Ab in den Süden: «Afrikas Wirtschaft explodiert!»
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Ab in den Süden«Afrikas Wirtschaft explodiert!»

Bob Geldof wirbt für lukrative Investitionen in Afrika. Der Kontinent sei viel attraktiver als Asien, sagt der exzentrische Musiker und Politaktivist im Interview mit 20 Minuten Online.

von
Alex Hämmerli
Bob Geldof: Genialer Exzentriker und begnadeter Redner.

Bob Geldof: Genialer Exzentriker und begnadeter Redner.

Der irische Sänger und Politaktivist Bob Geldof hat an der Investment Conference der Privatbank Julius Bär in Zürich eine Rede zu den Investitionsmöglichkeiten in Afrika gehalten. 20 Minuten Online hat ihm auf den Zahn gefühlt.

Viele Länder in Afrika werden von korrupten Diktatoren geführt, leiden unter Armut, Kriegen und Hungersnöten. Wieso sollte jemand in einem derart riskanten Umfeld Geld investieren?

Bob Geldof: Das giftige Bild, das die meisten von Afrika haben, ist völlig fehl am Platz. Investitionen in Afrika werfen schon heute höhere Renditen ab als sonst wo auf der Welt. Das hat kürzlich eine Studie des Unternehmensberaters McKinsey gezeigt. Zudem: Alles was Sie eben über Afrika gesagt haben, könnte man auch über Asien oder Europa sagen.

Ist das Ihr Ernst?

Der Kontinent, der wirtschaftlich am meisten verkrüppelt ist, ist heute Europa. Der Hauptgrund dafür ist die Demografie: Unsere Leute werden sehr alt und es gibt immer weniger Leute, um sie zu unterstützen. Ausserdem sind wir alle bankrott.

Sie sprechen von Traumrenditen: Kommen die nicht vor allem zustande, weil sich die Investoren aus Übersee das Land und die Ressourcen unter den Nagel reissen?

Das kann ich nicht so stehen lassen. Nur 27 Prozent des Wirtschaftswachstums in Afrika basieren auf dem Abbau von Rohstoffen. Die ausländischen Direktinvestitionen haben seit 2008 enorm zugenommen, von 15 auf 58 Milliarden Dollar pro Jahr. Dazu kommt, dass Auswanderer jährlich um 40 Milliarden Dollar in die Heimat schicken. Das treibt das Wachstum gewaltig an, denn gemessen an der dortigen Kaufkraft kommt das rund 120 Milliarden Dollar gleich. Afrikas Wirtschaft explodiert förmlich!

Wie steht Afrika im Vergleich zu Asien da?

Nehmen wir die Korruption, die Sie anfangs erwähnt haben: Afrika ist diesbezüglich in einer viel besseren Situation. In China frisst die Korruption 13 Prozent des Bruttoinlandprodukts weg. In Afrika sind es sechs bis sieben Prozent. Auch bezüglich der Konflikte sieht es in China nicht gut aus, etwa im Tibet, wo die Menschenrechte mit Füssen getreten werden.

China steht nicht für ganz Asien.

In Afrika gibt es insgesamt weniger Konflikte als in Asien. Doch darüber spricht man nicht. In Indonesien floriert der radikale Islamismus und die Bevölkerung in West Papua hat gestern den Kampf gegen die Obrigkeit aufgenommen. Auch in Indien steht es nicht zum besten: Die Korruption ist allgegenwärtig und der Konflikt in Kaschmir schwelt weiter. Die Liste lässt sich fast beliebig ausbauen: Auch in Thailand, Kambodscha und in Vietnam gibt es etwa grosse Spannungen.

Das trifft aber auch auf Afrika zu …

Teilweise ja, aber Afrika ist riesig. Somalia, Äthiopien und Kenia stehen nicht für den ganzen Kontinent: Er umfasst 54 Staaten. Der Grossteil der Welt wird durch Afrika angetrieben. Wenn Afrika die Produktion einstellt, dann sind wir in Europa weg vom Fenster. Ohne Afrikas Ressourcen hätten wir keine Handys, keine Laptops oder Kühlschränke. Auch China würde zum Stillstand kommen.

