Agrotourismus: Eine Nische, aber kein Nebeneinkommen
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Agrotourismus: Eine Nische, aber kein Nebeneinkommen

Übernachten im Stroh, Festessen, Ferienwohnung mit Familienanschluss: Schweizer Bauern können Gästen einiges bieten. Der blühende Agrotourismus bringt der Landwirtschaft gesamthaft aber kein relevantes Nebeneinkommen.

Zum Beispiel die Rehalp in Bischofszell TG: Eugen und Brigitt Schmid bewirten in ihrem Partyraum mit bis 120 Plätzen rund zehn Mal pro Jahr Gesellschaften. Für Eugen Schmid ist das ein untergeordneter Betriebszweig, wie er sagt. "Wir machen es gerne, und am Schluss bleibt immer etwas für uns."

Wohnungen, Zimmer, Zeltplätze

Bei der Werbung zählen Schmids auf Mund-zu-Mund-Propaganda und eine eigene Internetseite. Andere sind organisiert: Dem Verein Ferien auf dem Bauernhof sind gegen 250 Höfe angeschlossen. Alle müssen Qualitätsanforderungen erfüllen. Die Reservationen besorgt die Schweizer Reisekasse Reka.

Geboten werden Wohnungen, Zimmer und Zeltplätze und der Kontakt zu den Gastgebern, wie Vereinspräsidentin Rita Barth sagt. Die Gäste könnten die Bauern bei der Alltagsarbeit begleiten, aber auch selber Hand anlegen. Das diene dem Image der ganzen Landwirtschaft.

Der Verdienst variiere je nach Angebot. Barth bietet in Altnau TG selbst 22 Gästebetten an und hat damit einen Betriebszweig aufgebaut. "Es ist ein schönes Gefühl, als Gastgeberin geschätzt zu werden", sagt sie.

Die laufende Teilrevision des Raumplanungsgesetzes würde den Ferienanbietern entgegenkommen, ist Barth überzeugt. Räume könnten leichter umgenutzt und damit Arbeit auf den Höfen behalten werden. Die Nachfrage nach Bauernhof-Ferien sei grösser als das Angebot.

Strohtouren in der Zentralschweiz

Der Verein Schlaf im Stroh! hat landesweit 240 Mitglieder. 26 Innerschweizer Betriebe bieten gemeinsam Wander- und Velotouren, aber auch Kanu-Ausflüge auf dem Vierwaldstättersee an. Geschlafen wird bei Bauern, wie Brigitte Keller von der Buchungs- und Geschäftsstelle von Strohtouren Zentralschweiz sagt.

Gebucht werden die Packages - Reiseunterlagen inklusive - zum grössten Teil via Internet. Die beteiligten Betriebe zählten im Jahr zwischen 150 und über 1000 Übernachtungen, sagt Keller.

Für die meisten Anbieter bleibe das Schlafen im Stroh ein Nebenerwerb, für den behördliche Auflagen zu erfüllen seien. Ein ähnliches Angebot für Wanderer und Radfahrer gibt es in der Ostschweiz.

"Nicht unbedeutende Nische"

Aus Sicht von Schweiz Tourismus sind Gästebetten auf Bauernhöfen eine "nicht unbedeutende Nische, um das Angebot abzurunden", wie Sprecher Oliver Kerstholt sagt. Damit könne vom Fünf-Sterne-Hotel bis zur einfachsten Unterkunft alles angeboten werden.

Die Vereine Ferien auf dem Bauernhof und Schlaf im Stroh! sind Mitglieder von Schweiz Tourismus. Ferien auf dem Bauernhof verzeichnete nach Angaben des Dachverbandes 2005 95 707 Logiernächte. Für Schlaf im Stroh! wies die Statistik von 2003 34 883 Logiernächte aus.

Nebeneinkünfte immer wichtiger

Nach Angaben des Schweizerischen Bauernverbandes (SBV) haben zwar immer mehr Bauern einen Nebenerwerb. Der Agrotourismus ist aber laut Sprecherin Sandra Helfenstein für die unter Druck stehende Landwirtschaft nicht der Rettungsanker, auch wenn das Wirten für einzelne Betriebe ein wichtiges Standbein sein könne.

Daran wird laut Helfenstein auch das revidierte Raumplanungsgesetz nichts ändern. Wer einen Zusatzverdienst brauche, suche meist auswärts Arbeit. In der Schweiz gibt es derzeit rund 47 000 Bauernbetriebe, die hauptsächlich von der Landwirtschaft leben. (sda)

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