Eishockey-Vorschau, Teil 3: Alles ist möglich – im Guten wie im Bösen
Aktualisiert

Eishockey-Vorschau, Teil 3Alles ist möglich – im Guten wie im Bösen

Servette, Langnau und Zug: Sie alle haben das Potenzial für die obere Tabellenhälfte, das Temperament für Ausraster und alle drei sind nur ein paar Verletzungen von den Playouts entfernt.

von
Klaus Zaugg

SERVETTE: Das Risiko des «Aldi-Prinzips»

Keiner hält sich beim Aufbau seines Teams so konsequent ans «Aldi-Prinzip» wie Chris McSorley. Deshalb holt der Kanadier aus dem investierten Geld seit Jahren mehr heraus als seine Konkurrenten. Die Rechnung geht für den Alleinherrscher fast immer auf, weil er jeden Bereich bis ans Limit ausreizt und weil er bei den entscheidenden Positionen (Torhüter, zwei Ausländer, Verteidigungsminister) nicht spart. Sie muss aufgehen - denn Kohle geht in Genf vor sportlichen Wünschen und Träumen. Ein Blick zurück erhellt uns die Gegenwart: Im Auftrag des amerikanischen Unterhaltungs- und Immobilienkonzerns Anschutz übernimmt McSorley im Sommer 2001 die Mannschaft in der NLB und führt sie auf Anhieb in die NLA. Sportlich rockt und rollt es. Aber die Amerikaner verlieren in fünf Jahren 21 Millionen und steigen aus. Sie verkaufen McSorley & Friends den Laden.

Seither ist der charismatische Kanadier in Genf Besitzer, Manager und Trainer. Alleinherrscher also. Soll und Haben in der Buchhaltung sind für ihn so wichtig wie die Balance zwischen Offensive und Defensive. Er transferiert Spieler aus zwei Gründen: Erstens, um die Schlagkraft der Mannschaft zu erhalten oder zu verbessern und zweitens, um ein Geschäft zu machen. Deshalb hat er aus laufenden Verträgen heraus Nationalstürmer Thomas Déruns (29) dem SC Bern und Nationalverteidiger John Gobbi den ZSC Lions verkauft.

Lukrative «Räumungsverkäufe» und junge, hungrige Spieler vom «Wühltisch»

In der Deutschschweiz ist der Abgang der zwei Stars fälschlicherweise als Götterdämmerung der Genfer Hockeykultur interpretiert worden. Doch diese Transfers sind ein gutes Geschäft: Sie entlasten die Lohnbuchhaltung um fast 700 000 Franken. Darüber hinaus sind rund 800 000 Franken Ablösesumme (Wechsel bei laufendem Vertrag) in Servettes Kasse geschwemmt worden. Und auch sportlich machen diese Transfers Sinn: Es sind «Räumungsverkäufe», die Platz schaffen für junge, schnelle, hungrige und günstigere Spieler. Die Aufgabenteilung ist in Servettes Spiel so klar definiert, dass unter Chris McSorley Spieler, die von der Konkurrenz als untauglich ausgemustert worden sind, oft zu brauchbaren Rollen- oder gar Nationalspielern reifen.

Erneut hat der grosse Servette-Zampano auf den Transfer-Wühltischen die billigen Hilfskräfte für die zweite, dritte und vierte Linie gefunden und kein Geld für teure Stars ausgegeben. Meistens geht bei diesem «Aldi-Prinzip» die Rechnung auf. Weil Chris McSorley bei den Schlüsselpositionen nicht knausert: Goalie Tobias Stephan, Verteidigungsminister Goran Bezina, Stürmer Dan Fritsche und zwei von vier Ausländern (Pothier und Salmelainen) zahlt er ordentlich. Zweimal hat es gar fürs Finale gereicht (2008, 2010). Aber es bleibt ein Hochseilakt: Servette ist nur eine oder zwei Verletzungen von den Playouts entfernt. 2006 mussten die Genfer zum bisher einzigen Mal in die Playouts.

Wichtigste Abgänge: Robin Breitbach, John Gobbi (ZSC Lions), Martin Höhener (SC Bern), Jan Cadieux (Fribourg), Richard Park (Vertrag aufgelöst), Jeff Toms (Vertrag ausgelaufen).

Wichtigste Zuzüge: Noah Schneeberger (Biel), Marc Gautschi, Adrian Brunner, Gian-Andrea Randegger (Ambri), Samuel Friedli (Lakers), Rico Fata (Biel), Kevin Hecquefeuille (Amiens), Roland Gerber (Bern).

Ausländer: Kevin Hecquefeuille (Fr, Verteidiger, neu), Rico Fata (Ka, Stürmer, neu), Brian Pothier (USA, Verteidiger, bisher), Toni Salmelainen (Fi, Stürmer, bisher).

Trainer: Chris McSorley (Ka, bisher).

