Aktualisiert 11.01.2012 08:34

«Club» zu Hildebrand«Alle Journis sind neidisch auf die Weltwoche»

Hildebrand ist weg – jetzt, fand das Schweizer Fernsehen, sei Zeit für die Aufarbeitung. Im «Club» waren die Fronten schnell klar: «Weltwoche» und Mörgeli gegen den Rest.

von
Simon Hehli
Der Fall von SNB-Präsident Philipp Hildebrand war auch Thema beim «Club» auf SF.

Der Fall von SNB-Präsident Philipp Hildebrand war auch Thema beim «Club» auf SF.

Mit grossen Fragen wollte sich der «Club» des Schweizer Fernsehens vom Dienstag befassen: Wo liegt die Moral im Fall Hildebrand? Welche Rolle spielten die SVP und die «Weltwoche» beim Sturz des Nationalbankpräsidenten? Und wie wahrhaftig müssen Medien generell informieren? Tatsächlich verlagerte sich die Diskussion rasch von den eigentlichen Verfehlungen Hildebrands hin zur medialen Aufbereitung der Affäre. Alle in der Runde seien sich einig, dass Hildebrands Rücktrittsentscheid richtig gewesen sei, sagte Publizistin Esther Girsberger. «Wo wir uns aber nicht einig sind: Auf welche Art und Weise darf man eine Person zum Rücktritt bewegen?»

Die Frage war gemünzt auf den Autor des kritischen «Weltwoche»-Artikels, Urs Paul Engeler. Und auf SVP-Nationalrat und «Weltwoche»-Kolumnist Christoph Mörgeli, der stellvertretend für die in die Affäre verwickelten SVP-Exponenten auftrat. Engeler erklärte, wieso er den ominösen Artikel, in dem er Hildebrand als Gauner bezeichnete, veröffentlicht hatte: «Es war eine Güterabwägung.» Letztlich habe er seinem Informanten vertraut, der die Richtigkeit der Fakten schriftlich bestätigt habe. Engeler sprach nur vom «unbescholtenen Anwalt» – und vermied es, den Namen Hermann Lei zu nennen, obwohl dieser schon vor Tagen geoutet wurde. Die Geschichte habe gestimmt, betonte Engeler. Er habe auch versucht, Hildebrand mit den Vorwürfen zu konfrontieren, doch sei er von der Nationalbank abgewimmelt worden, sagte die «Weltwoche»-Edelfeder.

Reicht eine indirekte Quelle aus?

Girsberger und Werner De Schepper, stellvertretender Chefredaktor der «Aargauer Zeitung», hielten Engeler vor, dass er nie mit der eigentlichen Quelle, dem Informatiker R. T. (Name der Redaktion bekannt), gesprochen hat. Und dass er keine zweite, unabhängige Quelle beigezogen habe. «Nachdem sich die ‹Weltwoche› schon ein Jahr lang auf Hildebrand eingeschossen hatte, hätte die Geschichte umso breiter abgestützt sein müssen», so die frühere «Tages-Anzeiger»-Chefredaktorin Girsberger. Mörgeli hielt solche Kritik für kleinlich. «Die ganzen Journalisten sind nun wahnsinnig neidisch auf die kleine ‹Weltwoche›, weil diese nach dem Fall Zuppiger schon wieder eine Bombengeschichte hatte.»

Dem Basler Soziologen Ueli Mäder ging die Debatte um die Anzahl und die Qualität von Quellen schon zu sehr ins Detail. Er wollte lieber über die grundsätzliche Aufgabe der Medien diskutieren. Diese Aufgabe sieht er darin, dass sie die Leute so informieren sollen, dass sich diese ein eigenes Urteil bilden können. Mit despektierlichen Ausdrücken wie Gauner zu hantieren, helfe da nicht weiter. Urs Saxer, Professor für Medien- und Staatsrecht, nahm die «Weltwoche» insofern in Schutz, als dass private Medien durchaus einseitig berichten dürften: «So kann eine Debatte ausgelöst werden. Der öffentliche Diskurs entsteht durch die Reaktion der anderen Medien.»

Instrumentalisierte Medien

Die schwache Moderation Karin Frei versuchte vergeblich, die Diskussion in neue Bahnen zu lenken: hin zur Rolle der SVP. Stattdessen tauchte die Frage auf, inwieweit sich Medien für politische Kampagnen instrumentalisieren lassen. Mäder, Girsberger, Engeler und De Schepper kritisierten den fortlaufenden Ausbau der PR-Maschinerien von Behörden und Privatwirtschaft, die den Medien die Arbeit erschwerten. Als Beispiel nannten sie die SNB, die das erste Communiqué zu Hildebrand bewusst am 23. Dezember am späten Nachmittag verschickt habe – davon ausgehend, dass es zu diesem Zeitpunkt kaum ein Medienecho finden würde.

Mörgeli enervierte sich über dieses «Journalistengejammer»: Sie müssten halt die «professionellen Fassadenreiniger» der PR-Firmen besser bekämpfen. Der SVP-Mann wies auch Mäders und Saxers Vorwurf zurück, seine Partei wolle die staatlichen Institutionen schwächen. «Im Gegenteil: Wir stärken die Institutionen, indem wir jene entfernen, die sie schwächen.» Esther Girsberger hielt dem entgegen, es sei den Leuten im Land nicht mehr wohl bei den dauernden Hetzkampagnen. «Wenn ein Entscheidungsträger nach dem anderen geköpft wird – wer stellt sich dann noch für solche Posten zur Verfügung?»

Die SVP als Opfer der Journalisten

Wer werde denn seit Tagen auf tiefstem Niveau angegriffen, fragte Mörgeli zurück – und antwortete gleich selber: der Überbringer der Nachricht. Es war erstaunlicherweise das einzige Mal, dass Christoph Blocher durch die Sendung geisterte. «Meine Partei ist ein Medienopfer. Unsere Wähler sind verunsichert wegen der Berichterstattung», sagte Mörgeli. Und provozierte damit ein «Quatsch!» von De Schepper und heftige Widerrede von Girsberger und Mäder.

Es blieb das einzige Mal, dass ein paar Emotionen den «Club» belebten. Wer neue Informationen zum Fall Hildebrand erwartet hatte, wurde von der verzettelten Sendung weitgehend enttäuscht. Und auch die Antwort auf die Frage nach der Moral der Geschichte blieben die sechs Gäste und die Moderatorin weitgehend schuldig.

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