Investigativjournalist Christo Grozev – «Alles andere als ein Sieg wäre Putins Untergang»

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Investigativjournalist Christo Grozev«Alles andere als ein Sieg wäre Putins Untergang»

Christo Grozev vom investigativen Netzwerk Bellingcat gibt an, der russische Präsident sei inzwischen zum Einsatz von Massen­vernichtungs­waffen bereit. Auf Putins Liste könnte der Nato-Staat Polen an nächster Stelle stehen.

von
Reto Bollmann
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Christo Grozev ist Teil des investigativen Netzwerkes Bellingcat.

Christo Grozev ist Teil des investigativen Netzwerkes Bellingcat.

Wikipedia – CC BY-SA 4.0
Die Informationen, die Grozev und seine Kollegen von Bellingcat sammeln, sollen dereinst bei juristischen Verfahren gegen die Kriegsverbrecher zum Einsatz kommen.

Die Informationen, die Grozev und seine Kollegen von Bellingcat sammeln, sollen dereinst bei juristischen Verfahren gegen die Kriegsverbrecher zum Einsatz kommen.

imago images/Rolf Zöllner
Investigativjournalist Grozev gibt an, eine Reihe von anonymen russischen Quellen versorge sein Recherchenetzwerk regelmässig mit Informationen.

Investigativjournalist Grozev gibt an, eine Reihe von anonymen russischen Quellen versorge sein Recherchenetzwerk regelmässig mit Informationen.

Bellingcat.com

Darum gehts

Der bulgarische Investigativjournalist Christo Grozev sammelt aktuell Beweise für Kriegsverbrechen, die in der Ukraine begangen werden. Die Informationen, die Grozev so für das Recherchenetzwerk Bellingcat sammelt, sollen dereinst bei juristischen Verfahren gegen die Kriegsverbrecher zum Einsatz kommen. Das Recherchenetzwerk steht in Kontakt mit dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Zuvor hatte der Bulgare zu staatlich angeordneten Attentaten recherchiert. Wegen seiner Aktivitäten gilt Grozev beim Kreml als Staatsfeind.

400 dokumentierte Fälle von zu Schaden gekommenen Zivilisten

Eine wichtige Methode von Bellingcat fusst auf Faktenchecks, bei denen Foto- und Videomaterial ausgewertet wird. Zusätzliche Blickwinkel sowie Geolocation können einen Grossteil der Zweifel aus dem Weg räumen, welche über die Echtheit eingesandter Bilder bestehen. Im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» gibt Grozev an, man habe bereits etwa 400 Ereignisse dokumentiert, bei denen Zivilisten durch militärische Handlungen geschädigt worden seien.

Anhand durch den ukrainischen Geheimdienst abgehörter Telefonate wisse man, dass Kommandanten klare Anweisungen gaben, sogenannte Kollateralschäden nicht zu berücksichtigen. Auch den Einsatz einer Streubombe bestätigt er als «Tatsache». Es sei jedoch nicht klar, aus welcher Richtung die Rakete gekommen sei – Grozev vermutet den Zusammenstoss eines ukrainischen und eines russischen Geschosses.

Nuklearschlag nicht mehr auszuschliessen

Investigativjournalist Grozev gibt an, eine Reihe von anonymen russischen Quellen versorge sein Recherchenetzwerk regelmässig mit geheimen Informationen. So wurde bereits der Kriegsbeginn vorausgesagt – und aktuell, dass Putin letztlich auch den Einsatz von Nuklearwaffen beabsichtige.

Er gehe davon aus, dass Putin nur bedingt die tatsächlichen Fakten des russischen Angriffskriegs kenne. «Er weiss sicher, dass Kiew nicht eingenommen wurde und dass es auch an der restlichen Front Probleme gibt», sagt er gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Er gehe jedoch vermutlich auch von 5000 getöteten russischen Soldaten aus, während Grozev selbst eine Anzahl von 9000 Toten für realistisch hält.

Polen könnte nächstes Ziel sein

Alarmierend sind die Angaben Grozevs, dass die russischen Informanten jüngst ihre Meinung bezüglich des Einsatzes von Nuklearwaffen geändert haben: «Sie halten den Einsatz taktischer Atomwaffen auf einmal für sehr realistisch.» Putin habe anscheinend kein Problem mehr damit, ein Nato-Mitgliedsland anzugreifen. Die Informanten gehen davon aus, dass Putin längerfristig Polen angreifen wolle, welches er «immer schon für das Böse schlechthin gehalten» habe. Ein allfälliger Nuklearschlag könnte demnach die Ukraine und Polen treffen.

Gemäss Grozev werde Putin den Krieg unter allen Umständen fortführen. «Alles andere als ein Sieg wäre sein Untergang», so Grozev. Russische Nationalisten befürchten in den sozialen Medien, dass sich Putin mit weniger zufrieden geben und einen Kompromiss eingehen könnte.

Insgesamt sei unklar, ob sich Putin an der Macht halten könne. Nach Einschätzung Grozevs ist auch ein Attentat gegen Putin nicht auszuschliessen, denn er habe vielen seiner treu Ergebenen viel aufgebürdet. Die Furcht vor sozialen Unruhen bestehe, was viele Jobs unsicher mache. Angesichts dieser Unsicherheiten hofft Grozev auch auf ein Zögern der Generäle, denen dereinst der Befehl für einen Atomschlag erteilt werden könnte. 

Beschäftigt dich oder jemanden, den du kennst, der Krieg in der Ukraine?

Hier findest du Hilfe für dich und andere:

Fragen und Antworten zum Krieg in der Ukraine (Staatssekretariat für Migration)

Kriegsangst?, Tipps von Pro Juventute

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Anmeldung und Infos für Gastfamilien:

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