Paktebomben-Anschläge: Al Kaida und die «Oktober-Überraschung»
Aktualisiert

Paktebomben-AnschlägeAl Kaida und die «Oktober-Überraschung»

Die beiden im Jemen verschickten Paketbomben sollten wenige Tage vor den Kongresswahlen in den USA explodieren. Gibt es einen Zusammenhang?

von
pbl

Im US-Politjargon spricht man von einer «October Surprise». Gemeint ist ein unerwartetes Ereignis, das die jeweils Anfang November stattfindenden nationalen Wahlen entscheidend beeinflusst. So soll sich Präsident Jimmy Carter 1980 intensiv um einer Freilassung der in der US-Botschaft in Teheran festgehaltenen Geiseln bemüht haben, um den Sieg des Republikaners Ronald Reagan und damit seine Abwahl zu verhindern. Bis heute halten sich Verschwörungstheorien, wonach Reagans Leute Carters Bemühungen sabotiert hatten.

Ähnlich wie die «Nacht der langen Messer», die jeweils vor Bundesratswahlen beschworen wird, beruht die «Oktober-Überraschung» mehr auf Mythen denn auf Fakten. Doch mit den mutmasslichen Paketbomben-Anschlägen vom letzten Freitag, die knapp vereitelt werden konnten, ist das Thema wieder aktuell. Für den ehemaligen US-Geheimdienstler William Ross Newland ist es «kein Zufall», dass der Anschlagsversuch nur wenige Tage vor den Kongresswahlen vom Dienstag stattfand, wie er der «Voice of America» erklärte.

Bin Ladens Videobotschaft

Es wäre nicht das erste Mal, dass die Terroristen von Al Kaida den Ausgang einer Wahl zu beeinflussen versuche, meinte Newland: «Sie sind sich dessen sehr bewusst und versuchen, auf diese Weise Druck auszuüben und Instabilität zu erzeugen.» In den USA war dies 2004 der Fall, als sich Osama bin Laden nur wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl zwischen George W. Bush und John Kerry mit einer Videobotschaft zu Wort meldete und sich unter anderem zu den Anschlägen vom 11. September 2001 bekannte.

Das Video verlieh Bush einen Popularitätsschub und dürfte zumindest einen Beitrag zu seiner knappen Wiederwahl geleistet haben. Auch vor der Wahl 2008 wurde über eine Al-Kaida-«Überraschung» spekuliert. Diese hätte wohl dem Republikaner John McCain genützt, der sich – so die Mutmassungen – für die islamischen Terroristen besser als Feindbild geeignet hätte als Barack Obama, der Sohn eines Muslims aus Kenia. Am Ende ereignete sich jedoch nichts, Obama wurde gewählt.

Anschlag von Madrid

Den wohl spektakulärsten «Wahlerfolg» errang Al Kaida mit den Anschlägen vom 11. März 2004 in Madrid. Die Sozialisten gewannen wenige Tage später entgegen den Prognosen die Parlamentswahl, und der neue Ministerpräsident José Luis Zapatero ordnete als eine seiner ersten Amtshandlungen den Abzug der spanischen Truppen aus dem Irak an.

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