Prognose: Platz 6 bis 9 - und zwei Verfahren von Einzelrichter Reto Steinmann gegen Chris McSorley. Nicht nur wirtschaftlich und sportlich reizt der Kanadier die Limiten aus. Wie ein roter Faden ziehen sich Konflikte mit den Schiedsrichtern durch sein Wesen und Wirken. Das wird auch in der neuen Saison so sein. Ein unbelehrbarer Hitzkopf? Nein, es ist berechnender Zorn, um die Unparteiischen einzuschüchtern und parteiisch zu machen. Und es ist auch das wirksame Gehabe eines charismatischen Alphatieres: Es ist wichtig, zu zeigen, dass man sich nicht alles bieten lässt.

ZUG: Zu «böse» um Meister zu werden?

Nie mehr seit den ruhmreichen 90er-Jahren (Meister 1998) hatten die Zuger eine so spektakuläre Mannschaft. Aber sie waren auch selten so «böse». Der EV Zug ist in den drei Jahren unter Doug Shedden noch kanadischer geworden. Nordamerikaner (Holden, Metropolit, Rüfenacht) oder Spieler mit langer nordamerikanischer Vergangenheit (Helbling) prägen das Team.

Den Schritt ins Finale ist den Zugern zwar unter Doug Shedden dreimal hintereinander nicht gelungen – und wird ihnen auch in der neuen Saison nicht gelingen. Weil das Gespür für die richtigen Transfers und die Risikobereitschaft, solche Transfers zu finanzieren fehlen. Allerdings handelt Präsident Roland Staerkle aus unternehmerischer Sicht richtig: Selbst mit hohem finanziellen Risiko ist der Titel nicht garantiert. Wirtschaftlich fährt Zug mit einem Team besser, das sein Publikum bestens unterhält und im Titelkampf scheitert. Ein Titel lässt sich nicht refinanzieren.

Diaz' Abgang unkompensierbar

Aber warum wird es diese Saison wohl wieder nicht zur zweiten Meisterschaft nach 1998 reichen? Ganz einfach: Das offensive Powerteam hat keine defensive Absicherung. Die Zuger haben einen offensiven Formel-1-Boliden zusammengebaut und das Geld hat nicht mehr für gute Defensivreifen gereicht. Der Verlust von Rafael Diaz (nach Montreal) kann nicht kompensiert werden. Für den Künstler kommt der raue Timo Helbling. Das ist so, wie wenn Günter Netzer durch Berti Vogts ersetzt wird.

Doug Shedden wird uns durch einen explosiven Mix aus Rumpelhockey und Offensivspektakel vortrefflich unterhalten. Im Angriff sind die Zuger eines der schnellsten, dynamischsten und durchschlagkräftigsten Teams der Liga. In der Verteidigung hingegen eines der langsamsten und unbeweglichsten und Lottergoalie Jussi Markkanen ist kein Rückhalt: Eine Ausländerlizenz wird für einen Torhüter verschwendet, der nicht zu den acht besten der Liga zählt. Markkanens Vorderleute werden deshalb vom Trainer zur Flucht nach vorne angeregt - damit das Spektakel mehrheitlich vor dem gegnerischen und nicht vor dem eigenen Tor stattfindet.

Wichtigste Zuzüge: Andreas Furrer (Lakers), Timo Helbling (Oulu/Lugano).

Wichtigste Abgänge: Rafael Diaz (Montreal), Paul DiPietro, Wesley Snell (Sierre).

Ausländer: Jussi Markkanen (Fi, Torhüter, bisher), Andy Wozniewski (USA, Verteidiger, bisher), Glen Metropolit (Ka, Stürmer, bisher), Josh Holden (Ka, Stürmer, bisher).

Trainer: Doug Shedden (Ka, bisher).

Prognose: Plätze 4 bis 9 - und sieben Verfahren von Einzelrichter Reto Steinmann gegen verschiedene Spieler und Doug Shedden. Bei keinem anderen Team ist nach oben und nach unten so viel möglich. Gelingt ein guter Start, wird es eine problemlose Qualifikation geben. Ein paar knappe, unglückliche Niederlagen werden hingegen in ein unterhaltsames Krisen-Spektakel münden. Um Ausfälle durch das System aufzufangen, fehlt taktische Stabilität der Titanen (Davos, Kloten, Bern). Und die Zündschnüre sind bei einigen Haudegen so kurz, dass sich Einzelrichter Reto Steinmann hin und wieder mit Zuger Deliquenten befassen wird: Andy Wozniewski ist der Strafbankkönig der letzten Saison, Thomas Rüfenacht schaffte es in der Hitliste der Bösen auf Rang drei und Jussi Markkanen kassierte für seinen Stockschläge gegen Klotens Nicolas Steiner eine Rekordsperre von acht Spielen. Nun kommt mit Timo Helbling auch noch der «Strafbankkönig» vom vorletzten Jahr. Es kann sein, dass wir in Zug ab und zu ein wenig NHL-Stimmung geniessen dürfen, wenn während einer Schlägerei auf einmal ein Hockeyspiel ausbricht.

