Pubertätstag: Aidshilfe leitet Kids zu Masturbation an
Aktualisiert

PubertätstagAidshilfe leitet Kids zu Masturbation an

Die Aids-Hilfe gibt Schülern während der Unterrichtszeit eine Anleitung zur Selbstbefriedigung. Konservative Kreise sind entsetzt. Der Kanton will am Angebot festhalten.

von
J. Büchi
Schüler im Sexualunterricht: Die Aidshilfe gibt dabei auch Anleitungen zur Selbstbefriedigung.

Schüler im Sexualunterricht: Die Aidshilfe gibt dabei auch Anleitungen zur Selbstbefriedigung.

Aufregung um den «Pubertätstag» an der Sekundarschule in Binningen (BL): Die Schüler seien an der von der Aids-Hilfe organisierten Veranstaltung instruiert worden, «bei welchen Sexualstellungen der beste Orgasmus erzielt werden kann oder wie beim Masturbieren Gleitgel zu verwenden sei», schreibt die «Basler Zeitung». Ausserdem seien bereits 12-Jährigen Kondome verteilt worden. Die Schulleiterin Caroline Stähelin räumt im Artikel ein, das sei wohl «nicht im Sinne der Sache». Offiziell geht es am Thementag um Gesundheitsförderung und damit verbundene Themen wie Liebe und Sex. Die Lehrer mussten während des Spezialunterrichts draussen bleiben.

Auch Barbara Grassi, Leiterin des Elternrates der Sekundarschule Binningen, war etwas überrascht, als ihre Tochter ihr vom Pubertätstag berichtete. «Gewisse Sachen waren ihr schon etwas peinlich», so die Mutter gegenüber 20 Minuten. Die Klasse sei etwa gefragt worden, wer regelmässig Pornos schaue. «Man kann darüber diskutieren, ob das noch zur Gesundheitsprävention gehört.» Grundsätzlich finde sie es aber sinnvoll, dass die Jugendlichen mit dem Thema Sex konfrontiert würden – auch ihre Tochter habe den Tag insgesamt positiv erlebt.

Ulrike Walker, vierfache Mutter und Co-Präsidentin des Initiativkomitees «zum Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule», lehnt solche Präventionstage hingegen klar ab. «Sie verletzen die emotionale Integrität der Kinder», ist sie überzeugt. «Fragen zu Masturbation, Orgasmen oder sexuellen Praktiken gehören wohl kaum zum Bildungsauftrag der Schule.» Es sei stossend, dass die Veranstaltung obligatorisch sei und erst noch in Abwesenheit der Lehrer stattfinde.

«Wir fordern niemanden zur Selbstbefriedigung auf»

Daniel Stolz, Geschäftsführer der Aids-Hilfe der beiden Basel, beschwichtigt: «Wir wissen, dass Sexualität ein heikles Thema ist.» Kernbotschaft des Pubertätstags sei die Prävention von HIV und anderen übertragbaren Geschlechtskrankheiten. «Diese kann man aber nicht einfach von anderen Fragen zur Sexualität trennen.» Themen wie Selbstbefriedigung stünden am Präventionstag zwar nicht im Mittelpunkt. «Fragen dazu tauchen aber so gut wie immer auf. Diese beantworten wir und betonen, dass Masturbation nichts Verbotenes oder gar Gesundheitsschädigendes ist.»

Es liege den verantwortlichen Fachpersonen fern, sexuelle Handlungen zu forcieren: «Die Jugendlichen werden von uns nicht zur Selbstbefriedigung aufgefordert», stellt Stolz klar. Auch die Kondome würden nicht mit dem Ziel verteilt, dass sie gebraucht werden müssen. Es gehe in erster Line darum, zu zeigen, was ein Präservativ ist und wie es funktioniert.

Aus Stolz' Sicht ist es richtig, dass die Lehrer abwesend sind, wenn die Jugendlichen ihre intimen Fragen stellen: «Für die Schüler ist es so schon genug schwierig, über ihre Sexualität zu reden. Sie stellen ihre Fragen lieber einer Person, die sie nachher nicht mehr sehen, als ihrem Biologielehrer.» Aus demselben Grund werde auch geschlechtergetrennt unterrichtet: Die Hemmungen seien geringer, wenn Mädchen und Buben jeweils unter sich seien.

«Manche haben schon mit zwölf Sex»

Jugendpsychologe Urs Kiener von Pro Juventute bestätigt, solche Angebote seien wichtig: «Eltern oder Lehrpersonen sind oft selber unsicher und dankbar für die Hilfe von Experten.» Bei der Aufklärungsarbeit müsse berücksichtigt werden, dass die sexuelle Entwicklung in der Pubertät sehr verschieden verlaufe.

So sei auch der Zeitpunkt, wann Jugendliche sexuell aktiv würden, sehr individuell. «Manche haben mit 12 schon Sex, andere mit 17 oder 20.» Die Abgabe von Kondomen an Zwölfjährige sei deshalb angemessen. «Der flächendeckenden Prävention ist es zu verdanken, dass die Schweiz eine der niedrigsten Raten bei Teenagerschwangerschaften hat.»

Kanton hält an Pubertätstagen fest

Beim Bildungsdepartement des Kantons Basel-Landschaft heisst es auf Anfrage, beim Präventionsunterricht handle es sich um einen «wertvollen Beitrag im Rahmen des Gesundheitsförderung». Es gebe derzeit «keine gewichtigen Gründe», etwas an der Veranstaltung zu ändern. Davon zeuge auch die grosse Nachfrage nach dem Angebot. Daniel Stolz von der Aids-Hilfe bestätigt, fast in allen Kantonen und Schulhäusern gebe es ähnliche Angebote, wobei die Einsätze meist stundenweise stattfänden.

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