Drittimpfung – «Alle aufs Mal boostern, das geht einfach nicht»
Aktualisiert

Drittimpfung«Alle aufs Mal boostern, das geht einfach nicht»

Der Berner Gesundheitsdirektor Pierre-Alain Schnegg (SVP) kontert den Vorwurf von Politikern, die Kantone hätten die Booster-Impfung verschlafen.

von
Claudia Blumer
1 / 4
«Eine kleine Minderheit ist jetzt sehr laut», sagt der Berner Gesundheitsdirektor Pierre-Alain Schnegg. «Sie hat Angst, dass sie keine Booster-Impfung bekommt.» Das sei aber unbegründet, so der 59-Jährige.

«Eine kleine Minderheit ist jetzt sehr laut», sagt der Berner Gesundheitsdirektor Pierre-Alain Schnegg. «Sie hat Angst, dass sie keine Booster-Impfung bekommt.» Das sei aber unbegründet, so der 59-Jährige.

Adrian Moser / Tamedia AG
Einer der Kritiker ist GLP-Nationalrat Martin Bäumle. Dass es jetzt mit den Drittimpfungen nicht schneller vorwärts geht, ist für ihn unverständlich. «Im Januar hiess es noch, man habe nicht so schnell mit der Impfung gerechnet. Doch jetzt gibt es keine Ausreden mehr.»

Einer der Kritiker ist GLP-Nationalrat Martin Bäumle. Dass es jetzt mit den Drittimpfungen nicht schneller vorwärts geht, ist für ihn unverständlich. «Im Januar hiess es noch, man habe nicht so schnell mit der Impfung gerechnet. Doch jetzt gibt es keine Ausreden mehr.»

LMS
Andreas Faller, ehemaliger Vizedirektor des Bundesamts für Gesundheit, fordert gar eine unabhängige Kommission, welche die Corona-Krise untersucht, damit sich die Fehler nicht wiederholen.

Andreas Faller, ehemaliger Vizedirektor des Bundesamts für Gesundheit, fordert gar eine unabhängige Kommission, welche die Corona-Krise untersucht, damit sich die Fehler nicht wiederholen.

Henry Muchenberger

Darum gehts

  • Gesundheitspolitiker und -politikerinnen sowie Gesundheitsexperten und -expertinnen kritisieren den Bund und die Kantone, weil es zu wenig vorwärts geht mit der Drittimpfung: «Es ist fünf vor zwölf».

  • Dies, nachdem die «SonntagsZeitung» berichtet hatte, dass die Kantone teilweise nicht bereit seien, schon Anfang Dezember mit der flächendeckenden Booster-Impfung zu starten.

  • Der Berner Gesundheitsdirektor, Pierre-Alain Schnegg, verteidigt sich: Für die meisten unter 65-Jährigen wäre es Anfang Dezember ohnehin noch zu früh, sagt er.

Der Kanton Bern ist erst ab Januar 2022 bereit, flächendeckend die dritte Impfung anzubieten?

Wissen Sie, seit der Booster-Empfehlung vom 4. November haben wir insgesamt über 26’000 Drittimpfungen verabreicht – in weniger als zwei Wochen. Alle über 65-Jährigen, deren Zweitimpfung sechs Monate oder länger zurückliegt, kontaktieren wir per SMS oder Briefpost und empfehlen ihnen den Booster. Fast 50’000 Personen haben schon einen Booster-Termin gebucht, und rund 20’000 Termine sind noch frei. Aber eine Zeitung verkauft sich natürlich besser, wenn sie schreibt, wir seien nicht bereit.

Wir wissen von über 70-Jährigen, die auf einen Booster-Termin warten müssen oder erst für Mitte Dezember einen bekommen.

Ich habe gestern meine Mutter angemeldet – problemlos. Heute habe ich eine weitere Person für den Booster angemeldet, ich konnte zwischen vier Orten mit freien Terminen im November wählen.

Schaffen Sie es, bis Ende November die 220’000 über 65-Jährigen zu boostern, damit Sie im Dezember mit den unter 65-Jährigen starten können?

