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NeuentdeckungAlgenvirus macht Menschen dümmer

Dass das Chlorovirus ATCV-1 überhaupt bei Menschen vorkommt, erstaunte die Wissenschaftler bereits. Doch mit seiner Wirkung hätten sie erst recht nicht gerechnet.

von
jcg
Ein Virus, das Algen befällt, löst bei Menschen eine Genmutation im Hirn aus. Im Bild: Ein Tourist macht während einer Algenplage an der ostchinesischen Küste das Beste aus der Situation.

Ein Virus, das Algen befällt, löst bei Menschen eine Genmutation im Hirn aus. Im Bild: Ein Tourist macht während einer Algenplage an der ostchinesischen Küste das Beste aus der Situation.

Ein Algenvirus, das bisher noch nie bei gesunden Menschen beobachtet wurde, greift gemäss einer neuen Studie das menschliche Gehirn an und macht uns dümmer. Das Virus, das üblicherweise bei Süsswasseralgen vorkommt, beeinflusst geistige Fähigkeiten wie die visuelle Wahrnehmung. Dies schreiben Forscher der Johns Hopkins Medical School und der Universität von Nebraska im Fachjournal «Pnas».

Das Team um den Virologen Robert Yolken entdeckte das Virus bei einer Studie zum Vorkommen von Mikroben im Rachen. Unerwartet stiess man bei gesunden Menschen auf DNA, die jener des ATCV-1-Virus entsprach, das grüne Algen befällt. Bei den Betroffenen ruft das Virus offenbar eine Genveränderung im Gehirn hervor.

«Das ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie ein vermeintlich harmloser Mikroorganismus, den wir in uns tragen, Verhalten und Wahrnehmung beeinflussen kann», sagt Yolken. «Viele der physiologischen Unterschiede von Person A zu Person B liegen in den Genen, die sie von ihren Eltern geerbt haben. Doch einige dieser Unterschiede sind bedingt durch Mikroorganismen, die wir beherbergen und der Art, wie sie mit unserem Erbgut interagieren.»

44 Prozent betroffen

Von 92 Personen, die an der Studie mitwirkten, wurden 40 positiv auf das Virus getestet. Das entspricht 43 Prozent. Dabei handelte es sich nicht nur um Schwimmer oder Wassersportler, weshalb eine Ansteckung nicht zwingend über die Algen selbst erfolgt sein muss. Möglicherweise tragen gewisse Menschen seit Langem das Virus in sich, ohne dass es Mediziner bisher bemerkt hätten.

Die infizierte Gruppe schnitt bei Tests der Geschwindigkeit und Genauigkeit der visuellen Wahrnehmung um 10 Prozent schlechter ab. Sie wiesen auch eine reduzierte Aufmerksamkeitsspanne auf. Die Forscher konnten die Ergebnisse in einem Versuch mit Mäusen bestätigen.

Im menschlichen Körper tummeln sich Billionen von Bakterien, Viren und Pilzen. Die meisten sind harmlos oder gar überlebenswichtig. Die Studienergebnisse zeigen nun, dass gewisse Mikroben die geistigen Fähigkeiten beeinträchtigen, ohne dass der Mensch dabei krank wird.

Auswirkungen nicht überbewerten

Besorgnis ist deswegen aber nicht angebracht. Die geistigen Auswirkungen seien gering, hielt der emeritierte Neurologe der ETH Zürich, Joram Feldon, gegenüber dem Fachjournal «Science» fest. Der an der Studie nicht beteiligte Forscher hält die Studie zwar für innovativ, erklärte aber: «Wenn Sie mich fragen, ob mich die Existenz dieses Virus beunruhigt, dann muss ich verneinen.»

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