Aktualisiert 04.04.2012 14:40

Ironischer ProtestAi Weiwei bespitzelt sich jetzt selbst

Ein Jahr nach seiner Inhaftierung hat der chinesische Künstler Ai Weiwei in seiner Wohnung vier Webcams installiert. Nun kann alle Welt sehen, wie es sich unter Beobachtung des Regimes lebt.

von
pbl
Vier Webcams «überwachen» Ai Weiweis Schreibtisch, sein Bett und seinen Innenhof.

Vier Webcams «überwachen» Ai Weiweis Schreibtisch, sein Bett und seinen Innenhof.

Am 3. April 2011 war Ai Weiwei auf dem Weg nach Hongkong am Pekinger Flughafen abgeführt und wochenlang an einem unbekannten Ort inhaftiert worden. Ende Juni kam Chinas bekanntester Künstler gegen Kaution frei. Seither steht der 54-Jährige in seinem Haus in Peking unter 24-stündiger Beobachtung. Die Behörden werfen ihm unter anderem Steuerhinterziehung von rund zwei Millionen Franken vor.

Ai Weiwei bestreitet die Vorwürfe. Zum Jahrestag seiner Festnahme hat der Künstler auf seine Art auf die staatlichen Schikanen reagiert: In einer symbolischen Geste installierte er am Dienstag vier Webcams in seinem Haus. «In meinem Leben gibt es so viel Überwachung und Beobachtung, also dachte ich mir, warum nicht noch ein paar Kameras, damit die Leute alle meine Aktivitäten sehen können», sagte Ai der Nachrichtenagentur AFP.

Alles wird überwacht

In seinem Leben werde alles überwacht, erklärte Ai weiter, sein Telefon, sein Computer. Ausserdem sei sein Haus durchsucht worden. Wenn er weggehe, werde er verfolgt, vor seinem Haus seien Kameras installiert. Die nun eingerichteten Webcams sind ein ironischer Protest gegen diese Bespitzelung, wie er typisch ist für einen Künstler, der provokative Aktionen nie gescheut hat. Sie befinden sich über seinem Bett und seinem Schreibtisch sowie im Innenhof und können über die Website weiweicam.com abgerufen werden. Der Zugriff funktioniert allerdings nur zeitweise. Unklar ist, ob die Internet-Zensur oder Überlastung dafür verantwortlich ist.

Ai Weiwei gegen Kaution auf freiem Fuss

Ai Weiwei ist nicht nur Künstler, sondern auch einer der bekanntesten Regimekritiker Chinas. Für Aufsehen sorgte er nach dem schweren Erdbeben in der Provinz Sichuan im Mai 2008, als er die schlechte Bauqualität vieler Schulen anprangerte. Diese war seiner Ansicht nach für den Tod von mehr als 5000 Kindern verantwortlich, wurde von den Behörden jedoch beschönigt. Aus Protest distanzierte er sich auch von seiner Mitarbeit am «Vogelnest», dem von den Basler Architekten Herzog & de Meuron erbauten Olympiastadion in Peking, das rund 500 Millionen Franken gekostet hatte.

Auflagen enden am 22. Juni

Im Herbst 2009 war Ai Weiwei in einem Hotel in Chengdu von der Polizei schwer verprügelt worden, worauf er in München wegen eines Blutergusses im Kopf operiert werden musste. Im folgenden Jahr wurde er unter Hausarrest gestellt. Vor einer Verhaftung des international gefeierten Aktionskünstlers schreckten die Behörden jedoch zurück – bis zum letzten April. Beobachter machen die Nervosität in der kommunistischen Führung nach Ausbruch des Arabischen Frühlings dafür verantwortlich, dass auch Ai nicht mehr verschont wurde.

Ein Jahr danach fühle er sich «okay», sagte der 54-Jährige gemäss AFP. Er habe sein Gewicht wiedererlangt, das er während der Haft verloren habe und bereite derzeit eine Ausstellung für den Herbst in Washington vor. Bis heute habe er keine Erklärung von den Behörden erhalten, warum er unter Beobachtung stehe. Die mit seiner Freilassung auf Kaution verbundenen Auflagen enden am 22. Juni. «Ich denke, ich bin dann ein freier Mann, es sei denn, sie beschuldigen mich erneut und werfen mich ins Gefängnis», sagte Ai.

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