SCL TIGERS: Ein neues Langnau fährt mutig Vollgas

Die Langnauer haben das Selbstvertrauen des Meisterjahres 1976 wieder gefunden und fahren Vollgas. Trainer John Fust ist auf dem Weg, ein neuer Ralph Krueger («Landi-Krueger») zu werden. Die Wiederholung der Playoff-Qualifikation ist für Langnau fast so schwierig wie für den HCD die Titelverteidigung. Während in Davos fast alles gleich geblieben ist, erleben wir ein neues Langnau: Voller Selbstvertrauen und mit dem Mut, Vollgas zu fahren. Durch die erste Playoff-Qualifikation ist der Mythos der «Unplayoffbarkeit» verloren gegangen. Manager Ruedi Zesiger und sein Trainer haben sich intern neue Ziele gesetzt: Sie wollen in drei Jahren ein Spitzenteam aufbauen.

Der Verlust von Torhüter Benjamin Conz (zu Lugano) hat die Vorwärtsstrategie noch befeuert: Im Tor steht nun mit Robert Esche erstmals ein Ausländer und die drei anderen Ausländer-Lizenzen werden für Stürmer gebraucht: Die Langnauer riskieren auf dem Eis eine mutige Vorwärtsstrategie und setzten auf schnelles Powerhockey. Sie waren schon unter Christian Weber (2006 bis 2009) ein offensives, aber zerbrechliches «Speed-Team»: Es fehlten Wasserverdrängung und Härte. Das hat sich geändert und eine kleine Statistik erklärt uns die neue Qualität der Langnauer: Sie sind erstmals seit dem Wiederaufstieg grösser und schwerer als die Rivalen aus der Stadt Bern. Im Durchschnitt wiegen die Tiger 89 Kilo und sind 184 cm gross. Beim SCB sind es 183 kg und 183 cm. Ja, die Langnauer haben das schwerste und zweitgrösste Team der Liga. Nur eine Zahlenspielerei. Aber es kann eine Erfolgsformel sein. Es genügt nicht, wenn die Langnauer nur schnell sind. Sie müssen sich Respekt verschaffen können.

Stadionumbau als Motivation

Eine neue Dynamik treibt das Unternehmen der SCL Tigers auch neben dem Eis voran. Der Umbau des Ilfisstadions durch Investitionen der Gemeinde (14 Millionen) und Präsident Peter Jakob (nochmals der gleiche Betrag) hat eine «Yes, we can!»-Stimmung entfacht, die an die meisterlichen Zeiten der 70er-Jahre nach dem Bau des Ilfisstadions erinnert.

Trainer John Fust spielt eine Schlüsselrolle. Er mahnt mit seiner Hockeyphilosophie, aber auch mit seinem Charisma an den legendären Ex-Nationaltrainer Ralph Krueger. Der Vertrag des kanadisch-schweizerischen Doppelbürgers läuft zwar Ende Saison aus. Doch er spricht so leidenschaftlich von seiner Mission in Langnau, über den Aufbau eines neuen Spitzenteams, dass eine Vertragsverlängerung eigentlich nur eine Formsache sein sollte.

Wichtigste Zuzüge: Robert Esche (Minsk), Urban Leimbacher (Olten), Philipp Rytz, Robin Leblanc (Fribourg), Martin Stettler (SC Bern), Kurtis McLean (Lukko Rauma), Claudio Neff (Lakers), Joel Perrault (Manitoba).

Wichtigste Abgänge: Curtis Murphy (Linz), Brendan Brooks (Hamburg), Andreas Camenzind, Aurelio Lemm (Lakers), Mike Iggulden (Växjö), Sven Helfenstein (Lausanne), Roman Schild (Olten), Benjamin Conz (Lugano).

Ausländer: Robert Esche (USA, Torhüter, neu), Kurtis McLean (Ka, Stürmer, neu), Joel Perrault (Ka, Stürmer, neu), Pascal Pelletier (Ka, Stürmer, bisher).

Trainer: John Fust (Sz/Ka, bisher).

Prognose: Platz 6 bis 9 - und vier Verfahren von Einzelrichter Reto Steinmann gegen verschiedene Spieler. Die Chance auf einen Playoffplatz und die Absturzgefahr in die Playouts sind ähnlich gross wie bei Zug und Servette: Noch ist die Mannschaft zu wenig ausgeglichen, um Ausfälle von Schlüsselspielern über eine längere Zeit verkraften zu können. Allerdings ist das Unternehmen SCL Tigers inzwischen wirtschaftlich und politisch so stabil geworden, dass ein Sturz in die Playouts den Charakter einer Ehrenrunde bekäme und keine Existenzkrise mehr auslösen würde.

Eishockey-Vorschau

20 Minuten Online beurteilt in einer vierteiligen Serie die zwölf National-League-A-Teams vor dem Saisonstart.

1. Teil: Unerschütterliche mit Playoff-Garantie (SC Bern, HC Davos, Kloten Flyers)

2. Teil: Hoffen auf ein Wunder (Biel, Ambri, Lakers)

3. Teil: Alles ist möglich (EV Zug, SCL Tigers, Servette)

4. Teil: Zirkus ohne Erfolgsgarantie (Lugano, Fribourg, ZSC)

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