Nur für 117’000 Personen im Kanton Bern ist die Drittimpfung aktuell zugelassen. Diese Zahl verändert sich natürlich täglich, weil sich die Zahl derjenigen Personen, deren Zweitimpfung sechs Monate zurückliegt, jeden Tag verändert. Die 117’000 Personen werden nicht alle bis Ende November geboostert, zuerst muss doch die Nachfrage vorhanden sein. Diese Leute brauchen auch Zeit, wollen es teilweise noch besprechen und überdenken. Dann melden sie sich an.

Aber wären Sie bereit für den Booster für die ganze Bevölkerung am 1. Dezember?

Wir haben die Empfehlung noch gar nicht. Sie wurde erst in Aussicht gestellt. Auch ein Off-Label-Use war ein Thema. Zuerst müssen wir genau Bescheid wissen, bevor wir definitiv disponieren können. Panik ist jetzt nicht angebracht. Die jüngeren geimpften Personen sind gut geschützt, und die älteren werden jetzt nachgeimpft.

Die Impfwoche hat wenig gebracht. Nun sind die Kantone mit der Booster-Impfung teilweise überfordert. Wird das Geld richtig eingesetzt?

Das Geld ist in Bern kein Thema, das Budget für die Booster-Impfung wurde vollumfänglich unterstützt. Doch es ist ganz einfach: Sie können nicht alle Leute aufs Mal boostern, das geht einfach nicht. Egal, wie gut man vorbereitet ist. Die SBB kann auch nicht zwei Millionen Menschen aufs Mal von Bern nach Zürich transportieren.

Die Drittimpfung ist schon lange ein Thema in Fachkreisen. Warum hat man sich nicht früher und besser vorbereitet?

Glauben Sie, die Plattform für die Booster-Impfung sei in zwei Tagen entwickelt worden? Und die Logistik? So eine Vorbereitung braucht Zeit. Wir haben uns vorbereitet und haben deshalb unverzüglich mit dem Boostern begonnen.

Doch werden auch Jüngere schnell geboostert, sobald die Empfehlung draussen ist? Bekommt eine 50-jährige Bernerin einen Termin für Mitte Dezember?

Die Chancen stehen gut, weil wir die Kapazitäten laufend erweitern. Doch die meisten unter 65-Jährigen werden sich Anfang Dezember noch nicht boostern lassen können, weil ihre Zweitimpfung weniger als sechs Monate zurückliegt. Haupt-Impfsaison war im Juni und Juli. Wir werden zudem eine Gruppen-Reihenfolge machen: Zuerst kommen die Vulnerablen, das Gesundheitspersonal, dann die anderen. Schritt für Schritt, aber ziemlich rasch.

Was macht der Kanton Bern aktuell, um die Impfkapazität zu erhöhen?

Wir haben vier Popups in Einkaufszentren, deren Betrieb wir verlängern und ausbauen. Wir haben mobile Impfzentren, die sich mehr auf den Booster konzentrieren werden, wir sind mit Hausärztinnen und -ärzten und Apotheken in Kontakt. Und wir erhöhen die Impfkapazität laufend. Zum Beispiel haben wir in der Region Berner Jura die Kapazität um den Faktor sechs erhöht.

Politiker kritisieren den Bund und die Kantone hart. Man habe den Booster verschlafen.

Ja, eine kleine Minderheit ist jetzt sehr laut. Sie hat Angst, dass sie keine Booster-Impfung bekommt. Das ist unbegründet.

Wenn es wieder einen Lockdown geben sollte, dann gäbe es einen Aufstand. Dann müssten die politisch Verantwortlichen zurücktreten.

Ich verstehe diese Haltung. Deshalb ist es wichtig, bei den Massnahmen die Verhältnismässigkeit zu beachten. Und dass Entscheide nicht aufgrund von Fallzahlen gefällt werden, sondern nur mit Blick auf die Belastung der Intensivstationen. Und hier sieht es im Moment zum Glück gut aus. Es wird vielleicht gewisse Verschärfungen geben, etwa Maskenpflicht in der Schule oder im öffentlichen Raum, an Veranstaltungen. Das werden wir zu gegebener Zeit entscheiden. Unser Ziel ist es, das Gesundheitswesen zu schützen. Und nicht, die Fallzahlen auf Null zu bringen.

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

273 Kommentare