Contest Interruptus: Alle Jahre wieder: Das Aus vor dem Höhepunkt
Aktualisiert

Contest InterruptusAlle Jahre wieder: Das Aus vor dem Höhepunkt

Einmal mehr hat es die Schweiz nicht ins ESC-Finale geschafft. Erfolgreicher waren dagegen Dänemark, Irland und eine Menge Länder, die im Osten der Schweiz liegen.

von
Oliver Baroni

2. Halbfinale des Eurovision Song Contest 2010 in Oslo - das Live-Protokoll:

Mit im Vergleich zu der letztjährigen Show eher dezentem Intro-Pomp werden die Zuschauer des grössten Musikwettbewerbs der Welt begrüsst. Die Moderatoren Nadia Hasnaoui, Haddy Jatou N'jie und Erik Solbakken haben die Aufgabe, 17 Beiträge aus ganz Europa innert kürzester Zeit durchzujassen. Und los geht's:

Litauen – Darf man so was eine Boyband nennen, oder muss man doch Manband dazu sagen? InCulto bieten Klamaukdisco mit homophilem Einschlag. Immerhin ist ihre Show lebhaft und halbwegs lustig. Vor allem dank einer wohl nicht ganz so ernst gemeinten Strip-Einlage, die Glitzerunterwäsche zum Vorschein bringt.

Armenien hat dafür gesorgt, dass dem donnernden Berg von einer Frau kein Backgoundtänzer zu nahe kommt. Denn andernfalls würde Eva Rivas unglaubliche Grösse noch mehr ins Auge stechen. Doch trotz aller Üppigkeit bei Kleidung, Körpergrösse, Decolletée und beim Song dürfte dieser Act problemlos weiterkommen.

Israel - Viele Kommentatoren befürchten, dass Harel Skaats über lange Strecken eher fragile Ballade inmitten des Bombasts der Konkurrenz untergehen könnte. Der Grosi-Stimmenanteil ist allerdings nicht zu unterschätzen. Sven Epineys verlorener Bruder harzt aber mit den etwas ehrgeizig hohen Tönen ...

Dänemark – Trotz fantasielosem Klischee-Pop dürften Chanée & N'evergreen bei den Westeuropäern punkten. Derweil steht ganz Osteuropa auf und nutzt diese drei Minuten, um ein Bier zu holen.

Schweiz – Da ist er also, der Michael. Britische Medien bezeichneten ihn als «wirklich lieben Kerl» - um gleich danach zu bedauern, dass der Song «fad, stampfend und vielleicht ein klein wenig zu tuntig» («Popbitch.com») sei. Hinter vorgehaltener Hand wird noch ein fiesen Spruch über seine Ohren gemacht. Pfui! Sowohl die Statistik als auch die Wettbüros sprechen gegen Michael, und dabei ist die Performance ganz ordentlich. Solide Schweizer Arbeit, doch eben das konnte bisher Resteuropa kaum begeistern...

Schweden – Eine Ausnahmeerscheinung am ESC: Da singt also ein ganz nettes Mädchen einen ganz netten Song auf ganz nette Weise – und scheint wirklich noch Spass dabei zu haben. Ausserdem ist der Song in der mainstreamtauglichen Moll-Tonart verfasst. Anna Bergendahls ist so was wie ein Geheimtip.

Azerbaidschan – Reichlich hölzern, der Auftritt der attraktiven Safura. Und insgesamt vorhersehbar, so wie der Song selbst. Bei den Wettbüros liegt der Beitrag - vielleicht gerade deswegen - vorne. Eine schwedische Komposition und eine azerbaidschanische Sängerin: Man darf Stimmen von beiden Seiten des eisernen Vorhangs erwarten.

Ukraine – Alyosha steht alleine auf der Bühne, heult, kreischt und zeugt vom Untergang der Welt. Beim Publikum dürfte sie durchfallen. Doch heuer dürfen seit Langem wieder Profi-Juroren mitreden – und die könnten ihr eine zweite Chance geben.

Die Niederlande holten «Schlümpfe»-Vader Abraham aus dem Ruhestand, der dann einen Song komponierte, der alles glorios Schlechte des alten Concours D'Eurovision verkörpert. Nach diesem Song ist man vieles, nur nicht «verliefd».

Rumänien – Ein Attraktivitätsgefälle macht sich bemerkbar bei diesem ach so unpassenden Gesangspaar, das sich über ein Plastikpiano hinweg anschreit.

Slowenien bietet einer der wenigen wirklich schrägen Beiträge des Contests - so nach dem Motto «Oeschs die Dritten trifft Status Quo».

Irland schickt eine Vorjahres-Siegerin ins Rennen - mit einer Alternativ-Version des Titanic-Songs «My Heart Will Go On». Was in früheren Jahren ein Erfolgskonzept war, dürfte heuer Mühe bekunden.

Bulgarien – Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass Miro ein bisschen sehr zuversichtlich ist – wenn nicht gar selbstverliebt. Doch seine Balkan-Elvis-Christus-Show dürfte die Zuschauer eher zum Lachen als zum Wählen bringen.

Zypern schickt einen trinkfesten Waliser ins Rennen. Sein Song (Ronan Keating lässt grüssen) ist auffallend unauffällig, doch sollte er im richtigen Augenblick deiner Grossmutti zuzwinkern, wäre er im Finale mit dabei.

Kroatien bietet eine der wenigen echten Balkan-Balladen - dazu noch mit viel Decolletée, viel Bein und viel Blond. Schade um den Bandnamen, Feminnem, der reichlich doof ist.

Georgien soll Insidern zufolge eine Rekordsumme für ihre Party in Oslo ausgegeben haben - zudem sind die Strassen mit Sofia-Nizharadze-Plakaten regelrecht zugepflastert. Nur eines haben sie vergessen - den Song. Sofias Grossgesangs-Passagen können nicht darüber hinweg täuschen, dass die Komposition reichlich beliebig ausgefallen ist.

Türkei - Hey Jungs, Muse hat angerufen. Sie wollen ihren Sound wieder zurück. Der einzige rockhafte Beitrag des Abends könnte an den wichtigen Zielpublikums-Gruppierungen vorbeischiffen: Zu laut für die Grosis, zu wenig tanzbar für die Girlies und zu wenig stylish für die Gays.

Und dann werden auch schon die Stimmen ausgezählt. Neuerungen gibt es heuer übrigens beim Abstimmungsverfahren: So können die Zuschauer bereits nach dem ersten Song anrufe. Die Punktevergabe erfolgt aus jedem Land zu je 50 Prozent von den Fernsehzuschauern und einer Jury. Ob das die Schweizer Chancen erhöht ...?

Öhmmm ... nein. Einmal mehr hat es der Schweizer Beitrag nicht ins Finale des ESC geschafft. Am Finale am Samstag mit dabei sind: Dänemark, Armeinen, Rumänien, Azerbaidschan, Zypern, Irland, Israel, die Türkei, Ukraine und Georgien.

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