Aktualisiert 04.03.2011 13:06

Experte«Alessia und Livia leben noch»

Er spürt entführte Kinder auf und bringt sie zurück: 20 Minuten Online sprach mit einem Agenten einer Rückentführungsfirma über den Fall Alessia und Livia.

von
A. Mustedanagic

Die Regeln für das Interview sind deutlich: Keine Namen, keine Fotos und auch sonst nichts, das Rückschlüsse auf die Identität des Mannes ermöglicht. Wer das Geschäft des Agenten kennt, versteht warum: Sein Job ist es, entführte Kinder aufzuspüren und zur Familie zurückzubringen – meist illegal (siehe Infobox). Sein US-Arbeitgeber ist bei grenzüberschreitenden Kindsentführungen oft die letzte Anlaufstelle für verzweifelte Mütter und hoffnungslose Väter.

20 Minuten Online hat sich mit dem Agenten und Kindesentführungsexperten in einem Café in Zürich getroffen. Der Mann sieht aus wie der Nachbar von nebenan: kurze braune Haare, vertrauensvolle braune Augen, sympathisches Lachen. Er ist weder ein Berg von einem Mann noch taucht er im James-Bond-Outfit auf. Was er aber über den Fall von Alessia und Livia zu sagen hat, ist mindestens so spannend wie ein Spionagefall.

Ihr Job ist es, Kinder aufzuspüren und zurückzubringen. Haben Sie schon mal ein Kind aufgespürt, das nicht mehr am Leben war?

Nein, im Gegenteil. Ich habe Kinder aufgespürt, bei denen es hiess: Sie sind tot –wie im Fall der beiden entführten Zwillinge. Es gab in diesen Fällen auch Briefe, Todesnachrichten und viele vermeintliche Beweise mehr, aber die Kinder waren immer wohlauf, einfach irgendwo versteckt.

Sie glauben also nicht, dass die entführten Zwillinge tot sind?

Wenn ich von den Informationen in der Presse ausgehe, glaube ich, dass Alessia und Livia noch am Leben sind, ja.

Was macht Sie so sicher?

An der Entführung und der mutmasslichen Tötung der Zwillinge gibt es aus meiner Sicht einfach zu viele unklare Punkte. Ich beschäftige mich seit über 15 Jahren mit entführten Kindern und deren Verbleib, war vorher acht Jahre bei der Polizei, und während dieser ganzen Zeit ist mir kein ähnlicher Fall begegnet. Deshalb spricht für mich - trotz des Geständnisses des Vaters - zu viel dagegen, dass er sie wirklich umgebracht hat.

Matthias S. soll einfach psychisch verwirrt und verzweifelt gewesen sein. Ist doch möglich, dass er sehr irrational gehandelt hat.

Wenn mir meine Erfahrung etwas sagt, dann ist es, dass ein Vater seine Kinder nicht tötet, unauffindbar verscharrt, dann ein paar Tage herumfährt, Pizza isst und sich dann erst vor den Zug wirft. Egal, ob er verwirrt ist oder nicht: Wer den Mut hat, seine Kinder umzubringen, der hat auch den Mut sich anschliessend selbst zu richten.

Er könnte die Kinder auch einfach auf der Fähre von Bord geworfen haben, wie viele Medien spekulieren.

Sie müssen sich das Bild mal vorstellen: Sie werfen ihre eigene Kinder den Haien zum Frass vor – von einer vollen Fähre aus und schauen dann zu?! Das gab es noch nie! Nicht einmal in Amerika ist so ein Fall bekannt und meine Kollegen dort drüben haben einiges erlebt. Ich glaube auch nicht, dass er sie zunächst vergiftet hat. Wenn er wirklich Gift gehabt hätte, hätte er sich selbst auch damit umgebracht. Das braucht weniger Mut und ist sicherer als vor einen Zug zu springen.

Was irritiert Sie so sehr am Fall, dass Sie nicht an den Tod der Mädchen glauben?

Es beginnt beim Testament des Vaters: Würden Sie Ihr ganzes Vermögen Ihren Kindern vermachen, welche Sie zu töten planen? Und nehmen wir an, Sie haben wirklich ihre Kinder getötet, würden Sie anschliessend ein paar hundert Kilometer herumfahren, bevor Sie sich selbst umbringen? Matthias wusste, dass die Polizei hinter ihm her sein wird und dennoch stieg er immer wieder ins Auto und fuhr herum. Da stellt sich mir die Frage, warum riskiert er, dass er erwischt wird? Er muss einen Grund gehabt haben, warum er sich erst in Italien das Leben nahm.

Sie denken an Helfer, wie die blonde Frau, die angeblich mit den Zwillingen gesichtet worden ist?

