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Bundesliga-StartAlle gegen Peps Bayern

Am Freitag eröffnet Bayern München die 51. Bundesliga-Saison. Pep Guardiola soll beim Triple-Sieger das nächste Fussball-Märchen kreieren. Von einem goldenen Herbst träumen aber auch andere.

Der seit Jahren aufstrebenden Bundesliga steht ein nächster markanter Schub bevor. Nur schon des Münchner «Pepismus» und der Dortmunder «Tempo-Abteilung» wegen ist mit einem Spektakel auf höchstem internationalem Niveau zu rechnen.

Die nackten Zahlen lassen erahnen, welch imposanter Apparat hinter der deutschen Spitzenliga steckt. 13,4 Millionen Zuschauer zog sie in der letzten Saison an - zum vierten Mal über 42'000 im Schnitt und mehr als jede andere europäische Top-Meisterschaft. Dem Bundesliga-Report 2013 ist zu entnehmen, dass vor einem Jahr erstmals die Umsatz-Rekordmarke von zwei Milliarden Euro überschritten wurde. 14 von 18 Klubs bewegen sich in der Gewinnzone.

«Es gibt keinen Zweifel, dass sich mehr Menschen denn je für die Bundesliga begeistern und die Liga über die grössten wirtschaftlichen Möglichkeiten verfügt, die sie je hatte», hielt DFL-Geschäftsführer Cristian Seifert vor ein paar Tagen fest. Das Produkt wird nicht nur vorzüglich vermarktet, der Inhalt stimmt. Die deutsche Doppelbesetzung im CL-Final ist der eine Beleg, in der Fünfjahres-Wertung der Uefa verringerten die Deutschen ihren Rückstand gegenüber dem zweitklassierten England auf 1,1 Punkte.

«Von Gott geküsst»

Bayern München gilt in jeglicher Hinsicht als wertvollster Bundesliga-Botschafter. Der Rekordmeister deklassierte die nationale und ausländische Konkurrenz in den vergangenen zwölf Monaten regelrecht. Jupp Heynckes inszenierte in der Allianz-Arena beispiellose Festwochen - der «FC Hollywood» produzierte ein Fussball-Märchen. Der mächtigste Verein des Landes verkraftete sogar, dass Patron Uli Hoeness wegen eines (nicht ausgestandenen) Steuerskandals während Monaten landesweit im «Focus» stand.

Jupp Heynckes, der väterliche Regisseur des Triple-Gewinns, pflegt inzwischen seine Rosenzucht im Schwalmtal. Der 68-jährige Privatier und Denkmalanwärter kann ganz entspannt beobachten, ob «meine Jungs» (Heynckes im ZDF-Sportstudio) zu einem ähnlichen Kürlauf starten. An der «Säbener Strasse» sitzt ein neuer Josef auf dem FCB-Thron: Pep Guardiola, 42 erst, aber bereits 14-facher Titelgewinner als Trainer des FC Barcelona, katalanischer Fussball-Ästhet.

Im medialen deutschen Epizentrum entwarfen die Produzenten der grossen Buchstaben eine neue Dimension der Euphorie und riefen den «Pepismus» aus. Für die «Bild» kam der «Messias» persönlich an. 240 Journalisten berichteten über Guardiolas Präsentation. «Er wird den deutschen Fussball befruchten», trat auch VR-Chef Karl-Heinz Rummenigge kraftvoll aufs Gaspedal. Der «Stern» titelte: «Von Gott geküsst».

«Alle wollen immer mehr, mehr, mehr»

Nach dem 5:0 im Cup gegen den Viertligisten Rehden deutete Guardiola in verschiedenen TV-Interviews in bemerkenswert gutem Deutsch an, was er von der grenzenlosen Aufregung um seine Person und den aufgepumpten Ansprüchen hält: wenig! «Wir sollten jedes Spiel sieben oder acht zu null gewinnen. Alle wollen immer mehr, mehr, mehr. Ich bin 42-jährig und erst seit fünf Jahren Trainer.»

