Aktualisiert 07.02.2019 21:50

Wegen BrexitAlarmstufe Rot in der britischen Autoindustrie

Grossbritannien ist die viertgrösste Autoproduktionsstätte in Europa. Entsprechend panisch reagiert die Branche auf das Brexit-Szenario.

von
srt
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Die britische Autoindustrie zittert vor dem Brexit. Im Januar gab Jaguar Land Rover bekannt, dass man aufgrund der schlechten Zahlen 2018 und der unsicheren Aussichten in diesem Jahr 4500 Beschäftigte entlassen muss.

Die britische Autoindustrie zittert vor dem Brexit. Im Januar gab Jaguar Land Rover bekannt, dass man aufgrund der schlechten Zahlen 2018 und der unsicheren Aussichten in diesem Jahr 4500 Beschäftigte entlassen muss.

Getty Images/Getty
Diese Woche teilte Nissan mit, dass man den X-Trail nicht wie geplant in Sunderland, sondern in Japan produzieren lässt. Ein Grund: die Brexit-Unsicherheit.

Diese Woche teilte Nissan mit, dass man den X-Trail nicht wie geplant in Sunderland, sondern in Japan produzieren lässt. Ein Grund: die Brexit-Unsicherheit.

Nissan
Dabei hatten die Japaner noch im Oktober 2016 ein Incentive über 80 Millionen Pfund von der britischen Regierung zugesichert erhalten.

Dabei hatten die Japaner noch im Oktober 2016 ein Incentive über 80 Millionen Pfund von der britischen Regierung zugesichert erhalten.

AFP/AFP

Schlechte Nachrichten ist man sich im Zusammenhang mit dem Brexit gewohnt. Dennoch: Die Panik in der Autoindustrie hat diese Woche einen neuen Höchststand erreicht. Denn der Entscheid, dass der asiatische Hersteller Nissan seinen X-Trail nicht wie geplant in England, sondern in Japan produzieren lässt, ist ein weiteres klares Indiz für blankliegende Nerven.

Besorgniserregend ist vor allem, dass die englische Regierung die Japaner vor zwei Jahren mit Incentives überzeugen wollte, ihre Produktionen in England ungeachtet der Brexit-Entwicklung weiterzuführen. Tatsächlich beeilte sich die May-Regierung kurz nach der Nissan-Ankündigung am Montag, einen ursprünglich geheimen Brief von Wirtschaftsminister Greg Clark vom Oktober 2016 zu präsentieren. Darin wird Nissan bis zu 80 Millionen Pfund (105 Millionen Franken) als Unterstützung für ihre Produktionsstätte in Sunderland versprochen.

Nicht nur England

Freilich bemühten sich die Japaner, die Bedeutung des Entscheids herunterzuspielen. «For business reasons», also aus wirtschaftlichen Gründen, habe man sich entschieden, den X-Trail in Kyushu statt Sunderland zu produzieren. Doch dass die Politik, namentlich der drohende Brexit, bei den Überlegungen eine zentrale Rolle gespielt hat, daraus machte man auch kein Geheimnis: «Die anhaltenden Unsicherheiten bezüglich der künftigen Beziehungen von Grossbritannien mit der EU sind für Firmen wie unsere nicht hilfreich, die Zukunft zu planen», so das offizielle Statement von Nissan.

Dass solche Meldungen Salz in der Wunde nicht nur der britischen Autohersteller sind, versteht sich von selbst. Denn die Brexit-Unsicherheiten tangieren England und den ganzen Kontinent. Grossbritannien ist der viertgrösste europäische Auto-Produktionsplatz. Acht von zehn Fahrzeugen werden exportiert. 53 Prozent werden in der EU verkauft, 16 Prozent in Ländern, mit denen die EU ein Handelsabkommen hat. Bei einem harten Brexit würde der Zugang zu über zwei Dritteln des Exportmarktes verloren gehen.

Wird bis zum 29. März keine politische Einigung erzielt, kommen laut dem Chef des britischen Autoherstellerverbands SMMT die WTO-Handelsregeln zum Tragen. Das heisst: Zölle, Vorschriften, Grenzkontrollen. Kurzum: Verzögerungen und Verteuerungen. Aktuell kommen jeden Tag über 1000 LKWs mit Autoteilen über den Ärmelkanal nach England, wo die Teile verarbeitet werden. Die 850'000 Menschen, die in der britischen Autoindustrie arbeiten, sind darauf angewiesen, dass diese Parts rechtzeitig eintreffen – und dass sie sich nicht verteuern. Denn sonst drohen weitere Szenarien wie im Fall von Nissans X-Trail.

Serie von Hiobsbotschaften

Das alles trifft die britische Auto-Industrie zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Denn der Diesel-Skandal und die Probleme im China-Geschäft (abflauendes Wachstum, drohender Handelskrieg) haben den Herstellern bereits zugesetzt.

Erst im Januar musste Jaguar Land Rover bekannt geben, dass man 4500 Stellen abbaut, die meisten davon in der Heimat. Dies, nachdem man in England bereits im vergangenen Jahr einen rekordverdächtigen Produktionsrückgang von neun Prozent und einen Einbruch der Investitionen um 46,5 Prozent hinnehmen musste. «Alarmstufe Rot» herrsche in der Branche, sagte denn auch SMMT-Boss Mike Hawes gegenüber der BBC. Doch: «Das alles ist noch gar nichts im Vergleich zu dem, was bei einem ungeordneten Brexit auf uns zukommt.»

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