Aktualisiert 04.05.2012 07:44

ExpertenbefragungAldi ist «König» des Schweizer Detailhandels

Einkaufstourismus, Preiskampf, Margendruck: Der Schweizer Detailhandel hat turbulente Monate hinter sich. Die schwierige Zeit am besten gemeistert hat Aldi. Schlecht weg kommt Migros.

von
Sandro Spaeth
Expansionsstrategie: Aldi Schweiz eröffnet kommende Woche die 156. Filiale in der Schweiz.

Expansionsstrategie: Aldi Schweiz eröffnet kommende Woche die 156. Filiale in der Schweiz.

2011 war für den Detailhandel das Jahr des Wandels: Die Einkäufe ennet der Grenze haben aufgrund des starken Frankens massiv zugenommen. Kaufte 2010 erst jeder zehnte Schweizer Haushalt regelmässig Lebensmittel im Ausland ein, war es 2011 bereits jeder achte. Und rund um die Festtage kaufte sogar jeder siebte seine Nahrungsmittel im Ausland ein.

Die Schweizer Detailhändler haben dem «billigen Jakob» aus Waldshut, Lörrach oder Konstanz das Feld aber nicht kampflos überlassen. Laut des Schweizerischen Detailhandelsmonitors sind die Preise hierzulande seit Dezember 2011 um 3,8 Prozent zurückgegangen – obwohl zahlreiche Nahrungsmittel-Rohstoffe auf dem Weltmarkt teurer geworden sind. Der Preiskampf hat dazu geführt, dass die Umsätze im Bereich der Lebensmittel 2011 um 3,4 Prozent gesunken sind.

«Dies ist ein Novum», sagte Detailhandelexperte Dominik Stocker von der Beratungsfirma Nielsen Schweiz anlässlich der Studienpräsentation. Zum Vergleich: Zwischen 2000 und 2010 waren die Detailhandelsumsätze im Durchschnitt um 1,8 Prozent gestiegen.

Verschwiegene Discounter

Wer das schwierige Jahr am besten gemeistert hat, wollten die Studienautoren mit einer Umfrage bei über 130 Entscheidungsträgern aus der Branche wissen. Die Fragen: «Wer geht als Sieger aus dem vergangenen Jahr hervor? Wer als Verlierer?» Das Resultat: Im Bereich der Lebensmittelhändler hat Aldi die Nase vorn. 38 Prozent der Befragten nannten spontan den deutschen Discounter als Sieger. Rang zwei teilen sich Volg und Denner. Auf Rang sechs ist Coop. Schlecht abgeschnitten hat die Migros. 48 Prozent der Befragten sahen den orangen Riesen als Verlierer. Das reicht für den zehnten und letzten Platz.

Für Detailhandelsanalyst Damian Künzi von der Credit Suisse ist das Ergebnis nicht erstaunlich: Es habe einerseits mit dem Flächenwachstum von Aldi, andererseits mit Umsatzeinbussen bei Migros zu tun. Ein genauer Umsatzvergleich ist aber schwierig: «Die Grossverteiler sind kommunikationsfreudig, die Discounter eher verschwiegen», so Künzi im Gespräch mit 20 Minuten Online. Bei der Migros ist klar: Der Umsatz sank im Bereich Detailhandel gemäss offiziellen Zahlen um 0,7 Prozent. Bei Aldi und Lidl gibt es nur Schätzungen. Laut den Marktforschern von Nielsen konnten Aldi und Lidl ihre Umsätze 2011 um rund 10 Prozent steigern. «Im harten Preiskampf trauen die Konsumenten den Harddiscountern am meisten», begründet Künzi.

Bald öffnet der 156. Aldi

Der Umfrage-Erfolg von Aldi beruht auch auf seiner Expansionsstrategie. 2011 eröffnete Aldi 21 Filialen – viele davon in Gesamtüberbauungen. Zum Vergleich: 2005 besass Aldi erst fünf Verkaufsstellen, heute sind es laut Sprecher Sven Bradke 155 Aldi-Läden. Der 156. Aldi öffnet kommende Woche in Luzern seine Tore. Mittelfristig strebt Aldi sogar 200 Standorte an.

Im letzten Jahr gut behauptet hat sich auch Volg. Trotz Einkaufstourismus konnten die Volg-Läden den Umsatz 2011 um 0,8 Prozent steigern. Künzi: «Der Detailhändler hat seine Nische gefunden.» Die Zahl der Volg-Verkaufsstellen stieg 2011 um 5 auf 547 Läden.

Die Verlierer: Warenhäuser und Drogerien

Laut Nielsen Schweiz haben die beiden Grossverteiler in absoluten Zahlen gerechnet zwar am meisten Umsatz ans Ausland verloren. In Bezug auf ihren Marktanteil fiel ihr Umsatzminus aber unterdurchschnittlich aus. Die grössten Einbussen erlitten haben dagegen Warenhäuser und Drogerien. Diese Erkenntnis deckt sich auch mit der Preiswahrnehmung der Kundschaft: Diese empfinden in der Schweiz insbesondere die Preise von Kosmetik- und Hygieneartikeln als zu hoch.

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