Aktualisiert 05.03.2020 20:50

Händeschüttel-Fauxpas

«Alain Berset wäscht sich sehr oft die Hände»

Die Hände nicht zu schütteln, ist wichtig im Kampf gegen das Coronavirus. Doch der Gesundheitsminister tat es. Weshalb wir Gewohnheiten kaum loswerden.

von
dgr/les
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Zu den Verhaltensregeln des Bundes, welche die Verbreitung des Coronavirus eindämmen sollen, gehört auch der Verzicht aufs Händeschütteln.

Zu den Verhaltensregeln des Bundes, welche die Verbreitung des Coronavirus eindämmen sollen, gehört auch der Verzicht aufs Händeschütteln.

Keystone/Anthony Anex
Bundesrat Alain Berset hält sich aber selber nicht an die Regel. Er schüttelte nach der Medienkonferenz von Mittwoch der höchsten Gesundheitsdirektorin Heidi Hanselmann zur Verabschiedung die Hand.

Bundesrat Alain Berset hält sich aber selber nicht an die Regel. Er schüttelte nach der Medienkonferenz von Mittwoch der höchsten Gesundheitsdirektorin Heidi Hanselmann zur Verabschiedung die Hand.

Auch 20-Minuten-Lesern fällt es schwer, dem Gegenüber nicht die Hand zu geben. «Jahrelang wurden wir zu Höflichkeit erzogen, da gehört auch das Händeschütteln dazu. Das kann man nicht einfach abstellen», schreibt Leser Ivo.

Auch 20-Minuten-Lesern fällt es schwer, dem Gegenüber nicht die Hand zu geben. «Jahrelang wurden wir zu Höflichkeit erzogen, da gehört auch das Händeschütteln dazu. Das kann man nicht einfach abstellen», schreibt Leser Ivo.

Alain Bersets Fauxpas nach der Medienkonferenz vom Mittwoch amüsierte die Twittergemeinde: Kurz nachdem der Gesundheitsminister vor den Medien erklärt hatte, weshalb wir derzeit auf das Händeschütteln verzichten sollten, tat er genau das: Er schüttelte der höchsten Gesundheitsdirektorin des Landes, Heidi Hanselmann, zur Verabschiedung die Hand.

Am Tag danach erklärt Peter Lauener, Leiter der Kommunikation des Eidgenössischen Departements des Innern, wie es dazu kommen konnte: «Bundesrat Alain Berset ist am Mittwochabend nach einem stressigen Tag im Parlament und mit vielen Sitzungen in eine Gewohnheit zurückgefallen und hat der Präsidentin der GDK die Hand geschüttelt. Das passiert wohl allen, danach einfach die Hände waschen», schreibt Lauener.

Er versichert: «Bundesrat Berset wäscht sich sehr häufig die Hände und hält sich an die Empfehlungen für das Verhalten und die Hygiene des Bundesamts für Gesundheit.»

Bersets Patzer an der Medienkonferenz.

Auch 20-Minuten-Lesern fällt der Verzicht auf den Handschlag schwer: «Jahrelang wurden wir zu Höflichkeit erzogen, da gehört auch das Händeschütteln dazu. Das kann man nicht einfach abstellen», schreibt Leser Ivo. Weitere Leser pflichten ihm bei: «Wir sind ein anständiges und gut erzogenes Volk, deshalb fällt es uns so schwer.»

In der Berufswelt, wo besonders auf Anstand und Etikette geachtet wird, wird das Händeschüttel-Verbot zuweilen zum Problem: «Als Angestellte im Spital ist es sehr ungewohnt, die Hände nicht mehr zu schütteln», schreibt eine Leserin. Alain erklärt, dass er als Kosmetiker und Masseur unmöglich die Vorsichtsmassnahmen einhalten könne.

«Wir sind Gewohnheitstiere»

Andere Leser hingegen sind froh, dass das Händeschütteln momentan der Vergangenheit angehört: «Ich habe noch nie gern anderen die Hand gegeben. Ich finde das eklig, vor allem wenn jemand Schweisshände hat. Händeschütteln sollte allgemein verschwinden», schreibt Tamara. Sabrina pflichtet ihr bei: «Im Büro hat unser Chef die Angewohnheit, dass er uns allen jeden Morgen die Hand schüttelt. Mir geht dieser erzwungene Körperkontakt seit Monaten auf den Geist.» Jetzt habe sie einen guten Grund, darauf zu verzichten.

Johannes Ullrich ist Ordentlicher Professor für Sozialpsychologie an der Universität Zürich. Er erklärt, weshalb es den Menschen so schwer fällt, auf Gewohnheiten wie das Händeschütteln zu verzichten: «Wir sind Gewohnheitstiere. Händeschütteln oder Umarmen ist ein stark eingeübtes Verhalten, Tausende Male wiederholt.»

Zwar könne man solche Gewohnheiten durch neue ersetzen und sich in Zeiten des Coronavirus das Händeschütteln abgewöhnen. «Aber das funktioniert meist trotz gross angelegter Medienkampagne nicht von heute auf morgen, wie die Episode mit Herr Bundesrat Berset zeigt.»

Kreativität hilft

Damit es mit den Ratschlägen des BAG klappt, könnte es laut Ullrich hilfreich sein, dass das Händeschütteln oder Umarmen gesellschaftlich sanktioniert wird. «Wenn eine Mehrheit jetzt sagt: ‹Was, du willst mir noch die Hand geben? Gehts noch?›, dann setzt sich die neue Norm viel schneller durch.»

20-Minuten-Leser haben sich kreative Tricks einfallen lassen, um nicht der Macht der Gewohnheit zu erliegen: «Wir tragen am rechten Daumen ein farbiges Minihaarband, das mich und mein Gegenüber daran erinnert, dass wir uns nicht die Hände schütteln sollten», schreibt jemand. Auch Lehrerin Claudia fällt der Verzicht aufs Händeschütteln im Beruf nicht schwer: «Die Erwachsenen wollen immer Hände schütteln, mit den Schülern hingegen ist es überhaupt kein Problem. Die sind sehr kreativ, und so habe ich mit jedem ein anderes Begrüssungsritual.»

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