Nationalrats-Kandidaten: Albanische Secondos wollen ins Bundeshaus

Aktualisiert

Nationalrats-KandidatenAlbanische Secondos wollen ins Bundeshaus

Bullakaj und Xhemaili statt Fehr und Schläfli: Schweizer mit albanischem Hintergrund kandidieren für den Nationalrat. Schafft bald der erste den Sprung nach Bern?

von
D. Waldmeier
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Arber Bullakaj, Vize-Präsident der St. Galler SP, wurde im Kosovo geboren. Ihm attestieren Beobachter die besten Wahlchancen.

Arber Bullakaj, Vize-Präsident der St. Galler SP, wurde im Kosovo geboren. Ihm attestieren Beobachter die besten Wahlchancen.

zvg
Im Dunstkreis der Macht: Jungpolitiker Shpetim Xhemaili traf sein Idol, Verkehrsministerin Doris Leuthard.

Im Dunstkreis der Macht: Jungpolitiker Shpetim Xhemaili traf sein Idol, Verkehrsministerin Doris Leuthard.

Twitter/jcvpktsolothurn
Wollte sich nicht verheizen lassen und zog seine Kandidatur deshalb zurück: EVP-Politiker Blerim Bunjaku.

Wollte sich nicht verheizen lassen und zog seine Kandidatur deshalb zurück: EVP-Politiker Blerim Bunjaku.

zvg

In der Fussball-Nati sind Namen wie Xhaka, Dzemaili oder Behrami längst nicht mehr aussergewöhnlich. Anders sieht es in der Politik aus: Auf der nationalen Politbühne sucht man balkanstämmige Politiker vergeblich. Dies könnte sich allerdings bald ändern – gleich mehrere Kandidaten mit albanischem Hintergrund versuchen bei den Nationalratswahlen im Herbst ihr Glück.

Bullakaj mit Spitzenplatz

Im Kanton St. Gallen hat Arber Bullakaj, Vize-Präsident der St. Galler SP, gute Wahlchancen – seine Partei hat ihn auf den neunten Listenplatz gesetzt. Er wurde im Kosovo geboren und kam im Alter von acht Jahren in die Schweiz. Auf seiner Homepage beschreibt er sich als «Machertyp von Natur aus». Für ihn ist klar, dass den Einwanderern eine Stimme in der Politik fehlt: «Es heisst immer, das Parlament repräsentiere in unserer direkten Demokratie das Volk. Migranten sind aber stark untervertreten», sagt der 29-Jährige zu 20 Minuten. Aus der albanischen Gemeinschaft verspüre er bereits jetzt riesige Unterstützung.

«Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es ein Albaner nach Bern schafft.» Noch sei er in einer Pionierrolle, allerdings werde die Zahl der Migranten und Secondos, die sich in der Schweiz politisch engagieren, «exponentiell ansteigen». Er glaubt, dass er viele Probleme der Migranten aus einer anderen Perspektive sehe und so auch Lösungen anzubieten habe, etwa bei Integrationsfragen. «Zum Beispiel habe ich in Wil Vorstösse lanciert, weil die Einbürgerungsgebühren mit 2500 Franken für eine Familie viel zu hoch sind. Solche Hürden verhindern die Integration.»

Auch Christdemokraten setzen auf Balkan-Schweizer

Für die junge CVP im Kanton Solothurn tritt Shpetim Xhemaili (25) an. Er wurde in der Schweiz geboren, seine Eltern stammen aus Mazedonien: «Ich möchte mit meiner Kandidatur dazu beitragen, dass auch Schweizer mit albanischen Wurzeln vermehrt an die Urnen gehen.» Obwohl er Muslim ist, sei die CVP für ihn die ideale Partei, welche seine Werte vertrete. So sei für ihn die Familie, ein Kernanliegen der CVP, «das höchste Gut». Als grosses Idol bezeichnet Xhemaili Verkehrsministerin Doris Leuthard, die er kürzlich im Bundeshaus getroffen hat.

Xhemaili hofft nicht, dass ihn das Wahlvolk nur wegen seines Namens von der Liste streichen wird: «Es gibt in jedem Land gute und schlechte Bürger. Die albanischen Wurzeln sind mir zwar wichtig, aber meine Heimat ist die Schweiz.»

«Secondos interessieren sich kaum für Schweizer Politik»

Seine Nationalratskandidatur wieder zurückgezogen hat dagegen der muslimische Ex-EVP-Politiker Blerim Bunjaku, der aus dem Kosovo stammt und seine Partei letzte Woche im Streit verliess. Er erachtete seine Wahlchancen als zu klein. «Die Parteien stellen albanischstämmige Kandidaten als Stimmenlieferanten auf, welche neue Wählerpotentiale erschliessen sollen. Ich glaube aber nicht, dass ausser Arber Bullakaj ein Kandidat mit albanischen Wurzeln reelle Wahlchancen hat.»

Bunjaku sieht dafür zwei Gründe: Erstens würden sich viele eingebürgerte Albaner kaum für Schweizer Politik interessieren. Man sei besser über die Politik im Heimatland informiert. Deshalb brauche es auch viele Stimmen von «Eidgenossen», wie Bunjaku sagt. «Der Ruf der Albaner profitiert zwar von den Fussballern in der Nati, aber es gibt noch immer viele Vorurteile: Es heisst, Albaner seien Hilfsarbeiter, kriminell, unkultiviert oder Drogendealer.» Auch in seiner ehemaligen Partei sei er wegen seiner Religionszugehörigkeit angefeindet worden.

Nur wenige Parlamentarier haben Migrationshintergrund

Betrachtet man die aktuelle Zusammensetzung des 200-köpfigen Nationalrats, finden sich gemäss einer Analyse des Politologen Nenad Stojanovic von der Universität Luzern nur rund 15 Namen, die vor 1939 kein Schweizer Bürger trug. Auf der Liste sind italienische Namen, aber auch österreichische (Oskar Freysinger) oder deutsche (Aline Trede) sind darunter. Nicht erfasst wurden mit dieser Methode Eingebürgerte, die den Namen des Gatten angenommen haben, etwa Ada Marra (Italien) oder Yvette Estermann (Slowakei).

Im Ständerat gibt es mit dem eingebürgerten Claude Janiak (Polen) nur eine Person mit Migrationshintergrund – bei 46 Sitzen.

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