Die «Barça«-Ikone hat den enormen Umfang der Erwartungen mittlerweile vollumfänglich registriert - und auch die Tücken des Luxuskaders erkannt. Nur schon im Mittelfeld kommen neun bis zehn erstklassige Professionals für einen Startplatz infrage. Mit der Systemfrage - 4-1-4-1 oder 4-3-3 - wird sich Guardiola wohl noch länger beschäftigen. Die Testphase dauert an - und über jede Aus- oder Einwechslung wird tagelang debattiert. Unzufriedene sind Teil der Show.

Klopps Tempo-Strategie

Dortmund bewegt im Ruhrpott die Massen zwar gleichermassen, aber der Hype um Jürgen Klopp und Co. ist nicht mit den Bayern-Verhältnissen zu vergleichen. Der BVB lässt sich auch nicht in ein Schema pressen. Die Qualität, Bayern zumindest im sportlichen Sektor auf gleicher Augenhöhe herauszufordern, besitzt er ohne Zweifel. Der Abschied von Mario Götze hat keine Schockstarre ausgelöst. Im Gegenteil: Aus Donezk lotste Klopp den armenischen Künstler Henrich Mchitarjan für die Rekordsumme von 27,5 Millionen nach Westfalen. Und zur Stabilisierung im bislang (zu) dünn besetzten Abwehrzentrum engagierte der frühere Verteidiger den Griechen Sokratis.

Mchitarjan, der Topskorer der ukrainischen Meisterschaft (25 Treffer in 29 Spielen), sollte den Spassfaktor weiter erhöhen können, Pierre-Emerick Aubameyang (ex St. Etienne) ist unter normalen Umständen ebenso ein Torgarant. Die Transfers der beiden 24-Jährigen verdeutlichen auf jeden Fall, auf welche attraktive Strategie Klopp weiterhin setzen wird: auf vertikalen Fussball im Highspeed-Modus. Mit welchem Tempo zu rechnen ist, demonstrierte Dortmund beim beeindruckenden 4:2 im Supercup gegen die phasenweise ratlosen Bayern.

Götze entscheidet sich gegen das «Besondere»

Auf dem Rasen kann der BVB den Titelhalter in Ausnahmefällen ausmanövrieren, die Grösse des Münchner Festgeldkontos hingegen bleibt für den Verfolger unerreicht. Gegen die finanzielle Strahlkraft kommt auch der gelb-schwarze Riese nicht an. Selbst der Wunderknabe Götze, lange der erklärte Liebling Klopps, entschied sich am Ende für eine Lohnerhöhung und gegen das «Besondere» (Klopp).

Robert Lewandowskis Transfer zum FCB ist wohl auch nur eine Frage der Zeit. Die Berater des polnischen Star-Stürmers beabsichtigten mit gezielten Insider-Informationen an ausgewählte Medien, den Verein zur vorzeitigen Freigabe zu zwingen. Der CL-Finalist stellte sich allerdings quer, Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke legte sein Veto ein: «Lewy bleibt!» Mittlerweile äussert sich kein BVB-Vertreter mehr zum möglichen Brennpunkt.

Schalker Sehnsucht

Von einem goldenen Herbst träumen aber nicht nur die beiden europäischen Topklubs. Hinter Bayern und Dortmund reihen sich weitere ambitionierte Schwergewichte ein. Für Leverkusen, 2002 selber Finalist in der Champions League, steht die Etablierung an der erweiterten Spitze im Vordergrund. Teamchef Sami Hyypiä hat aus Spielern der mittleren Preisklasse eine überaus kompetitive Equipe geformt. Kopf des Ensembles ist Stefan Kiessling, mit 41 Toren am Aufschwung der letzten beiden Jahre hauptbeteiligt. Die Handschrift des cleveren und erfahrenen Sportchefs Rudi Völler ist gut erkennbar.

Einen schon fast traditionell anderen Stil pflegen sie in Gelsenkirchen. Meistens ist die Sehnsucht nach Glanz und Gloria deutlich grösser als die Geduld. 55 Jahre ohne «Schale» haben die Schalker ertragen müssen - dazu Hohn und Spott aus Dortmund. Immer wieder lebte der populäre Klub über seine Verhältnisse. Sportlichen Abstürzen folgten regelmässig finanzielle Krisen.

