Aktualisiert 14.03.2020 22:11

Kampf gegen Virus

«Alle ohne Homeoffice sollen zum Corona-Test»

Politiker und Spezialisten halten die Massnahmen gegen das Coronavirus für ungenügend. Sie fordern mehr Tests und Schliessungen.

von
B. Zanni
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SP-Nationalrätin Yvonne Feri fordert mehr Tests. «Alle Menschen, die kein Homeoffice machen können, müssen jetzt einen Corona-Test machen», sagt sie. Im Falle von Symptomen müssten sie sich einem zweiten Test unterziehen.

SP-Nationalrätin Yvonne Feri fordert mehr Tests. «Alle Menschen, die kein Homeoffice machen können, müssen jetzt einen Corona-Test machen», sagt sie. Im Falle von Symptomen müssten sie sich einem zweiten Test unterziehen.

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Nur so könnten etwa Kita-, ...

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... Gastronomie- und ...

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Täglich schnellt die Zahl der Neu-Infektionen mit Corona in der Schweiz in die Höhe. Zwischen dem 9. und dem 14. März vervierfachten sich die Ansteckungen nahezu. 13 Menschen starben am Virus bisher. Um die Epidemiewelle besser in den Griff zu bekommen, beschloss der Bundesrat am Freitag einschneidende Massnahmen wie das Schliessen der Schulen. Damit wächst aber auch der Unmut.

«Liebes Bundesamt, danke habt ihr alles verschärft, dies ist ein Schritt in die richtige Richtung. Jedoch müssen die Vorschriften noch härter sein, um den Kampf gegen das Virus zu gewinnen», schreibt ein Leser. Ein weiterer befürchtet: «Als Schweizer bin ich richtig enttäuscht von meiner Regierung. Ich glaube in 2 Wochen siehts hier aus wie in Italien und retten kann man das nicht mehr.»

Selbst zugezogene Schweizer schütteln den Kopf. «Das Land, das ich zum Leben auswählte, ist eines der reichsten, fortschrittlichsten und privilegiertesten Länder der Welt. Es war aber unfähig, von seinem nächsten Nachbarn, Italien, zu lernen», kritisiert eine Bloggerin. Ein grosser Diskussionspunkt sind auch die Corona-Tests (siehe Box). Um die Epidemie wirksam einzudämmen, müsse die Schweiz dringend mehr testen, fordert Epidemiologe Marcel Salathé.

Bund habe das Ziel verpasst

Auch SP-Nationalrätin Yvonne Feri fordert mehr Tests. «Alle Menschen, die kein Homeoffice machen können, müssen jetzt einen Corona-Test machen», sagt sie. Im Falle von Symptomen müssten sie sich einem zweiten Test unterziehen. Nur so könnten etwa Kita-, Gastronomie- und Verkaufsangestellte wie auch die Pflegenden und andere Berufsgruppen mit persönlichen Kontakten ruhigen Gewissens ihrem Job nachgehen. «Die Krankenkassen sollten die Tests bezahlen. Es geht hier schliesslich um eine langfristige Prävention.» Bisher wehrten sich die Krankenkassen laut der «SonntagsZeitung» gegen die Verordnung des Bundes, die 180-fränkigen Tests zu finanzieren. Sie betrachteten es als Sache der Kantone, wie es das Epidemiegesetz vorsieht.

Scharfe Kritik übt SVP-Nationalrätin Verena Herzog. «Mit Schreibtischlösungen wie dem Einrichten einer Corona-Hotline und Info-Material reagierte der Bund schnell», sagt sie. Doch schon am Anfang habe es «riesige Lücken» gegeben. «Die jüngsten Massnahmen hätten schon vor zwei bis drei Wochen getroffen werden müssen. Der Bund hat das Ziel verpasst, die Fallzahlen möglichst früh einzudämmen.» Die wirtschaftlichen Interessen seien den Menschenleben vorangestellt worden.

Laut Herzog genügen die bisherigen Massnahmen im Kampf gegen das Virus nicht. «Um die Fallzahlen möglichst früh zu reduzieren, sollte jede Person mit Symptomen einen Corona-Test machen können.» Auch an den Grenzübergängen brauche es Corona-Tests, solange man diese nicht schliesse.

«Restaurants und Bars sollten schliessen»

Den Beschluss des Bundesrats, die Anzahl Besucher in Restaurants, Bars und Diskotheken auf maximal 50 Personen zu beschränken, bezeichnet Herzog als lächerlich. «In diesen Lokalen ist es unmöglich, einen Abstand von zwei Metern einzuhalten.» Sie fordert: «Restaurants, Bars, Discotheken und auch Kinos sollte man schliessen.» Die Massnahmen müssten zu Beginn schnell konsequent sein, um den Schaden der Bevölkerung und der Wirtschaft möglichst tief zu halten.

Rückenwind bekommt Herzog von Adriano Aguzzi, Direktor des Instituts für Neuropathologie am Universitätsspital Zürich. Im Wissenschaftsmagazin Higgs beurteilt er die Massnahmen des Bundesrats als «Mini Lockdown». Man müsse gleich rigoros vorgehen wie in Italien, wo nur noch Lebensmittelläden und Apotheken geöffnet sind. Jede fünfte Versammlung von 20 Leuten werde die Infektion verbreiten. «Und der Bundesrat lässt 50 Leute zu. Das führt direkt in die Katastrophe.»

«Krankenkasse soll Tests bezahlen»

Laut dem Bund kann die Schweiz zurzeit 2000 Corona-Tests durchführen. Die Schweiz teste mehr als viele andere Länder, betonte Gesundheitsminister Alain Berset in der Samstags-Rundschau von Radio SRF. Schnell-Tests für die Schweiz stünden zurzeit zur Diskussion. «Die Tests müssen aber auch sicher sein. Es ist wichtig, dass die Qualität stimmt.»

Beim BAG heisst es, dass der Diskussion um die Massnahmen im Moment nichts bezufügen sei. «Der Bund beobachtet die Situation aufmerksam und passt seine Massnahmen gegebenenfalls wieder an.» Alain Berset versicherte gegenüber SRF: «Die Situation ist ernst, aber wir wissen auch, was wir dagegen machen können.» Die am Freitag beschlossenen Massnahmen reichten, wenn die Bevölkerung die Empfehlungen auch wirklich umsetze.

Voraussetzungen für Test

Die Personen, die sich einem Corona-Test unterziehen dürfen, sind eng eingegrenzt. Der Patient müsse husten, an Atemnot leiden und Fieber über 38 Grad haben und dazu entweder über 65 Jahre alt sein oder eine chronische Vorerkrankung haben, sagte etwa Adrian Müller, Präsident der Bezirksärztegesellschaft Horgen ZH, kürzlich zur Zürichsee-Zeitung. Ansonsten werde ein Test abgelehnt.

Personen ausserhalb der Risikogruppe und ohne schwere Symptome empfiehlt das Bundesamt für Gesundheit (BAG), sich zuhause selbst auszukurieren und nicht testen zu lassen. Damit soll Personal in den Spitälern entlastet werden und es sollen weitere Ansteckungen in der Öffentlichkeit vermieden werden.

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