Spionage: Agenten in Wien ausgetauscht
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SpionageAgenten in Wien ausgetauscht

Das Finale des grossen Agentenkrimis folgte einem unsichtbaren Drehbuch, dessen Szenenfolge in Geheimgesprächen zwischen Moskau und Washington ausgehandelt worden war.

Nur zwölf Tage sassen die zehn russischen Agenten in US-Haft, ehe sie im Eilverfahren in New York abgeurteilt und nach Russland abgeschoben wurden. Im Gegenzug liess Moskau vier wegen Spionage verurteilte Häftlinge ausreisen. Der grösste Agentenaustausch seit mehr als einem Vierteljahrhundert demonstriert, wie ernst es beiden Ländern mit der Verbesserung ihrer Beziehungen ist.

Der Ablauf der Aktion folgte dem bewährten Beispiel aus der Zeit des Kalten Kriegs. Alle Beteiligten gaben Schuldbekenntnisse ab, deren Stichhaltigkeit im Einzelfall sicherlich angezweifelt werden darf.

Freiheit in der Fremde

Es folgte die Reise an einen neutralen Ort, um den Austausch zu vollziehen - in diesem Fall war es der Flughafen Wien-Schwechat, wo am Freitag Maschinen aus den USA und aus Russland Halt machten.

Für die einen war es ein Weg in die Heimat: Neun der zehn in den USA Festgenommenen sind Russen. Für andere war es ein Weg in die Fremde: Für die von Moskau freigelassenen Russen werden die USA zur neuen Heimat.

Vor dem Abflug hatte US-Bundesrichterin Kimba Wood in New York buchstäblich kurzen Prozess mit den Angeklagten gemacht. Einer nach dem anderen bestätigten sie mit einem kurzen «Ja», dass sie sich schuldig bekennen, sich in den USA nicht als Agent eines anderen Landes registriert zu haben.

Keine Rückkehr

Die Beschuldigten, die sich in den USA als Amerikaner ausgegeben hatten, liessen ihre Masken fallen: Die netten Vorort-Eheleute Richard und Cynthia Murphy etwa wurden wieder zu dem, was sie eigentlich sind: Wladimir und Lydia Gurjew.

Teil der vom Gericht abgesegneten Vereinbarung ist, dass die zehn Männer und Frauen nicht mehr in die USA zurückkommen dürfen. Sollten sie ihre Geschichten je für Geld verkaufen, würde dies an die US-Staatskasse fliessen.

Besonders bitter für die Kinder

Die Existenz, die sie sich über Jahre in den USA aufbauten, ist zunichte gemacht. Der Anwalt der rothaarigen Anna Chapman, die in den vergangenen Tagen dank freizügiger Fotos im Internet zu globaler Prominenz aufgestiegen war, klagte: «Das wird wohl ihr Geschäft zerstören.» Chapman war erfolgreiche Immobilienmaklerin.

Bitter ist es auch für die Kinder einiger Verurteilter, die in den USA geboren wurden: Wenn sie ihren Eltern nach Russland folgen, verlieren sie ihre Heimat. Moskau hatte extra Konsularangestellte geschickt, um den Beschuldigten das Leben in Russland schmackhaft zu machen.

Gefängnistüren öffnen sich

Parallel zu den Ereignissen in New York drehten sich in einigen russischen Gefängnissen die Schlüssel im Schloss der Zellentür. Vier Häftlingen, die wegen Kontakten mit westlichen Geheimdiensten verurteilt waren, öffnete sich der Weg in die Freiheit.

In dürren Worten erklärte der Kreml, worauf es bei der Angelegenheit eigentlich ankam: «Diese Massnahmen wurden im allgemeinen Kontext der verbesserten Beziehungen zwischen den USA und Russland ausgeführt.» Im Klartext: Ihre jüngsten Erfolge bei der Überwindung der politischen Konfrontation war Moskau und Washington ist wichtiger als das Schicksal einiger Agenten.

(sda)

«Der Dritte Mann» lässt grüssen

Es ist wohl kein Zufall, dass die USA und Russland in der spektakulären Spionageaffäre Wien als Schauplatz ihres Agentenaustauschs gewählt haben. Die österreichische Hauptstadt ist seit jeher ein Magnet für Spione aus aller Welt.

Dem Wien zur Zeit des Kalten Krieges hat der berühmte Agententhriller «Der dritte Mann» mit Orson Welles in einer der Hauptrollen ein Denkmal gesetzt.

Der Kalte Krieg ist seit 20 Jahren vorbei, doch auch heute finden Spione aus Ost und West in Wien einen Ort, an dem sie relativ unbehelligt ihrer geheimen Tätigkeit nachgehen können.

«Österreich ist immer noch ein bevorzugter Ort für Agenten», sagte Siegfried Beer, Leiter des Zentrums für Geheimdienst, Propaganda und Sicherheitsstudien ACIPSS in Graz, nach dem Mord an einem tschetschenischen Oppositionellen im vergangenen Jahr.

Die Spione seien den Behörden oft bekannt, würden aber selten in ihrer Tätigkeit behindert. «Alles wird mit Wohlwollen und Diplomatie geregelt. Da gibt es hier eine lange Tradition.»

Nach Einschätzung von Experten hat Wien als Drehscheibe zwischen West und Ost weltweit mit die höchste Agenten-Dichte. Wien ist Sitz zahlreicher internationaler Gremien wie der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) und der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA).

In der Stadt an der Donau wohnen nicht weniger als 17 000 Diplomaten - ungefähr die Hälfte von ihnen hat nach Einschätzung Beers Verbindungen zu den Geheimdiensten.

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