Wegen Wohnungsnot: Aktivisten besetzen ein ganzes Haus im Bruchquartier
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Wegen WohnungsnotAktivisten besetzen ein ganzes Haus im Bruchquartier

Im Kanton Luzern stehen über 2500 Wohnungen leer. Aktivistinnen und Aktivisten wollen dagegen vorgehen und besetzen in der Luzerner Bruchstrasse ein historisches Gebäude.

von
Yann Bartal
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«Die Häuser denen, die sie beleben» steht auf dem Transparent, das seit gestern Nacht vom Balkon der Bruchstrasse 64 hängt.

«Die Häuser denen, die sie beleben» steht auf dem Transparent, das seit gestern Nacht vom Balkon der Bruchstrasse 64 hängt.

20 Minuten

Darum gehts

Den Bewohnenden des historischen Gebäudes an der Bruchstrasse 64 wurde vor gut drei Jahren gekündigt. Seitdem steht die unscheinbare Immobilie mitten im Luzerner Bruchquartier leer. Geplant war eine umfassende Kernsanierung der Liegenschaft mit sechs Wohnungen und Liftanbau im Innenhof – saniert wurde sie bis jetzt nicht, dafür aber mehrmals weiterverkauft.

Seit Dienstag, 21. Juni, ist das Gebäude aber wieder belebt – eine Aktivistengruppe ist in der Nacht in das leerstehende Haus eingedrungen. Transparente und Plakate an der Fassade zeugen davon, dass das Haus besetzt ist. In einem Communiqué formulieren die Aktivisten und Aktivistinnen ihre Motive: Städtisches Wohnen dürfe niemals ein Privileg sein.

Luzern gehört denen, die darin wohnen, arbeiten, leben – denen, die Luzern beleben.

Bruch Besetzerinnen und Besetzer

Mit der Besetzung der Bruchstrasse 64 wollen sich die Besetzerinnen und Besetzer gegen die Spekulation mit Häusern und Lebensräumen auf Kosten der breiten Bevölkerung wehren. Es dürfe nicht sein, dass leerstehende Häuser absichtlich dem Zerfall überlassen werden, während ihr Wert durch den guten Standort und die enorme Wohnungsknappheit kontinuierlich steigt, schreiben die Aktivisten und Aktivistinnen.

Hoher Leerstand an Wohnungen

Die Besetzung wirft aus Sicht des Mieterverbandes die richtigen Fragen auf: Der «Skandal» sei der Leerstand. «Es gibt eine Verknappung an Wohnungen im ganzen Kanton Luzern. Vor allem der Anteil preisgünstiger Wohnungen geht zurück», informiert Daniel Gähwiler, Co-Geschäftsleiter des Mieterinnen- und Mieterverbands.

Der Skandal ist der Leerstand.

Mieterverband Luzern

Auch das Haus an der Bruchstrasse stand nun längere Zeit leer und die Wohnungen befinden sich offenbar in furchtbarem Zustand.

Immobilie im Besitz einer der reichsten Schweizer

Die Besitzer können sich diesen Leerstand offensichtlich leisten. Zuletzt ging die Immobilie in den Besitz der Corgi Real Estate AG mit Sitz in Zug über, dessen Präsident Fritz Burkard zu einer der 60 reichsten Familien in der Schweiz gehört – das Vermögen der Familie Burkard wird für das Jahr 2021 von der Handelszeitung Bilanz auf 3,8 Milliarden Franken beziffert.

Auch Gähwiler rätselt über die geplanten Renditen, wenn es finanziell tragbar ist, das Haus so lange leer stehen zu lassen. Er geht davon aus, dass die Firma entweder auf eine Wertsteigerung der Immobilie spekuliert oder darauf abzielt, höhere Mieten zu verlangen, als es das Gesetz erlaubt.

Illegale Nettorenditen

Freiraum für Luzern

Als Antwort auf die Wohnungsknappheit planen die Besetzerinnen und Besetzer einen offenen Freiraum im Zentrum von Luzern. «Es soll zu einem Haus mit offenen Türen werden», schreiben sie.

Die Polizei hat die Verwaltung über die Besetzung informiert. Bisher sei aber keine Strafanzeige eingegangen, bestätigt Simon Kopp, Sprecher der Luzerner Staatsanwaltschaft. Hausfriedensbruch ist ein Antragsdelikt – solange die Hausbesitzer also keine Strafanzeige erstatten, nutzen die Aktivisten und Aktivistinnen die Räume per sofort zum Leben, Vernetzen, Arbeiten und Veranstalten.

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