«Inakzeptable Luftqualität» – Aktivisten fordern besseren Corona-Schutz in SBB-Zügen
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«Inakzeptable Luftqualität»Aktivisten fordern besseren Corona-Schutz in SBB-Zügen

Die Luftqualität in Schweizer Zügen ist gerade in Stosszeiten schlecht, wie Messungen zeigen. Aktivisten wollen nun, dass die SBB handelt.

von
Noah Knüsel
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Weil das Coronavirus oft über Aerosole übertragen wird, fordern Aktivistinnen und Aktivisten nun besseren Schutz für Pendlerinnen und Pendler. 

Weil das Coronavirus oft über Aerosole übertragen wird, fordern Aktivistinnen und Aktivisten nun besseren Schutz für Pendlerinnen und Pendler.

20min/Taddeo Cerletti
«Die SBB muss für einen möglichst sicheren ÖV sorgen», sagt Markus Leutwyler. Er will sich für bessere Luftqualität in Zügen einsetzen, damit das Corona-Übertragungsrisiko beim Pendeln kleiner wird.  

«Die SBB muss für einen möglichst sicheren ÖV sorgen», sagt Markus Leutwyler. Er will sich für bessere Luftqualität in Zügen einsetzen, damit das Corona-Übertragungsrisiko beim Pendeln kleiner wird.

privat
Leutwyler hat auf seinen Zugreisen meist ein CO2-Messgerät dabei. Je höher die CO2-Belastung, desto grösser sei auch die Corona-Infektionsgefahr, sagt er. Besonders hohe Werte misst Leutwyler jeweils zu Stosszeiten.

Leutwyler hat auf seinen Zugreisen meist ein CO2-Messgerät dabei. Je höher die CO2-Belastung, desto grösser sei auch die Corona-Infektionsgefahr, sagt er. Besonders hohe Werte misst Leutwyler jeweils zu Stosszeiten.

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Darum gehts

  • Gerade während Stosszeiten misst Markus Leutwyler oft schlechte Luftqualität in SBB-Zügen.

  • Weil das das Infektionsrisiko vergrössere, wollen er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter nun die SBB zum Handeln bewegen.

  • Man führe regelmässig umfangreiche Messungen durch, so SBB-Sprecher Oli Dischoe dazu: «Rückmeldungen von Kundinnen und Kunden dazu prüfen unsere Fachleute seriös.»

Oft wird das Coronavirus über kleinste Tröpfchen in der Luft, sogenannte Aerosole, übertragen. In Innenräumen ist die Infektionsgefahr darum viel grösser als draussen. Gerade in voll besetzten Pendlerzügen ist das gemäss einer neu formierten Aktivistengruppe ein Problem.

Man wolle sich für bessere Luftqualität in Schweizer Zügen einsetzen, so Initiant Markus Leutwyler. So solle das Corona-Übertragungsrisiko reduziert werden. «Die SBB muss für einen möglichst sicheren ÖV sorgen», sagt er.

Hohe CO2-Werte

Leutwyler hat auf seinen Zugreisen meist ein CO2-Messgerät dabei. Je höher die CO2-Belastung, desto grösser sei auch die Corona-Infektionsgefahr, sagt er. Besonders hohe Werte misst Leutwyler jeweils zu Stosszeiten. So hat er etwa auf dem Weg zwischen Winterthur und Zürich auch schon Konzentrationen von bis zu 3000 ppm (siehe Box) gemessen: «Es ist inakzeptabel, die Fahrgäste so schlechter Luft auszusetzen», sagt Leutwyler.

Was bedeutet «ppm»?

Die Abkürzung «ppm» steht für «parts per million», also «Teilchen pro Million». Bei einer CO2-Konzentration von 3000 ppm kommen auf eine Million Moleküle in der Raumluft 3000 CO2-Teilchen. Normale Aussenluft weist eine CO2-Konzentration von 400 ppm auf.

Auch wenn viele Fahrgäste ausgestiegen seien, bleibe die CO2-Konzentration meist noch einige Zeit hoch, so Leutwyler. Für den Ingenieur, der CO2-Messgeräte und Luftfilter entwickelt, ist das der gefährlichste Zeitpunkt: «Die Leute besteigen den Zug und tragen vielleicht die Maske nicht mehr richtig, weil der Wagen fast leer ist.» Die Aerosolbelastung dürfte aber noch fast gleich hoch sein wie im vollen Zug, so Leutwyler.

«Hoffe, SBB ist kooperativ»

Leutwyler will nun mehr Messdaten sammeln und die SBB damit zum Handeln bewegen. Mittlerweile habe sich bereits ein Kernteam gebildet, wie er sagt: «Darunter sind etwa Personen, die den Prozess wissenschaftlich begleiten.» Andere entwickelten eine App für die Erfassung der Messdaten.

Diese sollen von Pendlerinnen und Pendlern erhoben werden: «Besonders zu Stosszeiten wollen wir möglichst viele Messungen durchführen.» Es hätten sich schon einige Personen bereit erklärt, als «CO2-Detektive» unterwegs zu sein, wie Leutwyler sagt: «Es braucht aber noch mehr Leute, damit wir möglichst viele Strecken abdecken können.»

Sobald genügend Daten vorhanden seien, wolle man sie der SBB vorlegen: «Wir hoffen, dass sie sich kooperativ zeigen wird», so der Ingenieur. Für Leutwyler braucht es bessere Luftfilter in den SBB-Zügen. Denkbar seien aber auch CO2-Messanlagen, die etwa mit farbigen Lampen das Überschreiten von bestimmten Schwellenwerten anzeigen.

Hinweise werden geprüft

Das Thema Luftqualität sei der SBB sehr wichtig, wie es auf Anfrage heisst: «Wir führen regelmässig eigene und umfangreiche Messungen mit zertifizierten Geräten durch», so Sprecher Oli Dischoe. Die dabei gemessenen CO2-Werte seien im empfohlenen gesunden Bereich.

Zudem gebe es in allen klimatisierten Zugtypen Sensoren, welche die CO2-Konzentration kontinuierlich überwachten und steuerten, so Dischoe: «Rückmeldungen von Kundinnen und Kunden dazu prüfen unsere Fachleute seriös.»

Experte: «Mehr CO2 führt zu höherer Ansteckungsgefahr»

svlw.ch 

Der Zusammenhang zwischen der CO2-Konzentration in einem Raum und der Aerosolbelastung sei in verschiedenen Studien nachgewiesen worden, sagt Lufthygiene-Experte Martin Bänninger*: «Damit ist bei höheren CO2-Werten auch die Corona-Ansteckungsgefahr grösser.»

Generell seien Werte bis 1400 ppm akzeptabel, so Bänninger: «Während Corona wurde die Empfehlung auf 800 ppm reduziert.» Ab einer CO2-Konzentration von 2000 ppm spreche man dann von schlechter Luft und es bestehe Handlungsbedarf: «Dann ist man weniger leistungsfähig, manche Menschen bekommen sogar Kopfschmerzen.» Der gesetzliche Grenzwert für den Arbeitsplatz liege bei einer CO2-Konzentration von über 5000 ppm.

*Martin Bänninger ist ehemaliger Geschäftsführer des Schweizer Vereins für Luft- und Wasserhygiene SVLW.

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