Shutdown-Ende?: Alle wollen lockern – doch die Taskforce-Epidemiologin warnt
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Shutdown-Ende?Alle wollen lockern – doch die Taskforce-Epidemiologin warnt

Mittlerweile sehen die Parteien von rechts bis links Raum für eine Lockerung der Corona-Massnahmen. Epidemiologin Nicola Low warnt, dass wir damit die erbrachten Opfer gefährden würden.

von
Daniel Graf
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Die Epidemiologin Nicola Low warnt, dass die derzeit geltenden Massnahmen aufgrund der mutierten Varianten nicht ausreichend sein könnten.

Die Epidemiologin Nicola Low warnt, dass die derzeit geltenden Massnahmen aufgrund der mutierten Varianten nicht ausreichend sein könnten.

Sonja Mulitze
Eine Wiedereröffnung der Restaurants Anfang März, wie sie etwa die SVP fordert, hält Low für gefährlich.

Eine Wiedereröffnung der Restaurants Anfang März, wie sie etwa die SVP fordert, hält Low für gefährlich.

20min/SonjaMulitze
«Wenn wir zu früh lockern, erhöht sich die Gefahr einer dritten Welle, die sämtliche Errungenschaften der letzten Wochen zunichte machen könnte», sagt Low.

«Wenn wir zu früh lockern, erhöht sich die Gefahr einer dritten Welle, die sämtliche Errungenschaften der letzten Wochen zunichte machen könnte», sagt Low.

ww.ispm.unibe.ch

Darum gehts

  • Der Ruf nach Ladenöffnungen und weiteren Lockerungen der Corona-Einschränkungen wird lauter.

  • Epidemiologin und Taskforce-Mitglied Nicola Low warnt: Ende Februar zu lockern, erhöhe das Risiko einer dritten Welle.

  • «Lockerungen müssen sich nach den Daten richten, nicht nach dem Datum», sagt Low.

Von allen Seiten werden Lockerungen gefordert – der Bundesrat hat angedeutet, dass er dem Druck nachgeben will. Was sagen Sie als Epidemiologin?

Gerade jetzt ist es an der Zeit für eine ruhige, realistische Einschätzung der Situation. Die gute Nachricht: Die Massnahmen haben die Zahl der Covid-Fälle erfolgreich von mehr als 4000 pro Tag Mitte Dezember auf gut 1000 pro Tag reduziert. Der Prozentsatz der positiven Tests ist von 15 Prozent auf knapp 5 Prozent gesunken. Das sind kollektive Errungenschaften, die Leben gerettet und das Gesundheitssystem vor Überlastung geschützt haben.

Und die schlechte Nachricht?

Wir können die neuen Varianten nicht ignorieren, besonders jetzt nicht. Die Gefahr wird nicht überschätzt; die Varianten sind ein Gamechanger für die Coronavirus-Kontrolle in der Schweiz. Sie sind etwa 50 Prozent infektiöser. Diese Schätzung basiert auf mehreren Datenquellen in der Schweiz. Die Voraussagen des Modells der Taskforce zur Ausbreitung der Varianten waren sehr zutreffend.

Was heisst das für Lockerungen Ende Februar?

Entscheidungen über die Massnahmen müssen den Daten folgen und nicht dem Datum. Den epidemiologischen Daten, nicht dem Kalenderdatum. Tatsächlich ist das Kalenderdatum von Ende Februar besonders unglücklich, weil sich die neuen Varianten inzwischen in der Schweiz stark ausgebreitet haben. Wenn Sie sich jetzt infizieren, handelt es sich wahrscheinlich um eine Variante.

Was schlagen Sie also vor?

Das bedeutet, dass die bestehenden Massnahmen nicht ausreichend sein könnten um die Epidemie im Zaum zu halten. Wir sehen das in der Romandie, wo die Zahl der neuen Fälle nicht mehr zurückgeht.

Also dürfen noch gar keine Lockerungen gemacht werden? Haben die Menschen nicht genug von den Massnahmen?

Ja, die Menschen haben genug. Auch ich habe genug. Gerade deshalb müssen wir jetzt darauf achten, dass die erbrachten Opfer nicht umsonst waren. Eine Lockerung der Massnahmen zum jetzigen Zeitpunkt erhöht das Risiko einer dritten Welle, welche die Erfolge der letzten Wochen zunichtemachen würde.

Wiederholt die Schweiz die Fehler vom letzten Herbst?

Vielleicht hat der Bundesrat realisiert, dass die rasche Lockerung im Juni ein Fehler war, und dass die Reaktion auf die zweite Welle im Oktober zu zögerlich war. Die zweite Welle liess sich wahrscheinlich nicht verhindern, aber sie wäre weniger schlimm ausgefallen, hätte der Bundesrat auf die wissenschaftliche Taskforce gehört.

Der Kollateralschaden der Wirtschaft ist gross, jeder Tag kostet laut Schätzungen bis zu 110 Millionen. Muss das nicht in die Beurteilung einfliessen?

Es ist nicht zielführend, die Gesundheit und die Wirtschaft gegeneinander auszuspielen. In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass in Deutschland trotz stärkerer Massnahmen und viel weniger Todesfällen der Einbruch der Wirtschaft laut des Internationalen Währungsfonds ähnlich ausgefallen ist wie in der Schweiz.

Bundesrat entscheidet am Mittwoch

Der Bundesrat trifft sich am kommenden Mittwoch zu seiner nächsten Sitzung. Dann soll über mögliche Lockerungsschritte diskutiert werden, etwa eine Lockerung der Homeoffice-Pflicht oder die Wiedereröffnung gewisser Geschäfte. Die grossen Parteien fordern vom Bundesrat eine klare Strategie, wann und in welchen Schritten gelockert werden soll. Entscheiden wird der Bundesrat dann voraussichtlich eine Woche später, am 24. Februar.

Hast du oder jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

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