Zeichen gegen Hass: «Alle Religionen sollten zusammen feiern können»
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Zeichen gegen Hass«Alle Religionen sollten zusammen feiern können»

Juden und Muslime haben sich zu einem gemeinsamen Fest getroffen. Davon durfte nicht jeder erfahren.

von
B. Zanni
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«Das ist der Gegensatz von Hass – gelebter Frieden»: Ron Halbright, Co-Geschäftsleiter des National Coalition Building Institute NCBI und Lamya Hennache, Co-Koordinatorn des Respect-Projekts, organisierten einen Seder für Muslime und Juden.

«Das ist der Gegensatz von Hass – gelebter Frieden»: Ron Halbright, Co-Geschäftsleiter des National Coalition Building Institute NCBI und Lamya Hennache, Co-Koordinatorn des Respect-Projekts, organisierten einen Seder für Muslime und Juden.

bz
Das Treffen sei ein Zeichen für den Frieden, die Hoffnung und gegen Rassismus und Angst. Für den Seder ist alles vorbereitet. Dazu gehört ungesäuertes Mazza-Brot (links im Bild).

Das Treffen sei ein Zeichen für den Frieden, die Hoffnung und gegen Rassismus und Angst. Für den Seder ist alles vorbereitet. Dazu gehört ungesäuertes Mazza-Brot (links im Bild).

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Frauen mit Hijabs und Männer mit Kippas teilen sich Teller mit ungesäuertem Mazza-Brot, bitteren Kräutern und «gefilltem Fisch».

Frauen mit Hijabs und Männer mit Kippas teilen sich Teller mit ungesäuertem Mazza-Brot, bitteren Kräutern und «gefilltem Fisch».

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Die Teilnehmer des Anlasses mussten sich «aus Sicherheitsgründen» voranmelden und sollten den Ort möglichst geheim halten. So bat es das National Coalition Building Institute NCBI in der Einladung für das Treffen in Zürich.

Gestern, am Gründonnerstag, teilen sich dort Frauen mit Hijabs und Männer mit Kippas Teller mit ungesäuertem Mazza-Brot, bitteren Kräutern und «gefilltem Fisch». Es sind Einheimische und Flüchtlinge. Sie singen hebräische Lieder, vergleichen die Flucht in der Thora und im Koran mit der Lage der Flüchtlinge heute. Im Zentrum steht eine Mahnung aus der Thora: Fremde respektvoll zu behandeln.

«Das ist der Gegensatz von Hass – gelebter Frieden», sagt Ron Halbright, Co-Geschäftsleiter des NCBI. Rund 40 Juden und Muslime aus der Schweiz, Syrien, Eritrea und Nordafrika sind zum Seder, dem Auftakt zum jüdischen Pessachfest, zusammengekommen.

Das Treffen sei ein Zeichen für den Frieden, die Hoffnung und gegen Rassismus und Angst, sagt Halbright. «Können Juden und Muslime zusammen feiern, können das auch alle anderen Religionen.» Aktuell sei es umso wichtiger, dass die Menschen ihre Gemeinsamkeiten suchten und nicht ihre Differenzen ins Zentrum stellten.

Rassistische Attacken

Kürzlich teilte der Bund mit, dass aufgrund der aktuellen terroristischen Bedrohungen für die jüdische und muslimische Gemeinschaft eine erhöhte Gefährdung besteht. Deshalb müssten diese Minderheiten in der Schweiz besser geschützt werden. Ein Konzept soll Ende 2017 vorliegen.

Man nehme die Einschätzungen des Bundes ernst, sagt Halbright. «Irgendwo gibt es sicher eine Person, die etwas gegen unser Treffen hätte, deshalb haben wir es nicht an die grosse Glocke gehängt.»

Die Juden und Muslime begrüssen das Vorhaben des Bundes. «Für Menschen, denen man die Religion gleich ansieht, ist es manchmal gefährlich», sagt die türkische Kopftuchträgerin Elif* (21). Ihr hätten schon Leute «Scheissausländerin» oder «Das ist sicher eine Isis» nachgerufen.

Ihre Mutter sehe sich regelmässig mit solchen Attacken konfrontiert. «Es kam schon mehrmals vor, dass ältere Herren sie auf der Strasse anrempelten.» Kürzlich besuchte Elif einen grösseren Anlass in der Moschee. «Ich war froh, dass die Polizei alles bewachte.»

«Wir Muslime haben mit Terror nichts zu tun»

Der Eritreer Sherefedin Mussa (26), Kulturvermittler und Koordinator des Projektes «Junge Brückenbauer» beim NCBI, kennt das Unbehagen. «Berichten die Medien wieder über einen Terroranschlag, haben Freunde von mir Angst, ausgeschafft zu werden.»

Lamya Hennache, Co-Koordinatorin des Respect-Projekts, betont: «Wir Muslime haben mit dem Terror nichts zu tun.» Der Bund handle richtig, wenn muslimische und jüdische Menschen als Teil der Schweizer Gesellschaft auf einen angemessenen Schutz im Land zählen könnten.

«Kosten für Sicherheit sprengen Kapazitäten»

Auch die Jüdin Ava* (25) sieht Handlungsbedarf. «Nur weil es in der Schweiz noch keinen Terroranschlag gegeben hat, müssen wir nicht auf die Uhr schauen, bis etwas passiert.» Die jüdischen Institutionen könnten die Kosten für die Sicherheitsvorkehrungen nicht alleine tragen.

Janos Morvay (69) ist da gespaltener Meinung. «Ständige Polizeikontrollen in Uniform vor allen Synagogen und Institutionen könnten nicht nur schützen, sondern auch provozieren.» Dann hiesse es schnell, dass sich die Juden durch «Sonderwünsche» vor Extremisten schützen wollten – das könnte den Hass schüren.

Michael (28) passt seine Kleidung an, um niemanden zu provozieren. «Wenn ich nach draussen gehe, trage ich einen Hut oder eine Schirmmütze statt meiner Kippa.» Die Angst vor Antisemitismus sei in der jüdischen Gemeinschaft ein ständiges Thema.

«Wir lassen uns nicht abhalten»

An diesem Abend wollen die Juden und Muslime aber nicht an Ängste und Sorgen denken. Lieber knüpfen sie freundschaftliche Kontakte und vergleichen ihre Erfahrungen. Die Teilnehmer schwärmen immer wieder vom gegenseitigen Austausch.

So auch Ron Halbright: «Die Gewalt auf der Welt kann uns nicht vom gemeinsamen Feiern abhalten. Stattdessen leben wir den gegenseitigen Respekt.»

*Namen von der Redaktion geändert.

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