Entführer haben immer Helfer und Helfershelfer. Es gibt auf der ganzen Fahrt keine Informationen, dass er irgendwo in einem Hotel geschlafen hat. Warum? Er wird kaum durchgefahren sein, irgendwann geht das nicht mehr - vor allem mit zwei quengelnden Mädchen im Auto. Wieso gibt es keine Aufnahmen von Tankstellen? Man kann ausrechnen, bis wohin er maximal fahren konnte. Irgendwo musste er ja tanken.

Wie würden Sie vorgehen, um die Mädchen zu finden?

Ich würde die Mutter zurück denken lassen: Gibt es Bekannte, Verwandte oder sonstige Kontakte auf Korsika, in Italien oder sonst wo auf der Strecke? Ich würde auch mal das Testament überprüfen, wer erbt nach den Kindern und wer profitiert vom Verschwinden? Seine ganze Kontaktdaten müssen überprüft werden: Mit wem hat er telefoniert, gechattet sowie SMS- und Email-Kontakt – und ich meine nicht in den Tagen vor der Entführung, sondern Wochen und Monate davor. Er hat die Tat ja offenbar länger geplant, das war keine Affekthandlung.

Es klingt so, als ob jedes Detail vom Leben des Vaters durchforstet werden muss.

Jede Kleinigkeit kann den nötigen Hinweis bringen. Wir machen das genau so, wenn wir jemanden suchen und nicht wissen, wo er ist. Der PC, die Handydaten, die Post, wenn noch was übrig ist – alles muss durchsucht und kontrolliert werden. Manchmal muss man auch seine Freunde befragen oder gar observieren, vielleicht verraten sie sich oder hängen mit drin. Ich kann es nur betonen: In Entführungsfällen gibt es in den allermeisten Fällen Helfer und Helfershelfer. Hat man die Wohnung des Vaters durchsucht – ich meine so richtig auf den Kopf gestellt? Wohl kaum. Irgendwo gibt es immer eine klitzekleine Spur oder eine Verbindung - die muss man finden.

Denken Sie, dass sein Navigationsgerät nicht gefunden wurde, weil er eine Spur verwischt?

Im Fall von Alessia und Livia gibt es noch viele, viele ungelöste Fragen. Entweder die Polizei sagt nicht alles oder es stimmt tatsächlich etwas nicht. Aus meiner Sicht darf man die Mädchen nicht aufgeben.

Die Kindesrückentführung

Der Fall von Alessia und Livia ist keine Einzelschicksal: Es kommt immer wieder vor, dass der nicht-obhutsberechtigte Elternteil das Kind entführt und in ein anderes Land flieht. Um das Kind wieder in die Obhut des berechtigen Elternteils zu bringen, haben zahlreiche Länder internationale Abkommen wie das «Haager Abkommen» oder das «Europäische Übereinkommen zum Kindesentzug» ratifiziert. Ziel dieser Übereinkommens ist es, «die sofortige Rückgabe widerrechtlich in einen Vertragsstaat verbrachter oder dort zurückgehaltener Kinder sicherzustellen», wie es im ersten Artikel des Haager Abkommens heisst. Der obhutsberechtigte Elternteil kann deshalb in diesen Ländern eine Kindesrückführung beantragen und sie wird von Amts wegen in die Wege eingeleitet.

Jedoch haben nicht alle Länder diese Abkommen unterschrieben. Flüchtet ein Elternteil beispielsweise nach Tunesien, Ägypten oder Marokko, kann auf offiziellem Wege nichts gemacht werden. In diesen Fällen bleibt die letzte Möglichkeit oft eine «illegale Kindesrückführung» – die KindesrückENTführung. Insgesamt gibt es gemäss Szenekennern drei wirklich seriöse Unternehmen weltweit, die sich mit Kindsrückentführungen beschäftigen. Sie haben sich darauf spezialisiert, die Kinder in den fremden Ländern ausfindig zu machen und in einem illegalen Einsatz zurück zum obhutsberechtigten Elternteil zu bringen. Seriöse Unternehmen nehmen auch nur Fälle an, in denen das Obhutsrecht gerichtlich geregelt ist.

Die Kindesrückentführung bleibt in der Schweiz und im Schengener Raum straffrei, weil die Entführer die Kinder sozusagen «nur zurückbringen in die Obhut des berechtigen Elternteils». Im Land der Rückentführung ist es allerdings nicht nur illegal, es bleibt auch meist bei sehr aufwendigen und geheimdienstartigen Einsätzen der Firmen. Beispielsweise werden die Kinder aus den nordafrikanischen Staaten oft mit Schnellbooten herausgeschafft.

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