Belastete Beziehungen: Algerien fürchtet die libysche Revolution
Aktualisiert

Belastete BeziehungenAlgerien fürchtet die libysche Revolution

Muammar Gaddafi ist kein Freund Algeriens, dennoch erhielt seine Familie im Nachbarland Asyl. Das Regime in Algier tut sich schwer mit der neuen Realität in Libyen.

von
Peter Blunschi
Algeriens Präsident Abdelaziz Bouteflika mit Muammar Gaddafi beim Gipfeltreffen der Arabischen Liga 2005 in Algier.

Algeriens Präsident Abdelaziz Bouteflika mit Muammar Gaddafi beim Gipfeltreffen der Arabischen Liga 2005 in Algier.

Muammar Gaddafis Ehefrau Safia, seine Tochter Aischa und seine Söhne Hannibal und Mohammed sind am Montag überraschend in Algerien aufgetaucht. Die libyschen Rebellen haben das Nachbarland am Dienstag aufgefordert, die Angehörigen des Ex-Machthabers auszuliefern. Ihre Aufnahme sei ein «aggressiver Akt gegen den Willen des libyschen Volkes», sagte Mahmud Schammam, Informationsminister des Nationalen Übergangsrates.

Das algerische Aussenministerium hatte am Montagabend die Einreise bestätigt, ansonsten aber zunächst jeglichen Kommentar verweigert. Am Dienstag hiess es dann, die Familie sei aus «strikt humanitären Gründen» aufgenommen worden. Die ohnehin belasteten Beziehungen zwischen Algerien und den Aufständischen in Libyen haben damit einen neuen Tiefpunkt erreicht, zumal spekuliert wird, dass auch Gaddafi selber ins Nachbarland flüchten könnte. Algerien verfolgt im Libyen-Konflikt eine Politik der «strikten Neutralität». Der Maghreb-Staat ist eines von wenigen arabischen Ländern, die den Übergangsrat noch nicht anerkannt haben.

Waffen und Söldner für Gaddafi?

Seit einiger Zeit kursieren zudem Gerüchte, wonach die Regierung in Algier den libyschen Despoten im Krieg gegen die Rebellen tatkräftig unterstützt hat. So sollen Waffen und Söldner die Grenze zwischen den beiden Ländern passiert haben, und angeblich haben algerische Kampfjets sogar Stellungen der Aufständischen im Grenzgebiet bombardiert. Die algerische Regierung hat dies bestritten, doch als die Rebellen in Tripolis einmarschierten, wurde die algerische Botschaft gestürmt, als einzige Vertretung eines arabischen Landes.

Die Haltung Algiers erstaunt auf den ersten Blick, denn der libysche Oberst war keineswegs ein enger Freund. «Die Beziehungen der beiden Länder sind seit den 70er Jahren sehr schlecht», betonte der Journalist und Essayist Akram Belkaïd gegenüber «Le Monde». Als Unterstützer von Rebellen in Niger, Tschad und der Westsahara habe sich Gaddafi wiederholt in den algerischen «Hinterhof» eingemischt und damit den Zorn der Generäle auf sich gezogen, die in Algerien seit der Unabhängigkeit von Frankreich vor 50 Jahren faktisch das Sagen haben.

Angst vor gewaltsamem Wandel

Belkaïd sieht drei Gründe für die plötzliche Freundschaft mit Gaddafi: «Zum einen sind es Symptome eines Landes im Stillstand.» Die Diplomatie sei gelähmt durch Machtkämpfe um die Nachfolge des kranken Präsidenten Abdelaziz Bouteflika. «Ein Teil der Machthaber ist zudem überzeugt, dass der libysche Übergangsrat durch Islamisten unterwandert ist», so der Publizist. Und schliesslich lehne das Regime jegliche Idee eines Wandels, einer Demokratisierung oder gar Revolution ab, «besonders wenn sie mit Gewalt verbunden ist».

Neben dem simplen Machterhalt geht es dabei auch um das Trauma des Bürgerkriegs gegen radikale Islamisten in den 90er Jahren, dem rund 200 000 Menschen zum Opfer fielen. Denn in letzter Zeit nahm die Zahl der islamistischen Terroranschläge dramatisch zu. Am letzten Freitag starben 18 Offiziersanwärter bei einem Anschlag auf eine Militärakademie – es war das schwerste Attentat seit Jahren. Die Al Kaida im Islamischen Maghreb, der nordafrikanische Zweig des Terrornetzwerks, rechtfertigte es mit «der Unterstützung Algeriens für das Gaddafi-Regime».

«Arabischer Frühling» findet nicht statt

Das Bürgerkriegs-Trauma ist auch ein wesentlicher Grund, warum der «arabische Frühling» in Algerien bislang nicht wirklich Fuss fassen konnte. Selbst jene Algerier ziehen den Status Quo einem unkalkulierbaren Wandel vor, die das autoritäre und verknöcherte Regime eigentlich ablehnen, in dessen Reihen nach wie vor die Veteranen des Unabhängigkeitskriegs dominieren. Mit verstärkten Subventionen aus den Öleinnahmen und Reformversprechen hat Präsident Bouteflika zudem versucht, die Unzufriedenheit im Volk einzudämmen.

Doch der Unmut über die Haltung im Libyen-Konflikt wächst. «Das Interesse Algeriens liegt bei jenen Leuten, welche die Ketten von 42 Jahren absolutistischer Herrschaft gesprengt haben», kommentierte die algerische Zeitung «Le Matin DZ». Letztlich wird sich Algier mit den neuen Realitäten in einem Land arrangieren müssen, mit dem es eine 2000 Kilometer lange Grenze teilt. Am Montag traf sich der algerische Aussenminister Mourad Medelci in Kairo erstmals mit Mahmud Dschibril, dem «Regierungschef» des libyschen Übergangsrats.

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