Für die Kosten der Restrukturierung will der Konzern rund 30 Millionen Franken zurückstellen.

Die Gewerkschaft Syna zeigte sich überrascht vom Ausmass des Stellenabbaus. «Umso mehr, nachdem wir den Eindruck hatten, AFG sei auf einem guten Weg», erklärte Zentralsekretär Guido Schluep auf Anfrage.

Österreichische Konkurrenz hinter sich lassen

Für die drei als Sozialpartner verhandelnden Gewerkschaften Syna, Unia und KV Ost sei nun entscheidend, möglichst viel für die Betroffenen herauszuholen. Bei der letzten Aushandlung des Sozialplans waren die Gewerkschaften laut Schluep nicht involviert. Das Resultat hätten sie auch nicht zu sehen bekommen – was unüblich sei.

AFG verfolgt mit dem Umbau grosse Ziele: Die Gruppe will zum europäischen Marktführer im Fensterbau aufsteigen und den österreichischen Konkurrenten Internorm hinter sich lassen, wie der AFG-Chef ausführte.

Aktienkurs steigt

Um den Umbau finanzieren zu können, plant AFG eine Kapitalerhöhung von rund 200 Millionen Franken. Ankeraktionär Michael Pieper und seine Artemis-Gruppe unterstützten die geplanten Massnahmen, hiess es. Auch andere Anleger zeigten sich überzeugt. Der Aktienkurs von AFG zog am Donnerstagnachmittag kräftig an. Laut der Konzernspitze können die Investoren für 2018 wieder auf eine Dividende hoffen.

Bis dann will der Konzern eine Milliarde Franken umsetzen und einen Betriebsgewinn auf Stufe EBITDA von 100 Millionen Franken erwirtschaften. Heuer aber schreibt AFG tiefrote Zahlen: Für das Gesamtjahr erwartet die Konzernspitze vor allem wegen Einmaleffekten einen Reinverlust von 160 bis 190 Millionen Franken. Der Betriebsgewinn (EBITDA) soll über 50 Millionen Franken betragen.

Millionenverlust

In der ersten Jahreshälfte 2015 schrieb AFG vor Zinsen und Steuern (EBIT) einen Verlust von 125,4 Millionen Franken, nach einem Betriebsgewinn von 5,8 Millionen Franken im Vorjahressemester. Einmalkosten und Wertberichtigungen von 122,5 Millionen Franken belasteten das Ergebnis, wie AFG erklärte.

Unter dem Strich betrug der Verlust 132,6 Millionen Franken. Der Umsatz gab um 4,9 Prozent auf 425,1 Millionen Franken nach. 2014 hatte AFG zum ersten Mal seit 2010 wieder einen Gewinn geschrieben, dieser betrug 15,1 Millionen Franken. (sda)

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