Akutspitäler dulden Sterbehilfe nur in Ausnahmefällen
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Akutspitäler dulden Sterbehilfe nur in Ausnahmefällen

Die Schweizer Akutspitäler dulden Sterbehilfe in ihren Räumen nur ausnahmsweise: Die Fälle der letzten Zeit lassen sich an einer Hand abzählen.

Auch die vordergründig liberaleren Universitätsspitäler Genf und Lausanne halten sich an strenge Regeln.

Dies geht aus den im Internet publizierten Dokumenten der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften (SAMW) und der Schweizerischen Gesellschaft für Biomedizinische Ethik (SGBE) hervor.

Dabei zeigt sich, dass die Schweizer Akutspitäler Sterbehilfe in ihren Räumlichkeiten nur unter ganz besonderen Umständen zulassen. So auch das Berner Inselspital, als es im April eine begleitete Sterbehilfe in seinen Räumlichkeiten ausnahmsweise erlaubte. Begründet wurde dies damit, dass ein Transport nach Hause für den todkranken Mann eine unzumutbare Tortur gewesen wäre.

Bei Transportunfähigkeit tolerant

Der Entscheid der Leitung des Inselspitals fügt sich nahtlos in die Praxis der übrigen grossen Schweizer Spitäler ein. Begleitete Sterbehilfe, ist man sich einig, sollte zu Hause im privaten Rahmen und nicht in einem Spital geschehen.

Problematisch wird dies dort, wo - wie in Bern - ein Patient transportunfähig ist. Das Lausanner Universitätsspital CHUV toleriert deshalb seit Anfang 2006 in seinen Räumen die Beihilfe zum Suizid - wenn der todkranke Patient nicht mehr nach Hause gebracht werden kann.

Das Genfer Unispital HUG erlaubt seit September 2006 unter ähnlich strengen Bedingungen Suizidbeihilfe unter seinem Dach: Die Patienten müssen obdachlos oder transportunfähig sein, und das Pflegepersonal respektive die Ärzte dürfen nicht direkt eingreifen.

Trotz Verbot flexibel sein

Genau gleich argumentiert letztlich das Universitätsspital Zürich (USZ), obwohl es Suizidbeihilfe in den eigenen Räumen verbietet. Für sterbewillige, transportunfähige Patienten sind jedoch «individuelle Lösungen» vorgesehen.

Noch keine Regelungen erlassen haben das Berner Inselspital und das Universitätsspital Basel. In Bern ist eine Arbeitsgruppe daran, Richtlinien auszuarbeiten; bis dahin wird fallweise entschieden. Die Basler Spitalleitung lässt derzeit Direktiven ausarbeiten, die sich an jenen des USZ orientieren.

Das Kantonsspital Luzern lehnt Suizidbeihilfe in seinen Räumlichkeiten ebenfalls ab. Kann ein suizidwilliger Patient nicht transportiert werden, wird ein «Ad-hoc-Ethikforum» einberufen, dass nach einer Lösung sucht.

Die öffentlichen Spitäler des Kantons Tessin verbieten eine Suizidbeihilfe in ihren Räumen ebenfalls. Wie in Zürich oder Luzern will man jedoch auch hier jeden Sterbewunsch einzeln prüfen.

Wenige Fälle von Beihilfe

Angesichts dieser strengen Regelungen ist es nicht verwunderlich, wenn sich die Fälle von Suizidbeihilfe in den Spitälern in der letzten Zeit an einer Hand abzählen lassen. Zu dem Fall in Bern kamen laut SAMW und SGBE noch je einer, mit dem das CHUV und das USZ indirekt konfrontiert waren.

Im Lausanner CHUV war die Spitalleitung von Anfang 2006 bis Mitte 2007 mit weniger als zehn Anfragen konfrontiert, sechs davon zwischen Januar und Juli 2006. In einem dieser sechs Fälle kam es zu einem begleiteten Suizid.

Dieser fand in einer Institution statt, die mit dem CHUV verbunden ist, nicht aber im Spital selber. Die fünf übrigen Patienten, die im selben Zeitraum um eine Suizidbeihilfe gebeten hatten, starben eines natürlichen Todes.

Urs-Martin Lütolf, Direktor der Klinik für Radio-Onkologie am USZ, sprach seinerseits Anfang März von sechs Anfragen in den letzten sechs Monaten. Drei Patienten hätten sich davon wieder distanziert, und zwei seien nicht urteilsfähig gewesen. Der sechste Patient sei in dem der Klinik angegliederten Altersheim in den Tod begleitet worden.

In Alters- und Pflegeheimen werden Sterbehilfeorganisationen schon seit einigen Jahren toleriert. Dahinter steht das Argument, dass Heime für ältere Leute das Zuhause und damit den für die Suizidbeihilfe geforderten privaten Raum darstellten.

(sda)

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