Flüchtlingshelfer zum Brand: «Die Feuer breiteten sich im Camp rasant aus»
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Flüchtlingshelfer zum Brand«Die Feuer breiteten sich im Camp rasant aus»

Nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria herrscht auf Lesbos Chaos. Achtzig Prozent des Flüchtlingslagers seien den Feuern zum Opfer gefallen, berichtet ein Schweizer Flüchtlingshelfer.

von
Joel Probst
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Das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos ist in der Nacht auf Mittwoch zu grossen Teilen den Flammen zum Opfer gefallen.

Das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos ist in der Nacht auf Mittwoch zu grossen Teilen den Flammen zum Opfer gefallen.

KEYSTONE
Der Schweizer Flüchtlingshelfer Nicolas Perrenoud hat das Feuer miterlebt: «Alles war voller Rauch. Man sah, der Brand war riesig», berichtet er.

Der Schweizer Flüchtlingshelfer Nicolas Perrenoud hat das Feuer miterlebt: «Alles war voller Rauch. Man sah, der Brand war riesig», berichtet er.

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Das Feuer habe sich schnell ausgebreitet, denn die Zelte und Hütten hätten lediglich aus Holz und Blachen bestanden.

Das Feuer habe sich schnell ausgebreitet, denn die Zelte und Hütten hätten lediglich aus Holz und Blachen bestanden.

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Darum gehts

  • Im griechischen Flüchtlingslager Moria auf Lesbos sind in der Nacht auf Mittwoch mehrere Brände ausgebrochen.
  • Rund 80 Prozent des Lagers seien zerstört, berichtet ein Schweizer Flüchtlingshelfer.
  • Das Feuer habe sich rasant ausgebreitet. Die meisten Zelte und Hütten bestanden aus Blachen und Holz. Viele minderjährige Flüchtlinge hätten Brandwunden.
  • Das Lager mit medizinischem Material sei zerstört worden, sagt Nicolas Perrenoud.
  • Durch den Brand verschärfe sich die Corona-Situation im Lager.

Nicolas Perrenoud, Sie sind Mitglied des Koordinationsteams der Nichtregierungsorganisation One Happy Family und im Moment auf Lesbos. Im Flüchtlingslager Moria sind in der Nacht auf heute mehrere Feuer ausgebrochen. Wie sieht die Situation aus?
Es herrscht Chaos. Insgesamt waren es vier Brände. Die Feuerwehr versuchte die ganze Nacht, zu löschen. Doch alles ist so nah zusammengebaut, dass sich die Feuer rasant ausbreiteten.

Waren Sie seit dem Brand schon im Lager?
Gestern Abend verschafften wir uns einen Überblick und verteilten Schlafsäcke. Wir konnten zwar nicht direkt ins Lager, es war wegen der Brände abgesperrt. Schon vor dem Eingang war aber alles voller Rauch. Man sah, der Brand war riesig. Ungefähr achtzig Prozent des Flüchtlingslagers sind zerstört.

Was bleibt vom Flüchtlingslager übrig?
Ein Teil des inoffiziellen Lagers, des sogenannten Dschungels, rund um das eigentliche Camp steht noch. Doch der Rest – vorwiegend Zelte und slumartige Hütten – sind grösstenteils verbrannt. Sie bestanden aus Holz und Blachen, also sehr leicht brennbarem Material. Auch der offizielle Kern des Lagers mit Wohncontainern, Baracken für minderjährige Flüchtlinge und den Asylbüros ist komplett abgebrannt. Tausende Bewohner stehen ohne Dach über dem Kopf da. Die medizinische Klinik im Camp ist teilweise beschädigt, das Lager mit medizinischem Material zerstört. Es sieht alles verkohlt und grau aus.

Der Schweizer Flüchtlingshelfer Nicolas Perrenoud hat das Feuer hautnah miterlebt.

