Lieber fit als verkatert - «Alkohol passt einfach nicht zu meinem Leben»
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Lieber fit als verkatert«Alkohol passt einfach nicht zu meinem Leben»

Kein Saufgelage und kein Kater am nächsten Morgen: Auf Social Media feiern viele Jugendliche ihren alkoholfreien Lebensstil. So auch einige Leser*innen der 20-Minuten-Community.

von
Deborah Gonzalez
Gabriela Graber
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«Der Konsum ist gesundheitsschädlich und Alkohol passt nicht in mein Leben», so der 16-jährige Maximilian aus Schaffhausen. Seit bald zwei Jahren verzichtet er komplett auf Alkohol.

«Der Konsum ist gesundheitsschädlich und Alkohol passt nicht in mein Leben», so der 16-jährige Maximilian aus Schaffhausen. Seit bald zwei Jahren verzichtet er komplett auf Alkohol.

Privat
«Seit ich nicht mehr trinke, habe ich mehr Energie und fühle mich emotional ausgeglichener», so Marisa (23). Der soziale Druck sei gross – dennoch sei sie stolz, wenn sie nach einer Party ohne Hangover erwache. 

«Seit ich nicht mehr trinke, habe ich mehr Energie und fühle mich emotional ausgeglichener», so Marisa (23). Der soziale Druck sei gross – dennoch sei sie stolz, wenn sie nach einer Party ohne Hangover erwache.

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Der bewusste Verzicht auf Alkohol wird «Sober Curious», also «Neugierig nüchtern» genannt. Anhänger*innen dieser Bewegung geht es vor allem darum, körperlich und geistig in Bestform zu sein.

Der bewusste Verzicht auf Alkohol wird «Sober Curious», also «Neugierig nüchtern» genannt. Anhänger*innen dieser Bewegung geht es vor allem darum, körperlich und geistig in Bestform zu sein.

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Darum gehts

  • Jugendliche verzichten auf Alkohol, weil das Gesundheitsbewusstsein hoch ist.

  • Leser*innen erzählen, wieso sie keinen Tropfen trinken wollen.

  • Jugendpsychologe Felix Hof spricht von einem Kult und einem neuen Lifestyle.

«Ich mag den Geschmack von Alkohol nicht und lebe sehr gesund mit viel Sport. Deshalb macht es für mich keinen Sinn, meinen Körper zu vergiften.» Und: «Mir ist wichtig, dass ich mir beim Sport nicht versaue, was ich mir schon aufgebaut habedeshalb trinke ich keinen Alkohol» , schreiben zwei 20-Minuten-Leser*innen. Mit ihrem kategorischen Alkoholverzicht sind sie nicht alleine. Gemäss der Covid-19-Studienbefragung von der Berner Fachhochschule hat das Rauschtrinken bei Studierenden während des Lockdowns deutlich abgenommen.

Der bewusste Verzicht auf Alkohol wird «Sober Curious», also «Neugierig nüchtern» genannt. Anhänger*innen dieser Bewegung geht es vor allem darum, körperlich und geistig in Bestform zu sein. Auf Tiktok, der Plattform, auf der über 60 Prozent der User*innen unter 25 Jahre alt ist, verzeichnet der Hashtag #sober 1,8 Milliarden Aufrufe. Auch in der Schweiz trifft die «neue Nüchternheit» einen Nerv, wie Jugendpsychologe Felix Hof (siehe Interview unten) bestätigt. 20 Minuten hat mit zwei jungen Anhänger*innen dieser Bewegung gesprochen.

«Ich schäme mich für meine Freunde, die viel trinken»

Der 16-jährige Maximilian aus Schaffhausen verzichtet seit einiger Zeit komplett auf Alkohol: «In unserem Freundeskreis ging es früh los, obwohl trinken noch gar nicht erlaubt war. Ich habe aber noch nie sonderlich viel getrunken, einen Absturz etwa hatte ich nieich kenne meine Grenzen. Deshalb habe ich mich dann dazu entschieden, gar nicht mehr zu trinken. Vor allem, weil der Konsum gesundheitsschädlich ist und Alkohol nicht in mein Leben passt.»

Einen Drang zu trinken, verspüre er nicht, auch dann nicht, wenn seine Freunde ihn dazu motivieren wollen, doch noch auf ein alkoholisches Getränk zu wechseln: «Manchmal verspüre ich Fremdscham, denn sie verhalten sich wie komplett andere Menschen, wenn sie trinken. Sie schreien, werden ausfallend und sind einfach nur peinlich.»

