Aktualisiert 10.10.2016 15:17

Teilzeit-Papis«Ah, gehst du wieder nach Hause chillen?»

Vätern falle es schwer, Teilzeit zu arbeiten, weil sie keine Bestätigung bekommen, sagt Lu Decurtins, Fachmann für Geschlechterfragen.

von
B. Zanni
Laut Lu Decurtins habe Teilzeit-Väter viele Neider. Dass die Arbeit mit Kindern streng sei, werde zu oft unterschätzt.

Laut Lu Decurtins habe Teilzeit-Väter viele Neider. Dass die Arbeit mit Kindern streng sei, werde zu oft unterschätzt.

Sandro di Carlo Darsa

Herr Decurtins, laut einer Studie des Instituts Sotomo arbeiten 87 Prozent der Väter Vollzeit. Dagegen hat nur jede fünfte Mutter ein volles Pensum. Wie erklären Sie sich diesen Graben?

Viele Männer haben Mühe, ihre Rolle als Alleinernährer abzugeben. Oft haben sie das Gefühl, es fehle ihnen etwas.

Was vermissen sie?

Arbeit gibt den Männern Identität, Bestätigung und Sicherheit. Am Abend sehen sie ihre Leistung und bekommen dafür allenfalls Wertschätzung. In der Arbeit als Vater erhält man diese Bestätigung nicht. Manchmal ist man einen Tag für die Kinder herumgerannt, die Wohnung ist unordentlich und abends ist man müde und auch noch unzufrieden. Den Dank dafür erhält man allenfalls erst viel später. Es gibt aber auch Väter, die mit schrägen Blicken nicht klarkommen.

Wann werden sie schräg angeschaut?

Tagsüber unter der Woche. Ein Mann, der morgens einkaufen geht oder mit den Kindern im Dorf herumspaziert, fällt auf. Auch ich kam mir anfangs immer wieder komisch vor.

Was hält Väter noch davon ab, Teilzeit zu arbeiten?

Sobald ein Kind auf der Welt ist, rutschen viele Familien wieder in das alte Rollenbild. In der neuen und herausfordernden Situation greift man auf das scheinbar Bewährte zurück. Zusätzlich erschwerend sind die beruflichen Hürden. Viele Männer trauen sich nicht, dem Chef zu sagen, dass sie ihr Pensum für die Familie reduzieren wollen. Sie haben Angst, abgewertet zu werden oder sogar die Kündigung zu bekommen. Oft gestehen sie nicht einmal ihren Kollegen, dass sie das Pensum gern reduzieren würden. Dabei geht es anderen Vätern gleich.

Wovor fürchten sie sich?

Teilzeit-Väter haben viele Neider. Sie hören blöde Sprüche wie: «Ah, gehst du wieder nach Hause chillen» oder «Machst du wieder drei Tage Wochenende?» Dass die Arbeit mit Kindern streng ist, wird zu oft unterschätzt.

Wie kann man das Modell Teilzeit-Vater durchsetzen?

Es ist wichtig, dass Väter von Anfang an in die Kinderarbeit einbezogen werden. Das fängt schon beim Windelnwechseln und beim Aufstehen in der Nacht an. Zudem muss sich die Gesellschaft schon im Jugendalter auf eine engagierte Vaterrolle vorbereiten. Super finde ich auch, dass sich Babysitting-Kurse für junge Männer öffnen. Männliche Kinderbetreuung soll selbstverständlich werden. Meine Erfahrung zeigt auch, dass Buben sehr offen dafür sind, sich aber manchmal vor Kollegen schämen. Auch brauchen sie «coole» Rollenvorbilder.

Wie meinen Sie das?

Im Internet fand ich keinen einzigen Film von einem «normalen», für Jungs als Vorbild taugenden Mann bei der Hausarbeit. Bilder von Teilzeit-Vätern mit Birkenstocksandalen und zerknitterten Kleidern schrecken ab. Solche Männer gelten schnell einmal als Weicheier. Also filmte ich für meinen Vortrag in der Berufsschule einen Freund von mir. Er ist ein Teilzeit-Hausmann, Secondo und ein sportlicher, gut aussehender Mann, so im Stil von Luís Figo (ehemaliger portugiesischer Fussballer, Anm. der Red.). Auf dem anderen Video zeigte ich ein Interview mit einem Teilzeithausmann, der hobbymässig erfolgreicher DJ ist. Damit gelang es mir, zu zeigen: Auch so können Männer aussehen, die sich in der Kinderbetreuung engagieren!

«Ich habe nicht Kinder gemacht, damit ich sie nie sehe», sagt ein «cooler Teilzeit-Vater» im Interview mit Lu Decurtins:

Cooler Teilzeitpapi

Video: Lu Decurtins

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