Das aktuelle Kader ist zwar überdurchschnittlich gut bestückt, aber auch extrem teuer und unberechenbar. In der 1. Cup-Runde gegen das fünftklassige Nöttingen (2:0) schrammten die Euro-Multimillionäre knapp an einer Blamage vorbei. Das wortgewaltige und nervöse Umfeld reagierte entsprechend. Nirgendwo in Deutschland ist der Weg von der Jubelarie zum Notstand kürzer als auf Schalke. 100'000 Fans erschienen vor ein paar Tagen zur rauschenden Einstimmung auf die neue Saison, etwa gleich viele ärgerten sich danach masslos über den miesen Pflichtspielauftakt.

Kein Mittelmass?

Wesentlich breiter als die Spitze ist das Mittelfeld der Liga, auch wenn Lucien Favre zu sagen pflegt: «Es gibt kein Mittelmass.» Der Schweizer Coach von Mönchengladbach zielt mit seiner Aussage allerdings in eine andere Richtung. Für diverse Klubs, die mit Umbauphasen beschäftigt sind und pekuniär eher früher als später ans Limit stossen (HSV), ist der Grat zwischen dem verlockenden europäischen Business und der existenzbedrohenden Abstiegszone ungemein schmal.

Der Fall in die ungemütliche Hälfte des Tableaus ist aber auch für Klubs von milliardenschweren Eignern nicht auszuschliessen. Hoffenheim stand trotz der Schirmherrschaft von Dietmar Hopp zuletzt dauerhaft im Regen. Die Aktien des VFL Wolfsburg entwickelten sich ebenfalls nicht nach den Wünschen der VW-Zentrale. An beiden Schauplätzen zeichnet sich nun aber eine Erholung ab. Die TSG-Entscheidungsträger griffen rigoros durch und entschlackten das Kader - enttäuschende Hochlohnbezüger wie der Schweizer Eren Derdiyok wurden unwiderruflich aussortiert. In Wolfsburg setzen Manager Klaus Allofs und Coach Dieter Hecking vermehrt auf (Schweizer) Teamplayer.

Rückschlag für den HSV

Eine ähnliche Entwicklung ist beim HSV nicht erkennbar. Der frühere Basler Meister-Trainer Thorsten Fink musste sich während der Vorbereitung immer wieder mit «Auszeiten» seines Personals (0:4 gegen Dynamo Dresden) beschäftigen und Altlasten des gescheiterten Ex-Direktors Frank Arnesen entsorgen. Der neue Abwehrchef Johan Djourou ist zudem bereits verletzt. Realersatz für den verkauften Heung-Min Son (zu Leverkusen) beschaffte sich der HSV nicht - stattdessen traf der in Basel überzählige Kameruner Jacques Zoua ein.

Auf den Kurs der Vernunft schwenkt der klamme Bundesliga-Dino gleichwohl nicht ein. Im Norden zählt der Name offenbar mehr als die Realität. Nach Platz 7 könne nur eine Verbesserung das Ziel sein, legte sich HSV-Präsident Carl Jarchow in einem Interview mit der «Hamburger Morgenpost» fest. Für ihn ist der Vorstoss unter die Top 6 auch eine Frage des Image: «Der HSV gehört einfach wieder nach Europa.»

Werder in der Dauerkrise

Derweil Mönchengladbachs Manager Max Eberl nicht erst seit dem Cup-Out gegen Darmstadt von den erwartungsfrohen Beobachtern der Borussia mehr Realismus einfordert und gar nicht erst auf eine «europäische Debatte» eintreten will, muss sich sein Bremer Amtskollege Thomas Eichin schon vor dem ersten Spieltag gegen Negativprognosen wehren. Ganz unbegründet ist der Pessimismus nicht. Werder hat seit Eichins Ankunft im letzten Februar kein Wettbewerbsspiel mehr gewonnen.

Die neue Führungscrew hat im Übrigen auch den Abschied von Thomas Schaaf zu verantworten. Nach 40-jährigem Engagement im Klub plant Eichin die Bremer Zukunft ohne die Kultfigur. Robin Dutt erhält nach seinem Fiasko in Leverkusen die Chance zur persönlichen Imagekorrektur. «Unser Trainer heisst nicht Merlin Dutt und kann zaubern.» Eichins Bonmot liest sich wie eine böse Vorahnung. Gut nur für die Norddeutschen, dass gemäss gut unterrichten Kreisen auch in Braunschweig und bei der Hertha kein Zylinderträger auf der Lohnliste steht. (si)

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