Flugzeugentführung: «Alle Äthiopier wollen in die Schweiz»
Aktualisiert

Flugzeugentführung«Alle Äthiopier wollen in die Schweiz»

Ein 30-jähriger Äthiopier entführt ein Flugzeug, um Asyl in der Schweiz zu erhalten. Die Verzweiflungstat erstaunt Kenner der Verhältnisse in dem afrikanischen Land nicht.

von
num
Ins gelobte Land: Asylsuchende aus Äthiopien versprechen sich ein besseres Leben in der Schweiz.

Ins gelobte Land: Asylsuchende aus Äthiopien versprechen sich ein besseres Leben in der Schweiz.

Er schloss sich im Cockpit des Flugzeugs ein und nahm Kurs auf die Schweiz: Ein äthiopischer Kopilot hat heute Morgen für gehörige Aufregung gesorgt. Der Vorfall am Flughafen Genf endete unblutig, die Passagiere kamen mit dem Schrecken davon.

Doch was trieb den Äthiopier dazu, eine lange Gefängnisstrafe zu riskieren, um in die Schweiz zu gelangen? Patrizia Bertschi, Präsidentin des Vereins Netzwerk Asyl Aargau, sagt: «Äthiopier sehen in der Schweiz vor allem die Demokratie. Und sie glauben, dass sie in der Schweiz geschützt werden.»

Bereket Geberegzei ist der Gründer der Kirche Kidest Ledeta Le Mariam, in der orthodoxe Äthiopier ihren Glauben in der Schweiz leben können. Er ist vor 15 Jahren aus Äthiopien geflüchtet – und die Verzweiflungstat des Kopiloten erstaunt ihn kein bisschen: «Seit 20 Jahren gibt es Probleme in meinem Land. Alle wollen weg – alle wollen in die Schweiz.» Die Meinungs- und Pressfreiheit sei in Äthiopien stark eingeschränkt, viele Leute sässen grundlos im Gefängnis.

474 hängige Gesuche

Vor allem die Menschen «ohne Perspektive» träumten in dem ostafrikanischen Staat von einem besseren Leben im Ausland, sagt Geberegzei. «Sie finden keine Stelle, können nicht an die Hochschule, leben in Armut.» Diese Menschen versuchten ihr Glück in anderen Ländern zu finden. «Nur wenige schaffen es in die Schweiz, viele fliehen nach Uganda, nach Kenia oder in den Sudan.»

Wer es hierher schafft, ist noch lange nicht aus dem Schneider. Das Bundesamt für Migration teilt auf Anfrage mit, dass noch 474 Gesuche von äthiopischen Asylbewerbern hängig seien. Im Jahr 2013 seien 246 neue Gesuche hinzugekommen. Vergangenes Jahr wurden 28,9 Prozent aller Gesuche bewilligt.

Patrizia Bertschi steht im Kontakt mit einigen Asylsuchenden, deren Gesuche abgelehnt wurden – die aber trotzdem nicht ausgeschafft werden können. «Das ist für diese Flüchtlinge eine ganz schwierige Situation. Sie leben ohne Status in Notunterkünften, müssen von Fr. 7.50 am Tag überleben.»

Einige dieser Flüchtlinge lebten bereits seit über zehn Jahren so, sagt Bertschi. «Das ist belastend, vor allem für Frauen oder ganze Familien.» In solchen Fällen versuche der Verein, beim Migrationsamt ein Härtefallgesuch oder ein Wiedererwägungsgesuch zu stellen.

Fussballmannschaften verschwinden

Eine Entwicklungshelferin in der Schweiz, die anonym bleiben will, sagt: «Viele halten das Ausland und damit auch die Schweiz für das Paradies. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, sind sie weg.» So seien schon ganze Fussballmannschaften verschwunden. «Es sind aber vor allem vermögende Leute, die den Sprung in ein anderes Land schaffen, da sie Schlepper bezahlen können.»

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