Suizidrate bei Frauen unter 20 ist in der Schweiz stark gestiegen

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SchweizAlarmierende Zahlen – Suizidrate bei Frauen unter 20 ist stark gestiegen

Bereits vor der Pandemie war die Suizidrate bei Frauen unter 20 Jahren zunehmend. Heute greifen sie im Vergleich zu früher häufiger zu harten Methoden. 

von
Reto Bollmann
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Die neusten Zahlen zu den Suizidraten bei Frauen unter 20 Jahren beunruhigen.

Die neusten Zahlen zu den Suizidraten bei Frauen unter 20 Jahren beunruhigen.

Beat Mathys/Tamedia AG
In den letzten Jahren vor der Pandemie starben jährlich noch durchschnittlich sieben Frauen unter 20 Jahren durch Suizid, im Jahr 2020 waren es 17.

In den letzten Jahren vor der Pandemie starben jährlich noch durchschnittlich sieben Frauen unter 20 Jahren durch Suizid, im Jahr 2020 waren es 17.

20min/Celia Nogler
Die Suizide hängen oft mit psychiatrischen Erkrankungen zusammen, welche seit Jahren bei Kindern und Jugendlichen zunehmen.

Die Suizide hängen oft mit psychiatrischen Erkrankungen zusammen, welche seit Jahren bei Kindern und Jugendlichen zunehmen.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • In der Schweiz nehmen sich junge Frauen zunehmend häufig das Leben.

  • In den letzten Jahren vor der Pandemie starben jährlich noch durchschnittlich sieben Frauen unter 20 Jahren durch Suizid, im Jahr 2020 waren es 17.

  • Die Zunahme geht einher mit der Zunahme von Angst- und Panikstörungen unter Jungen.

Die Suizidrate unter jungen Frauen hat massiv zugenommen. Dies berichtet die Schweizerische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (SGKJPP) in einer Stellungnahme. In den letzten Jahren vor der Pandemie starben jährlich noch durchschnittlich sieben Frauen unter 20 Jahren durch Suizid,  2020 waren es 17. Gemäss SGKJPP kommen diese beunruhigenden Zahlen nicht unerwartet. 

Michael Schmid ist leitender Arzt bei den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Diensten St. Gallen (KJPD). Gegenüber den Zeitungen der CH Media gibt Schmid an, die Zunahme weiblicher Suizidversuche sei auch schon vor der Pandemie zu beobachten gewesen. Die Suizide würden oft mit psychischen Erkrankungen zusammenhängen, die seit Jahren bei Kindern und Jugendlichen zunehmen würden. Seit der Pandemie habe sich diese Tendenz noch verstärkt.

Geschlechterunterschied rückläufig

Ein Phänomen bei Suiziden allgemein sei, dass Frauen zwar häufiger Versuche unternehmen, die Rate vollendeter Suizide bei Männern jedoch deutlich höher liege. Man spricht von einem Geschlechterparadox. Laut Schmid liege das daran, dass Frauen bis anhin zu Methoden neigten, die sie öfter überlebten als die männlichen Suizidenten, die eher «harte Methoden» anwenden.

Nun hat sich dies jedoch geändert – die vollendeten Suizide haben dementsprechend stark zugenommen. Schmid kommentiert: «Wer sich dafür entscheidet, will nicht einen Hilferuf aussenden, sondern hat wirklich einen tödlichen Ausgang vor dem inneren Auge».

Gefühl von Perspektiv- und Zukunftslosigkeit

Doch woher diese Zunahme? Laut Schmid sind bei den jungen Frauen seit der Pandemie häufiger Angst- und Panikstörungen zu beobachten, die mit einem Gefühl von Perspektiv- und Zukunftslosigkeit einhergehen. Hinzukomme Social Media – durch die Vergleiche, die man in den sozialen Medien anstelle und durch den zur Schau gestellten und unerreichbaren Perfektionismus anderer würden Unzufriedenheit und Verzweiflung ansteigen.

Ein weiterer Punkt sei die hohe Verfügbarkeit von Beruhigungsmitteln (Benzodiazepinen), die gemischt mit Alkohol oder anderen Drogen fatale Folgen haben können. Der Konsum von Benzodiazepinen ist laut Schmid seit längerem zunehmend unter Jugendlichen. Deren angstlösender Effekt mache sie für Personen mit Angststörungen besonders attraktiv.

Anmeldezahlen bei Jugendpsychiatrie seit Jahren zunehmend

Lockdowns sind in der Schweiz kein Thema mehr und 2022 gab es wieder ein Freizeitangebot mit Partys und Festivals – doch damit sei das Problem nicht gelöst. «So einfach ist das leider nicht», kommentiert Schmid gegenüber den Zeitungen von CH Media. Denn bei der KJPD steigen die Anmeldezahlen seit Jahren stetig. Mehr finanzielle Mittel seien nötig, um die Angebote auszubauen. Gerade bei der aufsuchenden Arbeit und dem Tagesklinikangebot gebe es noch viel Luft nach oben.

Sehr wichtig ist es laut Michael Schmid, beim Verdacht auf Suizidgefahr im eigenen Umfeld entsprechend zu handeln. «Wenn man glaubt, dass sich jemand mit Suizidgedanken plagt, sollte man die Person darauf ansprechen und allenfalls Hilfe bei der Suche nach einer Fachperson anbieten», sagt er.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Suizidgedanken? Oder hast du jemanden durch Suizid verloren?

Hier findest du Hilfe:

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Jüdische Fürsorge, info@vsjf.ch

Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

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