Was die Amerikaner treiben: Alkohol, Ketamin, Sex und Waffen in Kabul
Aktualisiert

Was die Amerikaner treibenAlkohol, Ketamin, Sex und Waffen in Kabul

Ein Video aus Kabul bringt eine US-Sicherheitsfirma in Verlegenheit und ihren Milliarden-Vertrag mit der US-Regierung in Gefahr: Es zeigt das wilde Treiben ihrer Angestellten in Afghanistan.

von
gux

Ein mit einem Handy aufgenommenes Video zeigt skandalträchtige Szenen aus dem Kabuler Hauptquartier der US-Sicherheitsfirma «Jorge Scientific»: Ein stämmiger, muskelbepackter Mann mit halbnacktem Oberkörper taumelt offensichtlich stockbetrunken im Raum umher. Hinter ihm steht ein Tisch voller Wodkaflaschen und anderer alkoholischer Getränke. Der Mann macht aggressive Luftsprünge und liefert sich mit einem anderen halbnackten Betrunkenen einen harmlosen Ringkampf. Ein dritter Mann starrt teilnahmslos in die Kamera. Er ist ganz offensichtlich auf Drogen.

Die Männer des Sicherheitsunternehmens sollen faktisch als US-Söldner in Kabul für Ruhe und Sicherheit sorgen. Die US-Regierung hat mit ihrer Firma Verträge im Wert von nahezu einer Milliarde US-Dollar abgeschlossen. Doch in ihrem Zustand vermögen sich die Männer kaum auf den Beinen zu halten. Würde ihr Quartier jetzt angegriffen, wären sie nicht in der Lage, sich oder andere zu verteidigen.

Zwei in Kabul stationierten Mitarbeitern von «Jorge Scientific» wurde dieses Treiben zu bunt und zu gefährlich. Kenny Smith und John Melson, der zuvor als Unteroffizier im Irak und Afghanistan diente, haben gegen das Unternehmen Klage eingereicht. «Die Firma gefährdete das Leben ihrer Angestellten, sie gefährdete die US-Mission in Afghanistan und das Leben der dort noch stationierten US-Truppen», heisst es in der Klageschrift, die «ABC News» vorliegt.

Alkohol, Ketamin, Sex, Waffen

«Die US-Army hat die Aufsicht über die US-Sicherheitsfirmen in Afghanistan. Davon haben wir nichts bemerkt», sagt ein namentlich nicht genannter Mitarbeiter. «Im Gegenteil: Mindestens ein Major der US-Armee, eine Frau, besuchte die Alkohol- und Drogen-Partys regelmässig und hatte Sex in einem Nebenraum.»

«Es war ein Gelage, wie bei einer Studentenverbindung für Erwachsene», sagt Ex-Soldat und Kläger John Melson. «Einige Männer tranken bis zur Bewusstlosigkeit. Es lagen überall geladene Waffen herum.»

Am wildesten soll es ausgerechnet der Vorgesetzte der Gruppe getrieben haben. Er habe die Partys organisiert und sei dabei mit einer geladenen Pistole im Hosenbund betrunken herumgelaufen. «Er forderte jeden auf, viel zu trinken. Diejenigen, die sich weigerten, nannte er Feiglinge», so der zweite Kläger, Kenny Smith. Oft seien bei diesen Gelagen mit Alkohol und Drogen wie Ketamin auch Munition oder Feuerlöscher ins offene Feuer geworfen worden. Die Explosionen hätten jeweils für grosses Gejohle gesorgt. «Es gab nicht jede Nacht Party, aber immer wieder», sagt Smith gegenüber ABC News.

«Ein Albtraum dort zu leben»

Ein weiterer ehemaliger Angestellter von «Jorge Scientific» bestätigt die Vorwürfe weitgehend: Kevin Carlson, der mittlerweile in Deutschland lebt, gab zu, dass er sich regelmässig Drogen spritzte, als er als Werksarzt für die Firma in Kabul war. «Es war ein solcher Albtraum dort unten zu leben, dass ich dem irgendwie entfliehen musste.» In den Unterkünften der Sicherheitsfirma habe es «einen massiven Alkohol- und Drogenkonsum» gegeben.

«Jorge Scientific», besorgt um die Aufkündung ihrer Milliarden-Verträge mit der US-Regierung, beeilt sich zu versichern, dass mehrere Angestellte aus Kabul abgezogen und entlassen worden seien. Dazu gehörten alle drei Männer aus dem Skandalvideo. Dennoch hat die US-Armee eine Untersuchung eingeleitet.

«Das Bild der arroganten Amerikaner»

Bis Ende 2014 will die Nato ihre Truppen aus Afghanistan abziehen. Dazu gehören auch die 68 000 US-Soldaten der internationalen Afghanistan-Truppe ISAF. Ein strategisches Abkommen zwischen Afghanistan und den USA aber sieht vor, dass die USA auch in den kommenden Jahren die afghanischen Sicherheitskräfte ausbilden, demokratische Strukturen stärken und die Menschenrechte voranbringen wollen.

Im Rahmen ihrer Abzugsstrategie setzen die USA also noch so gerne auf Sicherheitsfirmen wie «Jorge Scientific». Bereits 2010 waren gemäss US-Verteidigungsministerium insgesamt 112 000 Söldner solcher Sicherheitsfirmen in Zusammenarbeit mit der US-Armee in Afghanistan. Hier sollen sie in erster Linie Personal, Konvois und militärische Einrichtungen bewachen.

Auf das Skandal-Video von «Jorge Scientific» angesprochen, sagt ein Sprecher der ISAF gegenüber «ABC News»: «Stimmen diese Vorwürfe, sollte diese Firma so schnell wie möglich aus Afghanistan verschwinden.» Es sei genau dieses Benehmen von US-Amerikanern in Afghanistan, das die Wut der Einheimischen immer mehr entfache: «Kultur und lokale Bräuche werden nicht respektiert. So etwas nährt das Bild der arroganten Amerikaner enorm.»

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