Syrien: Aleppo liegt in Schutt und Asche
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SyrienAleppo liegt in Schutt und Asche

Den fünften Tag in Folge werden die Rebellengebiete in der syrischen Stadt bombardiert. Dutzende Menschen sterben – darunter etliche Kinder.

von
woz
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Ein Bild der Verwüstung: Weisshelme haben ein Foto aus dem Osten Aleppos veröffentlicht. (24. September 2016)

Ein Bild der Verwüstung: Weisshelme haben ein Foto aus dem Osten Aleppos veröffentlicht. (24. September 2016)

Keystone
Ganze Strassenzüge liegen durch das Bombardement in Schutt und Asche.

Ganze Strassenzüge liegen durch das Bombardement in Schutt und Asche.

AFP
Die Gebäude sind bis auf die Grundmauern zerstört.

Die Gebäude sind bis auf die Grundmauern zerstört.

AFP

Mit einer Serie massiver Luftangriffe haben die syrischen und russischen Streitkräfte in Aleppo schwerste Zerstörungen angerichtet. Die Luftwaffen beider Länder bombardierten nach Angaben von Aktivisten den fünften Tag in Folge die Rebellengebiete im Osten der Stadt und töteten weiter Dutzende von Menschen.

Nach Informationen von Helfern und der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden seit Anfang Woche mehr als 180 Personen in Aleppo getötet, darunter etliche Kinder. Unter den Trümmern wurden noch viele Menschen vermutet.

Ein AFP-Reporter sah in mehreren der östlichen, von den Rebellen gehaltenen Stadtvierteln schwerste Zerstörungen. Ganze Strassenzüge lagen durch das Bombardement in Schutt und Asche. Anwohner berichteten von Raketenbeschuss, der Erdbeben-gleiche Erschütterungen auslöste und Gebäude bis auf die Grundmauern zerstörte.

Bodenoffensive vorbereiten

Die seit Donnerstagabend andauernden Luftangriffe auf die von den Rebellen kontrollierten Viertel sollen eine Bodenoffensive vorbereiten, mit der die syrische Armee die seit 2012 zwischen Rebellen und Regierungstruppen geteilte Stadt vollständig zurückerobern will.

In mehreren Strassen waren nicht-explodierte Raketen zu sehen, andernorts gab es fünf Meter tiefe Bombenkrater. Die zivile syrische Hilfsorganisation der Weisshelme war überfordert vom Ausmass der Zerstörungen, zumal mehrere ihrer Einrichtungen bei dem Bombardement beschädigt wurden. Nach Angaben der Organisation bleiben ihr nur noch zwei Feuerwehrfahrzeuge, zudem fehlt es ihr an Benzin.

Die Kliniken der Stadt waren überfordert damit, die zahlreichen neuen Verletzten der Angriffe zu versorgen. Grosse Gebiete im Ostteil der Stadt sind ohne Strom, da den Generatoren ebenfalls der Treibstoff fehlt, sodass die Strassen nachts völlig dunkel sind. Viele Strassen sind durch den Schutt zudem unpassierbar.

Seit Juli keine Hilfslieferungen

Die etwa 250'000 Menschen in den Rebellenvierteln sind seit Mitte Juli von Regierungstruppen umzingelt, sodass Hilfslieferungen internationaler Organisationen nicht zu ihnen vordringen können.

Auch während einer einwöchigen Feuerpause gelang es der UNO nicht, Hilfskonvois von der türkischen Grenze in die Stadt zu bringen. Die von den USA und Russland ausgehandelte Waffenruhe war dann Anfang der Woche gescheitert.

Seitdem sind die Kämpfe stärker als zuvor wieder aufgeflammt. Internationale Bemühungen am Rande der UNO-Vollversammlung in New York, eine neue Feuerpause auszuhandeln, blieben ohne Erfolg.

Die schweren Bombardements bedeuten nach den Worten von UNO-Syrienvermittler Staffan de Mistura «eine Rückkehr zum offenen Konflikt». Aus seiner Sicht sei es die schlimmste humanitäre Tragödie seit dem Zweiten Weltkrieg, sagte de Mistura dem arabischen Sender al-Jazeera.

Begonnen habe alles mit einem friedlichen Aufstand, der gewaltsam unterdrückt wurde, dann folgten die Militarisierung beider Seiten und ein regionaler Stellvertreterkrieg. Heute handle es sich um einen «konkurrierenden internationalen Einsatz. Das ist das grösste Problem in diesem Konflikt.»

Zwei Millionen ohne Wasser

Das UNO-Kinderhilfswerk Unicef erklärte am Samstag, in Aleppo seien nunmehr fast zwei Millionen Menschen von der Wasserversorgung abgeschnitten. Das Wasserkraftwerk im Viertel Bab al-Nayrab, das die etwa 250'000 Menschen in den Rebellenvierteln versorge, sei in der Nacht beschädigt worden, erklärte Unicef.

Als Vergeltungsmassnahme sei dann die ebenfalls im Osten der Stadt befindliche Pumpstation in Suleiman al-Halabi abgestellt worden, welche die rund 1,5 Millionen Bewohner des Westteils der Stadt mit Wasser versorge. Während es im Westteil noch Brunnen gebe, um Wasser zu schöpfen, sei das Wasser in den Brunnen im Ostteil verseucht.

Die einstige Wirtschaftsmetropole Aleppo ist eines der Hauptschlachtfelder des Syrien-Krieges. Seit dem Beginn des Bürgerkrieges im Frühjahr 2011 wurden mehr als 300'000 Menschen in dem Konflikt getötet, Millionen Syrer wurden in die Flucht getrieben. (woz/sda)

«Das sprengt alle Dimensionen»

US-Aussenminister John Kerry hat von Syrien ein sofortiges Ende der Luftangriffe auf die Stadt Aleppo verlangt. «Was in Aleppo passiert, ist inakzeptabel. Das sprengt alle Dimensionen», sagte Kerry bei einem Treffen mit vier europäischen Aussenministern in seiner Heimatstadt Boston.

Zugleich rief er Russland auf, seinen Einfluss auf Syriens Machthaber Bashar al-Assad geltend zu machen, damit die Angriffe gestoppt werden. «Russland muss ein Exempel statuieren und keinen Präzedenzfall schaffen, der für die ganze Welt nicht hinnehmbar ist», sagte Kerry. Bei dem Treffen mit den Aussenministern aus Deutschland, Grossbritannien, Frankreich und Italien ging es auch um die Beziehungen zwischen Europa und den USA.

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