Wegen Corona - Airline streicht Heimflüge – Zürcher Migrationsamt lässt Brasilianerin verhaften
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Wegen CoronaAirline streicht Heimflüge – Zürcher Migrationsamt lässt Brasilianerin verhaften

Als sich die in der Schweiz gestrandete Brenda (36) beim Migrationsamt über die weiteren Schritte informieren will, ruft dieses die Polizei. Das Migrationsamt habe «krass unverhältnismässig» reagiert, sagt Rechtsanwalt Marc Spescha.

von
Daniel Krähenbühl
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Brenda (li.) besuchte ihre Schwester Caty (re.) in der Schweiz. Aufgrund der Pandemie fielen ihre Rückflüge immer wieder aus.

Brenda (li.) besuchte ihre Schwester Caty (re.) in der Schweiz. Aufgrund der Pandemie fielen ihre Rückflüge immer wieder aus.

Privat
Mehrmals wurde ihr Flug auf einen neuen Termin gelegt. 

Mehrmals wurde ihr Flug auf einen neuen Termin gelegt.

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Ihren Flug am 16. April konnten Brenda und ihre Tochter wahrnehmen.

Ihren Flug am 16. April konnten Brenda und ihre Tochter wahrnehmen.

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Darum gehts

  • Brenda (36) besuchte mit ihrer Tochter (9) im November ihre Familie in der Schweiz.

  • Wegen Corona konnte sie im Februar nicht zurück nach Brasilien fliegen.

  • Alle weiteren Flüge wurden im Februar und März gestrichen. Als sie sich im Migrationsamt über die weiteren Schritte informieren wollte, rief eine Beamtin die Polizei.

  • Dass das Migrationsamt die Frau gleich vor Ort verhaften liess, sei «äusserst stossend», sagt der Rechtsanwalt Marc Spescha.

Sie musste sich entblössen, sich einer Leibesvisitation unterziehen, ihre Fingerabdrücke abgeben: Nun droht Brenda (36) gar ein mehrjähriger Landesverweis. Ihr Vergehen: Ende November besuchte sie mit ihrer neunjährigen Tochter von Brasilien aus ihre in der Schweiz lebende Schwester Caty (28) und ihre Mutter. Als sie im Februar – noch vor Ablauf ihres Touristenvisums – zurück nach Rio de Janeiro reisen wollte, cancelte ihre Fluggesellschaft einen gebuchten Flug nach dem anderen.

Wie Marisa Ferreira, Mediensprecherin von TAP Air Portugal, auf Anfrage von 20 Minuten bestätigt, hat die portugiesische Regierung seit Februar 2021 aufgrund der Covid-19-Situation alle Flüge zwischen Brasilien und Portugal ausgesetzt. «Meine Schwester strandete also unverschuldet in der Schweiz», sagt Caty. Mehrmals sei ihnen von der Gemeinde bestätigt worden, dass es – solange Brenda weiterhin Anstrengungen unternimmt, zurück zu reisen – keine Probleme mit dem abgelaufenen Visum gebe.

Als die Schwestern schliesslich am Mittwoch beim Migrationsamt Zürich vorstellig wurden, um weitere Informationen zu erhalten, reagierte dieses unwirsch: «Die Dame am Schalter sagte uns, dass sie meine Schwester jetzt verhaften lassen muss, da sie sich illegal in der Schweiz aufhalte», sagt Caty. «Auch mich hat sie gleich verdächtigt und überprüfen lassen.»

Drohendes Einreiseverbot

Ob der Behandlung seien sie schockiert gewesen: «Meine Schwester wurde wie eine Schwerverbrecherin behandelt.» So sei sie von den Polizeibeamten auf das Revier gebracht worden, wo sie sich einer Leibesvisitation unterziehen musste und befragt worden sei. «Da sie vorweisen konnte, dass sie am Freitag ein Flugticket gebucht hat, haben sie sie am Abend gehen lassen.» Trotzdem habe sie ihre Fingerabdrücke abgeben müssen, zudem kassiere sie nun wohl noch eine Anzeige und ein Einreiseverbot zwischen zwei und fünf Jahren.

«Für uns wäre es brutal, wenn wir uns nun für Jahre nicht mehr sehen könnten», sagt Caty. «Und das nur, weil uns nicht gesagt wurde, dass wir uns gleich im Migrationsamt melden müssten.» Einen Direktflug aus der Schweiz zu buchen, habe sich die Familie nicht leisten können: «Wir haben lange darauf gespart, dass Brenda und ihre Tochter uns besuchen können.»

Vorgehen des Migrationsamts laut Anwalt «stossend»

Als «krass unverhältnismässig» beurteilt Marc Spescha, Rechtsanwalt und Lehrbeauftragter für Migrationsrecht an der Universität Freiburg, das Vorgehen des Zürcher Migrationsamtes und der Polizei. Rechtlich gesehen stelle die Pandemie ein objektives Rückkehrhindernis dar. Dass pandemiebedingte Umstände keine migrationsrechtliche Benachteiligungen rechtfertigen können, habe auch Bundesrätin Keller-Sutter schon im vergangenen Mai zu Handen der Kantone festgehalten. «Die vom Vorfall betroffene Frau hat nicht mit Wissen und Wollen über die Visumsfrist hinaus in der Schweiz bleiben wollen. Die Stornierungen der Flüge können ihr offensichtlich nicht angelastet werden.» Dass das Migrationsamt die Frau gleich vor Ort verhaften liess, sei «äusserst stossend, da völlig unnötig».

Auch das Verhalten der Polizei werfe Fragen auf: «Wieso musste die Frau eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen, wenn es keine Anhaltspunkte für eine einschlägige Straftat gibt?», fragt Spescha. Der Frau empfehle er, sich gegen eine Busse und ein allfälliges Einreiseverbot zur Wehr zu setzen: «Indem sie ihren Flug immer wieder umgebucht hat, hat sie den Tatbeweis, dass sie am sogenannten Overstay keine Schuld trägt, in eindrücklicher Weise erbracht.»

Brenda konnte am Freitag mit TAP zurück nach Brasilien fliegen. Eine Anfrage beim Zürcher Migrationsamt blieb bislang unbeantwortet.

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