Aktualisiert 11.08.2011 15:12

Vandalen vor Gericht

Alle plünderten – selbst eine Millionärstochter

Die ersten Prozesse, die im Eilverfahren von den Londoner Gerichten abgehalten werden, zeigen Erstaunliches: Viele der Angeklagten kommen aus einer sozial gut integrierten Mittelschicht.

von
Simon Beeli

Während die schockierte Öffentlichkeit mit Entsetzen die Bilder der Krawalle von England kommentiert und die Regierung Camerons über die Gründe der Entgleisung von Teilen einer wütenden Zivilgesellschaft spekuliert, müssen die Richter bereits die Hemdsärmel hochkrempeln. Seit gestern stehen die ersten Angeklagten Krawallmacher vor Gericht – und viele weitere werden in den nächsten Tagen noch folgen.

Alleine in London wurden bisher mehr als 900 Menschen festgenommen, im ganzen Land befinden sich inzwischen fast 1200 in Polizeigewahrsam. Nach mehr als hundert Verdächtigen wird noch per Haftbefehl gefahndet. Und ihnen allen soll jetzt möglichst schnell der Prozess gemacht werden. Premierminister Cameron hat ein hartes Vorgehen angekündigt. An einer Krisensitzung vor dem Parlament zeigt er sich entschlossen, die Ordnung auf den Strassen wieder herzustellen. Den Randalierern ginge es nicht um Politik und Protest, urteilte Cameron, «da geht es einfach nur um Diebstahl.»

Doch manch einer war verblüfft, als die ersten Angeklagten nun den Richtern präsentiert wurden. Konnten viele von ihnen während den Raubzügen und Strassenschlachten ihre Identität noch hinter grossen Kapuzen und dem Dunkel der Nacht verstecken, bekommen sie jetzt erstmals ein Gesicht. Zur allgemeinen Überraschung mussten sich vor dem Gericht nicht nur einschlägig vorbestrafte Jugendliche aus einem sozial benachteiligten Milieu für ihre Taten verantworten, zu den Angeklagten gehörten genauso viele einer gut integrierten und respektierten Mittelschicht an. Die englische Zeitung «Daily Mail» hat eine Liste veröffentlicht, die zeigt, aus was für unterschiedlichen beruflichen und ethnischen Hintergründen die Vandalen und Plünderer stammen.

Die faulen Ausreden der Angeklagten

Der jüngste Angeklagte war ein gerade mal 11-jähriger Bub, der von seiner verzweifelten Mutter begleitet wurde. Er hatte zugegeben, einen 50 Pfund teuren Abfalleimer aus einem Supermarkt gestohlen zu haben, dessen Scheiben seine Gang zuvor eingeschlagen hatte. Diebesgut von etwas mehr Wert hatte eine Millionärstochter mitgehen lassen. Die 19-jährige Studentin an einer öffentlichen Eliteschule wurde am Steuer ihres Autos von der Polizei erwischt. Bei der anschliessenden Durchsuchung kam eine kostbare Fracht ans Licht: Elektronikzubehör, eine Mikrowelle, Mobiltelefone, alles Güter, die die junge Frau aus einer Filiale eines Warenhauses in London mitgehen liess. Der Wert wird auf über 5000 Pfund geschätzt.

Doch hatten die Angeklagten auch interessante Ausreden bereit: Ein 19-jährige Student, der von der Polizei in Hackney mit einer Flasche Whiskey, Rubbellosen, Tabak, Süssigkeiten und Bargeld aufgegriffen wurde, erklärte heroisch, dass er mit der ganzen Ware gerade auf dem Weg zum nächsten Polizeiposten sei. Ein frisch gebackener Familienvater entschuldigte das Entwenden von Windeln mit der Begründung, er habe diese dringend für seinen neugeborenen Sohn zu Hause gebraucht. Dann musste sich auch noch ein Briefträger und sein Neffe erklären, die zusammen von der Polizei im Auto mit Notebooks und Handys erwischt wurden. Der 18-Jährige beteuerte, dass ihn sein Onkel zum Diebstahl überredet hatte.

Moment der Anarchie

Auf einer unvollständigen Liste findet man auch noch einen Hilfslehrer, einen Jugendarbeiter, einen zukünftigen Soldaten, eine Sozialarbeiterin und einen Grafikdesigner, die als Plünderer, Gelegenheitsdiebe oder einfach als Menschen, die den Moment der Anarchie für sich nutzten, allesamt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zogen und sich nun vor einem Richter zu verantworten haben.

Die Gerichte, die vorerst über eine weitere Inhaftierung oder eine Freilassung gegen Auflagen entscheiden müssen, werden in den nächsten Tagen rund um die Uhr tagen, um in Eilverfahren die riesige Liste an Angeklagten abarbeiten zu können.

Plünderungen und Strassenschlachten in London am 9. August

(Quelle: YouTube)

(Quelle: YouTube)

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