Netflix-Doku: Albtraumjob mit gnadenlosen Arbeitszeiten
Publiziert

Netflix-DokuAlbtraumjob mit gnadenlosen Arbeitszeiten

Die Netflix-Doku «Playing Hard» blickt hinter die Kulissen der Game-Industrie und zerstört dabei so manch romantische Vorstellung.

von
srt

Die Netflix-Dokumentation «Playing Hard» zeigt die Entstehung des Games «For Honor». (MC 2)

Wer davon träumt, irgendwann als Game-Entwickler seine Vorstellung von einem Traumjob auszuleben, dürfte sich das nach diesem Film zweimal überlegen. Denn die neue Netflix-Dokumentation «Playing Hard» wirft einen ungeschönten Blick hinter die Kulissen der Game-Industrie. Und zeichnet ein Bild, das die jüngsten Meldungen über horrende Überstunden, Burn-outs und Massenentlassungen unterstreicht.

Im Zentrum stehen die Entwicklung des Mittelalter-Spektakels «For Honor» und das Team dahinter. Die Protagonisten sind Jason VandenBerghe, Creative Director des Titels, sowie der Produzent Stephane Cardin und der Brand Manager Luc Duchaine. Alle hatten während der vierjährigen Entwicklungszeit des Blockbuster-Games mit etlichen Rück- und persönlichen Tiefschlägen zu kämpfen.

Vom Traum zum Albtraum

Dass die Filmemacher beim Dreh von Publisher Ubisoft nicht zensuriert wurden, ist eine der Stärken des Films. So sieht man Duchaine, wie er trotz gesundheitlicher Probleme weiter und unter Dauerdruck an dem Projekt arbeitet. Cardin hingegen hat Probleme, Privatleben und Arbeitswelt unter einen Hut zu kriegen. VandenBerghe schliesslich wird als melancholischer Mann porträtiert, dem Konflikte sehr nahegehen.

Freud und Leid der Macher liegen in den über vier Jahren Drehzeit immer wieder ganz nahe beieinander. Oft stossen VandenBerghe und Duchaine an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Vor allem der immense Druck und die gnadenlosen Arbeitszeiten zerstören dabei das romantische Bild vom gut bezahlten Game-Designer, der seine Kreativität unter Google-artigen Arbeitsbedingungen ausleben kann. So wirkt der vermeintliche Traumjob in der Game-Industrie bald wie das Gegenteil.

Drama mit Happy End

Letztlich bietet Netflix mit der Dokumentation einen Einblick in die knochenharte Entwicklung von AAA-Games. Das Produzententeam konnte die Macher von «For Honor» begleiten, ohne dass Ubisoft Einfluss auf die Produktion nahm. Allerdings wurde dem Filmteam die Drehgenehmigung vorübergehend entzogen und später wieder erteilt. Dennoch: In einer oft sektiererisch wirkenden Branche ist es keine Selbstverständlichkeit, ohne Auflagen filmen zu können. Und so ist «Playing Hard» zu einem Zeitdokument geworden, das nicht nur Gamefans ansprechen wird.

Tatsächlich sind Themen wie Massenentlassungen, schlechte Arbeitsumstände und Crunch Time, also Hochdruckphasen, um ein Spiel bis zur Deadline fertigzustellen, brandaktuell. So war zuletzt immer wieder von vielen Überstunden und einem immensen Druck auf die Mitarbeiter die Rede, zuletzt etwa bei der Entwicklung von Biowares «Anthem» oder auch beim Rockstar-Megahit «Red Dead Redemption 2». In den USA hat es deshalb immer wieder Bemühungen gegeben, Gewerkschaften auch in der Gameindustrie zu etablieren. Bislang ist das allerdings am Widerstand der Hersteller gescheitert.

Ein depressives Drama ist «Playing Hard» dennoch nicht geworden. Neben all den Schattenseiten zeigt der Film auch den Humor, mit dem in der Branche agiert wird, sowie die ungebrochene Begeisterung, für ein cooles Game alles in die Waagschale zu werfen. Immerhin, so Jason VandenBerghe, «sind Kreativität und Kunst das beste Mittel, um dem Hass und der Gewalt in der Gesellschaft etwas entgegenzusetzen».

Deine Meinung