Aktualisiert 20.08.2013 22:00

Zum ersten Mal auf SendungAl-Dschasira Amerika fordert US-Sender heraus

CNN & Co. erhalten Konkurrenz. Die arabische Fernsehgesellschaft Al-Dschasira drängt in die US-Fernsehstuben. Sie verspricht Nachrichten pur statt tendenziöse Shows.

von
David Bauder
AP

Die USA erhalten einen neuen Kabelsender, etablierte Medien eine Konkurrenz. Sie heisst Al-Dschasira Amerika - ein Ableger der bekannten arabischen Fernsehgesellschaft mit Sitz in Katar. Diese hat sich schon seit Jahren bemüht, in den USA einen Fuss in die Tür zu bekommen. Jetzt ist es so weit: An diesem Dienstag um 15.00 Uhr Ortszeit (21.00 Uhr MESZ) wird Al Gores einstiger Sender Current TV in mehr als 45 Millionen US-Haushalten von Al-Dschasira Amerika abgelöst.

Vorläufiges Hauptquartier ist ein ehemaliges Bankengebäude nahe Madison Square Garden in New York. Die Gesellschaft hat zahlreiche Veteranen aus der US-Fernsehlandschaft angeheuert, darunter John Seigenthaler, ehemals bei NBC News und Joie Chen, die sich als CNN-Moderatorin einen Namen gemacht hat. Al-Dschasira verspricht ein reichhaltiges Nachrichtenmenü - einen Kontrast zu dem von Meinungsjournalismus dominierten Angebot der amerikanischen Nachrichtensender.

«Wir bieten etwas, das nach unserer Meinung einzigartig ist und das sich nach unserer Überzeugung - von unserem Bauchgefühl her und basierend auf Forschungsarbeit - die amerikanische Bevölkerung wünscht», sagt die frühere ABC- News-Veteranin Kate O'Brien und jetzige Präsidentin von Al-Dschasira Amerika.

Keine Kosten gespart

Die Ausstattung des Hauptquartiers deutet darauf hin, dass der Sender bei seinem Start keine Kosten gespart hat. Und das ist nur der Anfang. Die Gesellschaft will eine grösseres Bürogebäude in der Ostküstenmetropole, aber war nach dem Aufkaufen von Current TV im Januar erstmal darauf bedacht, schnell den Betrieb aufzunehmen. Elf weitere Büros in den USA werden oder sind bereits aufgebaut, so in Washington, Los Angeles, San Francisco, Dallas, Chicago, Miami und New Orleans.

So weit bekannt ist, wird der Sender eine Abendnachrichten-Show mit Seigenthaler als Moderator ausstrahlen, dazu gibt es ein Nachrichtenmagazin mit Chen, eine Nachrichtentalkshow und ein Wirtschaftsprogramm. Noch unklar ist, was an den Vormittagen geplant ist und wie gross insgesamt der Anteil von Nachrichtensendungen oder Programmen im Dokumentar-Stil sein werden.

70 Büros auf der Welt

In Überseee ist Al-Dschasira bereits eine etablierte Grösse, hat 70 Büros, die der amerikanische Ableger auch nutzen will. Aber Topmanager waren sorgfältig darauf bedacht zu betonen, dass der AJA (kurz für Al-Jazeera America) sich am amerikanischen Geschmack orientieren wird. Ganz klar will man nicht Erinnerungen an jene Zeit kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 heraufbeschwören, als Al-Dschasira Drohbotschaften von Al-Kaida-Chefs ausstrahlte und die damalige Regierung von Präsident George W. Bush offen die Unabhängigkeit des Senders anzweifelte.

Der Start in Amerika hat intern einige Meinungsverschiedenheiten ausgelöst. So äusserte etwa Marwan Bischara, politischer Analyst bei Al-Dschasira, die Sorge, dass die Gesellschaft ihren Journalismus verwässern werde, um das amerikanische Publikum anzusprechen. «Wie konnte es dazu kommen, das wir uns von dem Hauptgedanken, dass die Stärke (von Al-Dschasira) in der Vielfalt und sogar den Akzenten ihrer Journalisten liegt, hin zu einem Sender bewegt haben, bei dem nur Amerikaner arbeiten», beklagte er in einem Memorandum an seine Vorgesetzten, das der britische «Guardian» publik machte.

Paul Eedle, einer der Hauptverantwortlichen für den US-Start, nennt Bischaras Sorgen gegenstandslos. Kühn zu sein und nicht fade, das sei das Geheimnis für Erfolg, sagt er.

«Das ist ermutigend, was Al-Dschasira Amerika betrifft»

Al-Dschasira hat bereits in den vergangenen Jahren online und über weit verstreute Kabelsysteme englischsprachige Programme ausgestrahlt. Es hebe in der Regel auf ungeschminkte Nachrichten ab, sagt Philip Seib, Journalismus-Professor an der University of Southern California, der ein Buch über die Gesellschaft geschrieben hat. «Das ist ermutigend, was Al-Dschasira Amerika betrifft», meint der Experte. Als positiv hebt er auch hervor, dass der Sender einen seiner Schwerpunkte auf technologie- und wissenschaftsorientierte Programme legen werde. Das deute darauf hin, dass er junge Zuschauer ansprechen wolle.

Dave Marasch, ein ehemaliger englischer Reporter für Al-Dschasira, glaubt, dass AJA eine solide Berichterstattung gelingen wird, die sie von ihren US-Konkurrenten unterscheidet. «Fast alle der neuen Angestellten sind angesehene Leute mit echten Karrieren, echten Errungenschaften. Manche sind geradezu hervorragend.»

Weniger als die Hälfte aller US-Haushalte empfangen AJA

Al-Dschasira Amerika wird anfangs in weniger als der Hälfte aller US-Haushalte zu empfangen sein. Das Time-Warner-Kabelsystem zum Beispiel liess Current TV fallen, als der Besitzer-Wechsel bekannt wurde. Damit kann AJA den Platz nicht belegen, aber steht in Verhandlungen mit Time Warner und anderen Betreibern. Aber viele bei Al-Dschasira erwarten, dass es Zeit braucht, um mehr Haushalte zu erreichen.

Hinzu kommt als Handikap, dass Current TV in Kabelsystemen oft einen Kanal mit einer hohen Zahl belegte - das macht es unwahrscheinlicher, dass Zuschauer den Sender zufällig entdecken. AJA zufolge wird aber auch daran gearbeitet.

Keine Live-Ausstrahlung mehr im Internet

War Al-Dschasiras englischsprachiges Programm bisher auch nur selten im US-Fernsehen zu empfangen, so hatte es online ein beachtliches Publikum. Aber das wird aufhören. Als Bedingung für die Nutzung des Kabelsystem muss Al-Dschasira auf eine Live-Ausstrahlung im Internet verzichten.

Aber das bereitet den Hauptverantwortlichen offenbar keine Sorge. Ziel der Gesellschaft sei es, die Fernsehzuschauer nahezu lückenlos zu erreichen, sagt Ehab Al Schihabi, vorläufiger Topmanager von Al-Dschasira Amerika. «Wir kommen nicht hierher, um in einen Wettbewerb zu treten, wir kommen, um zu gewinnen.»

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