Dennoch schwärmt heute kaum ein Investor von Afrika. Stattdessen drängen sie nach Brasilien, Indien oder China.

Als ich im Jahr 1982 in China war, wollte dort niemand investieren. Wenn ich damals gesagt hätte: ‹Investiert! In 25 Jahren wird sich das auszahlen.›, dann hätten mich die Leute für völlig verrückt erklärt!

Wie steht es um die Zukunft Afrikas?

Das Afrika von heute ist nicht das, was der Durchschnitts-Europäer im Kopf hat. Afrika macht uns Angst, weil wir fast nur Horror-Nachrichten im Fernsehen sehen. Den Rest bekommen wir gar nicht auf den Radar, weil es langweilig ist. Die Hälfte der afrikanischen Bevölkerung ist jünger als 16 Jahre. Das sind klassische Konsumenten, die Nike-Schuhe und iPads wollen. Afrika ist auch der Kontinent, der am schnellsten urbanisiert. Bis zum Jahr 2020 wird Afrika mehr Arbeitskräfte haben als China.

Das klingt erst einmal eher beängstigend …

Wieso denn das? Afrika ist völlig unterbevölkert. Und das Bevölkerungswachstum treibt den Konsum und damit die Industrie an. Laut dem Internationalen Währungsfonds wird das afrikanische Brutto-Kontinental-Produkt dieses Jahr um 6 Prozent wachsen. Meine Voraussage ist, dass Afrikas Konsumenten im Jahr 2020 bereits 1400 Milliarden Dollar pro Jahr ausgeben werden.

Lockt das auch internationale Konzerne an?

Unternehmen wie Google stehen da unten bereits in den Startlöchern. Und Coca-Cola wie auch Nestlé machen seit Jahren gute Geschäfte. Coca-Cola macht beispielsweise mehr Umsatz in Afrika als irgendwo sonst auf der Welt. Darüber hinaus sitzen die Afrikaner auf 60 Prozent der Landfläche, die für die Landwirtschaft geeignet ist, aber noch brachliegt. Ob Sie es mögen oder nicht: Die Lebensmittel für die kommenden Generationen werden aus Afrika kommen.

Wie sieht es mit dem Bildungsniveau aus? Schliesslich ist dieses eine der wichtigsten Grundlagen für ein gesundes Wachstum.

Fast überall in Afrika ist die Grundschulbildung mittlerweile institutionalisiert. Dies ist insbesondere dem Schuldenerlass für die afrikanischen Staaten zu verdanken.

China investiert massiv in Afrika. Ein cleverer Schachzug?

Mit Cleverness hat das nichts zu tun. China hat gar keine Wahl. Das Land braucht die Rohmaterialien für seine Produktion. Deshalb kaufen die Chinesen sämtliche Kupfer-Vorkommen und die Seltenen Erden auf …

… was zu Konflikten führt.

Natürlich. Da müssen wir aufpassen: In fast allen Kriegen der Weltgeschichte ging es um Ressourcen, sei es der Dreissig- oder Hundertjährige Krieg. Und beim Ostfeldzug Hitlers ging es beispielsweise darum, das Öl aus Rumänien zu sichern.

Wer ist Bob Geldof?

Sir Bob Geldof ist ein irischer Sänger, Geschäftsmann und Politaktivist. Als Leadsänger der Boomtown Rats feierte er grosse Erfolge, etwa mit den Liedern «I Don’t Like Mondays» oder «Do They Know It’s Christmas» – einer der bestverkauften Singles aller Zeiten. Geldof ist auch für sein Engagement gegen die Armut in Afrika bekannt. Er rief die Wohltätigkeits-Events Band Aid, Live Aid und Live 8 ins Leben. Sir Bob wurde 1986 von Queen Elizabeth II geadelt und mehrmals für den Friedensnobelpreis nominiert. Am 5. Oktober feiert er seinen 59. Geburtstag.

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