Böse Überraschung: AHV verrechnet Wucherzinsen
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Böse ÜberraschungAHV verrechnet Wucherzinsen

Die Zinsen sind derzeit so tief, dass Geld fast gratis ist. Doch ausgerechnet die AHV verlangt von Selbständigen, die sich beim Vorsorgewerk zu tief einschätzen, wahre Wucherzinsen.

von
Lukas Hässig
Die Verzugszinsen der AHV bereiten manchem selbständig Erwerbenden Kopfschmerzen.

Die Verzugszinsen der AHV bereiten manchem selbständig Erwerbenden Kopfschmerzen.

Der Kleinunternehmer staunt nicht schlecht über die Schlussabrechnung seiner Ausgleichskasse: Da gibt es zum einen eine hohe Summe, die fällig ist, weil sich der Selbständige während langer Zeit zu tief eingeschätzt hat. Das ist kein Drama – entweder man zahlt zu viel ein, dann gibts eine Rückerstattung vom Vorsorgewerk. Oder man ist eben im Rückstand, dann weiss man, dass irgendwann eine Nachzahlung fällig wird.

So weit, so gut. Dann aber verschlägt es unserem KMUler fast den Atem: Auf die geschuldete Totalsumme werden Verzugszinsen dazugeschlagen; und zwar nicht etwa in Höhe von 1,5 bis 2 Prozent, wie das derzeit bei den Steuern üblich ist, sondern satte 5 Prozent werden in Rechnung gestellt. Wie bitte?, fragt sich der Betroffene. Die Nationalbank leiht den Geschäftsbanken Milliardensummen zu praktisch 0 Prozent. Die AHV hingegen, notabene wie die Nationalbank eine dem Staat verpflichtete Institution, verrechnet eine Art Wucherzins. Das kann doch nicht wahr sein!

Kann es sehr wohl. Denn so will es das zuständige Gesetz und die entsprechenden Verordnungen des Bundesrats. Die kantonalen AHV-Stellen verweisen auf Bern. «Die Höhe der Verzugszinsen wird in der Verordnung über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (Art. 41bis AHVV) vom Bundesrat unter Mitwirkung des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) festgelegt», schreibt die Sozialversicherungsanstalt Zürich (SVA), man habe auf die Höhe keinerlei Einfluss. «Die Verzugszinsen, die die SVA Zürich erhebt, müssen unverzüglich dem AHV-Ausgleichsfonds in Genf weitergeleitet werden.»

Selbständige sind selbst schuld

Laut Mirjam Frey, Sprecherin der SVA Zürich, werden Selbständige häufig von hohen Verzugszinsen auf dem linken Bein erwischt. Der Grund liege im Versuch, sich möglichst tief einzuschätzen. «Wir machen in der Praxis leider oft die Erfahrung, dass man hohe AHV-Beitragsrechnungen verhindern möchte und eher tiefe Angaben macht», sagt Frey. Die Strategie führe bei der Schlussabrechung zu langen Gesichtern. «Erhalten wir dann die definitive Einschätzung des Steueramtes, muss eine Nachtragsrechnung mit Verzugszinsen gestellt werden», sagt die SVA-Frau.

Klingt vernünftig. Nur ändert das nichts daran, dass 5 Prozent in der heutigen Zinslandschaft ungeheuerlich anmuten. Das erinnert an Zinssätze, welche die Grossbanken ihren internationalen Investoren bieten müssen, um an frisches Risikokapital heranzukommen. Die AHV-pflichtigen Selbständigen sind aber in der Regel keine Grossverdiener, sondern Kleinunternehmer, die knapp budgetieren und keinen grossen Aufwand für Bürokratie und Formularkriege betreiben.

«Regelmässig in unserem Newsletter»

Weisen die Sozialversicherungen genügend deutlich auf die Wucher-Verlustzinsen hin? Immerhin ist nicht einsichtig, warum die AHV mehr als das Doppelte an Zinsen verlangen sollte wie die Steuerbehörden. In Zürich würde man die Beitragspflichtigen immer wieder auf die Problematik hinweisen, meint Mirjam Frey. Das beginne «bereits mit der Informationsbroschüre, die alle Kundinnen und Kunden nach der Anmeldung bei der SVA Zürich erhalten» würden.

Das sei aber noch längst nicht alles, meint Frey. «Nach der umfassenden Erstinformation machen wir jeweils anfangs Jahr beim Versand der Beitragsverfügung sowie dem dazugehörigen Begleitschreiben auf den Verzugszins aufmerksam.» Zudem würde in der jährlichen Lohndeklaration darauf hingewiesen. Des Weiteren stünde das Nötige in einem Merkblatt für Selbständigerwerbende, und die Thematik würde «regelmässig in unserem Newsletter aufgegriffen». Schliesslich würde man in Zürich die Kunden im «persönlichen und schriftlichen Kontakt» auffordern, das eigene Einkommen der tatsächlichen Situation anzupassen.

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