Der Schweizer Flüchtlingshelfer Nicolas Perrenoud hat das Feuer hautnah miterlebt.

privat

Wohin sind die Flüchtlinge nach der Evakuation geflohen?
Von einer Evakuation kann man eigentlich nicht sprechen, die Bewohner sind einfach geflohen. Weil es zum Glück noch nicht so kalt ist, haben die meisten draussen übernachtet, in Olivenhainen, in Feldern oder auf der Strasse. Wo die Bewohner sind, weiss niemand so genau. Die Situation ist unübersichtlich. Etwa hundert Flüchtlinge haben wir auf dem Parkplatz eines Supermarkts angetroffen.

Wie trafen Sie die Bewohner an?
Sie waren verängstigt, einige haben Videos gemacht. Jetzt herrscht vor allem eine grosse Unsicherheit. Anders als von der Regierung verkündet, gibt es auch Verletzte. Viele minderjährige Flüchtlinge haben Brandwunden. Tote gab es meines Wissens nicht.

Die Feuerwehr sagte im Fernsehen, Lagerbewohner hätten sie mit Steinen beworfen. Was ist passiert?
Selber habe ich das nicht gesehen. Aber das ist durchaus wahrscheinlich. Die Proteste im Flüchtlingscamp haben in letzter Zeit zugenommen und gehörten beinahe zur Tagesordnung. Dazu kamen Auseinandersetzungen zwischen den Anwohnern. Wegen Corona wurde für das Lager vor Monaten ein Lockdown verhängt und bislang nicht aufgehoben. Alle Schulen und Beschäftigungsprogramme wurden eingestellt, das Verlassen des Camps verboten. Damit hatten die Flüchtlinge keinen Zugang zu Nahrung und Geld. Das hat zu grosser Unzufriedenheit geführt. Dass die Stimmung eskaliert, war fast zu erwarten. Mit welcher Heftigkeit, überraschte mich aber.

War es Brandstiftung?
Wir vermuten es. Es gab gestern grosse Ausschreitungen. Da legten Bewohner des Flüchtlingscamps wohl aus Protest Feuer, die dann schnell auf das ganze Lager übergriffen. Schon in der Vergangenheit wurde von kriminellen Banden Feuer im Camp gelegt.

Wieso sollten Flüchtlinge ihr eigenes Camp anzünden?
Die Mehrheit der 13’000 Bewohner haben sicher nichts damit zu tun. Die meisten rannten ängstlich vor dem Feuer davon. Verantwortlich sind wohl gewalttätige Gangs, die im Camp regelmässig stehlen und vergewaltigen. Oder Flüchtlinge, die wegen Corona und Lockdown verunsichert und schlicht durchgedreht sind.

Woran mangelt es im Moment am meisten?
Es mangelt an allem. Die Flüchtlinge brauchen Wasser, Nahrung und Decken. Doch dafür muss man zuerst einmal herausfinden, wo sie überhaupt sind. Die Essensausgabestellen sind zerstört, man muss ein völlig neues System aufbauen.

Tausende haben wegen des Brandes ihr Dach über dem Kopf verloren und mussten draussen übernachten.

Welche Perspektive haben die Flüchtlinge jetzt? Wo können sie leben?
Das ist die grosse Frage. Das Lager ist grösstenteils unbewohnbar. Wir versuchen, Zelte und Feldbetten zu beschaffen, um die Flüchtlinge zu beherbergen. Aber wir NGOs können diese Lücke nicht füllen. Die griechische Regierung muss handeln, sie könnte zum Beispiel leer stehende Hotelkomplexe nutzen. Längerfristig muss Europa eine Lösung finden, um die Flüchtlinge zu verteilen und unterzubringen. Auch die Schweiz steht in der Pflicht, Flüchtlinge aufzunehmen.

Verschärft der Brand die Corona-Situation im Lager?
Sicher. Nach einem Massentest von 2000 Flüchtlingen wurden 35 positive Fälle entdeckt. Damit hatte die Lagerleitung eine Überblick über die betroffenen Sektoren des Camps. Doch jetzt sind alle Leute wild durcheinandergemischt.

Wo schlafen die Flüchtlinge diese Nacht?
Die meisten werden wieder draussen übernachten müssen.

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