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Algerien brüskiert Chirac und macht Bush schöne Augen

Mit immer schärferen Tönen fordert der algerische Präsident Abdelaziz Bouteflika den frühere Kolonialherrn Frankreich heraus. Gleichzeitig häufen sich Gespräche auf höchster Ebene mit Frankreichs Rivalen, den USA.

Auf dem Höhepunkt seiner Macht legt der 69-jährige Bouteflika die Latte für Paris höher, sollte Präsident Jacques Chirac überhaupt noch sein Ziel eines «historischen» algerisch- französischen Freundschaftsvertrages erreichen wollen.

Die Kolonialzeit habe zu einem Genozid der algerischen Identität, Geschichte, Sprache und Bräuche geführt. So holte Bouteflika am Ostersonntag in Constantine zu einem Frontalangriff auf das Land aus, das von 1830 bis 1962 Kolonialmacht in Algerien war. «Wir wissen nicht mehr, ob wir Berber sind, Araber, Europäer oder Franzosen».

Seit Monaten geisselt der Staatschef die «Verbrechen» der Franzosen in damaliger Zeit. Obwohl er Chirac doch schätzt, schraubt Bouteflika seine Forderungen an den ursprünglich schon für Ende 2005 vorgesehenen Freundschaftsvertrag immer höher.

Mit etwa 50 Milliarden Dollar an Finanzreserven und phantastischen Einnahmen dank steil steigender Rohölpreise im Rücken, kann es sich Bouteflika problemlos leisten, Paris gegenüber aufzutrumpfen. Im vergangenen Jahr trug algerische Empörung wesentlich dazu bei, dass eine Gesetzespassage über positive Seiten der Kolonialherrschaft in Paris zurückgenommen wurde.

Öffentliche Reue erwartet

Doch das reicht dem Staatschef nicht, der immer mehr auf islamische Strömungen in Algerien eingeht. Er strebt einen Vertrag mit Paris an, so gewichtig wie die deutsch-französische Aussöhnung. In Algier verlangen derweil manche, Chirac müsse zuvor erst öffentlich Reue für die Untaten in der Kolonialzeit bekunden.

Er mag nach einer schweren Erkrankung im vergangenen Jahr noch immer blass sein und nur langsam gehen. Der erfahrene Staatschef und frühere Spitzendiplomat seines Landes weiss aber, was er will: Paris muss davon abgehalten werden, offen mit Rabat zu flirten und den marokkanischen Autonomieplan für die Westsahara zu unterstützen.

Strategische Bedeutung

Das Interesse der US-Regierung von Präsident George W. Bush an Algerien wegen der strategischen Bedeutung im Kampf gegen den internationalen Terror kommt Bouteflika dabei zugute. Auch der Frankreichs Aussenminister Philippe Douste-Blazy hat das Eis bei einem jüngsten Besuch in Algier nicht brechen können.

Den Franzosen wird politisch nichts geschenkt - noch ein Zeichen einer auch aussenpolitischen Schwäche Chiracs, der durch soziale Krisen und Unruhen zu Hause stark angeschlagen ist?

Gerade ist der Stabschef der algerischen Armee, Ahmed Gaïd Salah, in den USA, um die militärische Zusammenarbeit zu vertiefen. Die USA setzten auf Algerien, hatte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld unlängst in Algier erläutert.

Und als Aussenminister Mohamed Bedjaoui vergangene Woche in Washington war, empfing ihn nicht nur Kollegin Condoleezza Rice. Auch US-Geheimdienstchefs schätzten das Gespräch mit ihm, hat Algerien doch blutige Erfahrungen im Kampf gegen islamischen Terror gesammelt.

Das jüngste Gerücht in Algier kündigt jetzt eine Visite von US- Vizepräsident Dick Cheney bei Bouteflika an. Der es sich dann nicht nehmen lassen dürfte, auch daraus wieder Kapital zu schlagen. (sda)

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