Allein gelassen, erniedrigt – mehr Gewalt gegen Kinder in Krippen

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DeutschlandDramatische Missstände in Krippen –  Gewalt gegen Kinder steigt rapid

In deutschen Kitas kommt es zu mehr körperlicher und seelischer Gewalt gegen Kinder. Auch Verstösse gegen die Aufsichtspflicht haben drastisch zugenommen. Könnt ihr das auch bei uns beobachten? 

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20min/Celia Nogler

Darum gehts

  • In Deutschland nimmt die Gewalt gegen Kinder in Kitas zu. 

  • Zum «grossen Tabuthma unter Kita-Teams» liefert der Bayrische Rundfunk nun Zahlen für Bayern.

  • Nicht nur im Freistaat wurden mehr Meldungen über seelische und körperliche Gewalt dokumentiert und haben Verstösse gegen die Aufsichtspflicht drastisch zugenommen.

  • Die Sensibilisierung für Gewalt gegen Kinder hat offenbar zu- und ihre Duldung abgenommen.

  • In Deutschland trat 2021 ein «Kinder- und Jugendstärkungsgesetz» in Kraft. 

An Personal fehlt es, ebenso wie an Professionalität – das sind Erklärungen, wieso es in deutschen Kindertagesstätten zu mehr Gewalt kommt. Diese tritt in mehreren Formen auf: Kinder werden nicht oder zu wenig betreut, zum Essen gezwungen, erniedrigt und sogar körperlich angegangen.

In Bayern etwa haben sich die Verstösse gegen die Aufsichtspflicht in gut 60 Kitas mehr als verdoppelt, auf 57 von 24 im Vorjahr. 232 Meldungen dokumentierten seelische und körperliche Gewalt gegen Krippen-Kinder, gut hundert Vorfälle mehr als im Vorjahr. Das hat der Bayrische Rundfunk recherchiert, indem er 76 Aufsichtsbehörden von Kindertagesstätten und Krippen im Freistaat befragte (Auskunft gaben lediglich 59 davon). 

Das Problem beschränke sich nicht auf Bayern, sondern sei ein landesweites, so der deutsche Kitafachkräfteverband. Und die Lage spitze sich weiter zu. 

In jeder zweiten Kita

Bianka Pergande wundert das nicht. Sie hat mit ihrem Team in einer deutschlandweiten Studie 89 Kitas in Routinesituationen untersucht. Dafür filmten sie Kinder und ihre Betreuenden beim Essen und Spielen jeweils während zehn Minuten offen. Das Resultat: 

In fast jeder zweiten Kita wurden Kinder beim Mittagessen mit Stühlen so nah an den Tisch geschoben, dass sie nicht mehr aufstehen konnten. Anderen Kindern wurden Teller auf ihre Lätzchen gestellt, damit sie stillsitzen. 

In jeder fünften Essenssituation erlebten Kinder Beschämungen: Sie wurden blossgestellt oder lächerlich gemacht. Ausserdem kam es oft zu «grenzüberschreitendem Körperkontakt», also zu grobem Anpacken. In fast jeder zweiten Kita war dies fünf Mal der Fall – innert zehn Minuten.

Nur in einem Fünftel der ausgewerteten Spielsituationen und elf Prozent der Essenssequenzen beobachteten die Forscherinnen gar kein grenzüberschreitendes Verhalten. 

 

«Grosse Tabuthemen»

«Eigenes oder beobachtetes Fehlverhalten sowie Gewalt durch pädagogische Fachkräfte sind grosse Tabuthemen, über die in Kita-Teams nicht gern gesprochen wird», sagt Wissenschaftlerin Pergande. Sie sieht unter anderem Defizite bei der Aus- und Fortbildung.

Ähnlich klingt es beim Kitafachkräfteverband Rheinland-Pfalz: «Da spiegelt sich das Absinken der Professionalität wider: In den Kitas gibt es immer weniger Fachkräfte und mehr Hilfskräfte. Bei weniger Professionalität ist man schnell überfordert.»

Verstösse gegen die Aufsichtspflicht erlebe man «tagtäglich in der Praxis», heisst es beim bayrischen Verband Kita-Fachkräfte: «Das liegt auch an der ständigen Überlastung der Kollegen und an immer mehr Krankmeldungen, die wiederum mehr Stress für das übrige Personal zur Folge haben. Dann kann es zu mehr Grenzverletzungen kommen.» In vielen Einrichtungen gebe es so einen Teufelskreis.

Abnehmende Duldung von Gewalt gegen Kinder 

Immerhin: Die Umfrageergebnisse aus Bayern zeigen, dass auch mehr gemeldet wird, die Sensibilisierung für Gewalt gegen Kinder offenbar zu- und ihre Duldung abgenommen hat.

Forscherin Pergande führt das auf das «Kinder- und Jugendstärkungsgesetz» zurück, das 2021 in Deutschland in Kraft trat. Demnach muss jede Kita neben anderem ein Konzept zum Schutz vor Gewalt haben. 

Auch in der Schweiz ist die Gewalt gegen Kinder Thema. Der Ständerat entscheidet diese Woche über einen neuen Gesetzesartikel, der Gewalt an Kindern bei der elterlichen Erziehung verbietet. 

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(Ann Guenter)

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