Aktualisiert 08.04.2014 12:28

Experiment Tieflohn

Alles läuft nach Menüplan

Die erste Woche im Experiment Tieflohn ist um. Mein Einkaufsverhalten hat sich grundlegend verändert, Hunger leiden muss ich aber nicht.

von
Jacqueline Büchi

Natürlich schwöre ich diesen Monat nicht nur dem Take-away- und Kapsel-Kaffee ab. Wer mit einem Tief- oder Tiefstlohn auskommen muss, verzichtet auf mehr als die kleinen Luxusgüter des Alltags. Fast jeder Lebensbereich ist durchdacht, geplant, rationiert. Davon zeugen die vielen wertvollen Tipps, die mir Leser aus der ganzen Schweiz zukommen liessen.

Dank ihnen haben meine Lebensmitteleinkäufe eine ganz neue Systematik bekommen: Liess ich mich früher beim Gang durch die Supermarkt-Korridore von meinem Appetit und aktuellen Angeboten leiten, schreibe ich heute gewissenhaft Wochen-Menüpläne und Einkaufslisten. Es gilt: In den Korb wandert nur, was auf dem Zettel steht. Und auf dem Zettel stehen im Idealfall Produkte, die ich zuvor aus den Rabatt-Prospekten der Grossverteiler herausgeschrieben habe.

Oder aber ich richte mich nach dem Spartipp, den ich nach meinem Aufruf an die Leserschaft wohl am häufigsten erhalten habe: «Gehen Sie frühestens eine Stunde vor Ladenschluss einkaufen.» Die Lebensmittel, die ihr Haltbarkeitsdatum bald überschreiten, werden dann zum halben Preis angeboten. «Am besten finden Sie heraus, wann die Mitarbeiter mit den roten 50-Prozent-Klebern losziehen – das ist von Filiale zu Filiale unterschiedlich», gibt mir ein Leser mit auf den Weg. Und ein anderer weiss: «Am Dienstag, Donnerstag und Samstag hat es am meisten heruntergesetzte Artikel.»

Fertiggerichte sind tabu

So gehe ich am Samstagabend um halb fünf auf die Pirsch – und tatsächlich lachen mir aus zahlreichen Regalen rote Rabattkleber entgegen. Doch da beginnt schon die nächste Warnleuchte in meinem Kopf zu blinken. Denn meine Budgetmentoren haben mir eingetrichtert: Fertiggerichte sind tabu, selber kochen ist günstiger.

Leider sind es aber vor allem Sandwiches, gerüstetes Gemüse und Fertigsalate, deren Preis heruntergeschrieben ist. Ein hundskommuner Kopfsalat zum vollen Preis kommt dann doch günstiger und gibt mehr her als die preisreduzierte Insalata Veneziana mit Plastikbesteck und Fertigsauce im Beutelchen.

Als ich meine Einkäufe an der Kasse bezahle – in bar, so gibt man das Geld offenbar bewusster aus als beim Bezahlen mit EC-Karte –, bin ich zufrieden. Über das Förderband lief nichts, was nicht auf dem Menüplan steht. Es sind Zutaten, die gleich für mehrere Gerichte verwendet werden können, günstig und doch gesund. Es wird mir diese Woche an nichts fehlen. Mein Magen knurrt, ich freue mich auf den Znacht. Da fällt mir ein: Mit Hunger einzukaufen steht ebenfalls auf der Liste der Spar-No-Gos.

Haben Sie Anregungen zum Experiment Tieflohn oder arbeiten Sie selbst für weniger als 22 Franken pro Stunde und möchten uns von Ihren Erfahrungen berichten? Dann melden Sie sich: feedback@20minuten.ch

Experiment Tieflohn

Für 20 Minuten lebt Reporterin Jacqueline Büchi einen Monat mit 3000 Franken. Nach Abzug verschiedener Fixkosten (siehe Bildstrecke) bleiben ihr 1205 Franken, mit denen sie ihren Alltag bestreiten muss.

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