«Meine Freund*innen können die dummen Sprüche nicht lassen»

Auch die 23-jährige Marisa verzichtet gänzlich auf Alkohol: «Ich habe mit 14 Jahren angefangen zu trinken: jedes Wochenende – und viel zu viel. Ich habe es oft übertrieben, mich peinlich benommen und hatte mehrere Blackouts.» Die Zürcherin habe eine sehr hohe Alkoholtoleranz entwickelt, genauso wie ihre Freund*innen – da wolle man mithalten und keine Schwäche zeigen, erklärt sie.

Ein Lebensstil, den sie wegen der Corona-Pandemie nicht mehr beibehalten konnte: «Auf einmal ging es mir sehr schlecht und ich musste in Psychotherapie. Meine Therapeutin meinte, dass ich aufhören muss zu trinken, weil ich sonst zur Alkoholikerin werde. Weil ich das nicht will, musste ich unbedingt etwas ändern. Es war und ist nicht einfach: Ich bin die Einzige in meinem Umfeld, die nicht trinkt und werde deshalb oft ausgelacht. Einige meiner Freund*innen können die dummen Sprüche nicht lassen: Ob ich denn jetzt schwanger sei oder dass ich eine Spielverderberin sei, höre ich oft. Das schmerzt.»

Trotzdem sei sie stolz auf sich und ihre Entscheidung, vor allem am Tag nach der Party, wenn sie ohne Kater aufsteht: «Das ist ein Gefühl, das ich kaum noch kannte. Allgemein geht es mir viel besser, seitdem ich nicht mehr trinke: Ich habe mehr Energie und fühle mich emotional ausgeglichener.»

«Den jungen Leuten ist es wichtiger, fit zu bleiben»

Felix Hof ist Jugendpsychologe aus Zürich.

Felix Hof ist Jugendpsychologe aus Zürich.

Privat 

Felix Hof, viele Jugendliche verzichten bewusst auf Alkohol. Nehmen Sie den Trend der «neuen Nüchternheit» auch wahr?

Ja, der Alkoholkonsum ist definitiv rückläufig. Die Abstinenz ist zum Kult und zum Lifestyle vieler Jugendlichen geworden. Sie feiern alkoholfreie Cocktailpartys und suchen sich ihren Freundeskreis anhand des Alkoholverzichts aus sie wollen sich mit Gleichgesinnten umgeben.

Wie sieht dieser Lifestyle aus?

Es geht um das Gesundheitsbewusstsein. Die Jugendlichen haben einen kritischen Umgang mit ihrem Körper. Ihnen ist es wichtiger, fit zu bleiben, sie wollen ihre Körper nicht verändern oder Spuren von Alkoholexzessen davontragen. Ausserdem hat die Jugend heute ein verstärktes Kontrollbedürfnis, sie wollen präsent sein und nichts verpassen. Es ist zu einer Ideologie geworden, in der es darum geht, sich deutlich abzuheben und abzugrenzen.

Hat die Pandemie dabei eine Rolle gespielt?

Sicherlich. Es ist eine Zeit des Umbruchs, in der Trinkgelage weniger stattgefunden haben und die Clubs geschlossen waren. Viele Gelegenheiten zum Trinken blieben schlichtweg aus. Das war eine geeignete Zeit, um sich den Lebensstil und den Alkoholkonsum vor Augen zu führen, was diesen Trend zur Abstinenz nochmals verstärkt hat. Viele junge Menschen haben ihren Konsum hinterfragt und meist auch reduziertoder gar ganz gestoppt.

Mit welchen Reaktionen muss man rechnen, sobald man aufhört?

Der soziale Druck kann enorm sein. Wer nüchtern leben möchte, muss sich bewusst sein, dass er oder sie Gegenwind bekommen wird. In erster Linie braucht es Mut und Abgrenzungsvermögen, denn wer nicht trinkt, kann schnell als Spielverderber*in abgestempelt werden. Die anderen, die sehr wohl weiter trinken, finden es natürlich nicht toll, wenn andere sich abgrenzen. Es braucht gute Erklärungen und man muss standhaft bleiben, denn man wird immer wieder zum Trinken animiert und eingeladen werden. Wichtig ist: Nur weil man nicht trinkt, heisst das nicht, dass man nicht trotzdem dabei sein kann. Man kann genauso ausgelassen sein, Spass haben und geniessen. Statt mit Alkohol anzustossen, greift man halt zu einem alkoholfreien Cocktailso wird das Ritual trotzdem beibehalten.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Probleme mit Alkohol?

Hier findest du Hilfe:

Sucht Schweiz, Tel. 0800 104 104

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Feel-ok, Informationen für Jugendliche

My Drink Control, Selbsttest

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