Die Lügen-Wahrheit: «Alltags-Lügen sind schwer zu durchschauen»
Aktualisiert

Die Lügen-Wahrheit«Alltags-Lügen sind schwer zu durchschauen»

Lügner können von aufmerksamen Beobachtern entlarvt werden. Warum das so ist und weshalb man nicht den Partner als Testperson wählen sollte – der Kommunikationsprofi erklärts.

von
Lina Selmani

Mit einer Lüge davonzukommen ist gar nicht so einfach, wie man meint. Der Körper sendet unbewusst jede Menge Signale, die einen Hochstapler oder Schwindler verraten könnten. Doch schaffen es zum Beispiel notorische Lügner, diese Anzeichen komplett zu unterdrücken? Worin unterscheiden sich Frauen und Männer beim Schwindeln? Und lügen Tränen tatsächlich nicht? Der Kommunikationstrainer und Lügen-Experte Stephan Lendi spricht im Interview mit 20 Minuten Online über die Kunst, sich an der Wahrheit vorbeizuschmuggeln und den gar nicht so leichten Umgang mit Schwindlern im Freundeskreis.

Herr Lendi, welches ist Ihrer Meinung nach das eindeutigste Zeichen, dass jemand lügt?

Stephan Lendi: Es gibt nicht einfach «das Zeichen». Viele Laien machen den Fehler, dass sie ein einzelnes, mögliches Anzeichen einer Lüge als aussagekräftig beurteilen: «Du hast die Arme verschränkt, du lügst.» Wirklich aussagekräftig ist nur eine Veränderung des normalen, ehrlichen Verhaltens. Beispielsweise: Mein Gegenüber reduziert auf einmal die Körpersprache, die Stimme wird höher oder plötzlich werden ganz viele Details erwähnt.

Wie erkenne ich dann die verschiedenen Zeichen bei einem Lügner konkret?

In erster Linie sollte man die Person nicht gleich direkt auf die vermeintliche Lüge ansprechen, sondern Fragen stellen, von denen man weiss, dass die Person die Wahrheit sagen wird. Der Grund: Man muss wissen, wie jemand reagiert, wenn er die Wahrheit sagt, um einen möglichen Unterschied der Körpersprache beim Lügen festzustellen. Weiter ist es wichtig, dass man nach Farben, Namen, Gerüchen, also möglichst vielen Details fragt, um das Gegenüber unter Druck zu setzen. Wenn jemand nervös ist, sendet der Körper viele Signale, die vom «normalen» Verhalten abweichen und ihn verraten (siehe Bildstrecke).

Passiert mit der Körpersprache bei einer «kleinen Lüge» etwas anderes als bei einer «grossen Lüge»?

Unterschiede gibt es tatsächlich. Ein Beispiel: «Ich habe den Bus verpasst, darum bin ich zu spät.» Diese Aussage wird nicht wirklich als Lüge, sondern mehr als akzeptiertes Mittel gesehen, dem Gegenüber diplomatisch zu signalisieren, dass man nicht weiter über die eigentlichen Gründe der Verspätung diskutieren will. Grössere Lügen hingegen erfordern ein deutlich höhreres Mass an Erfindergeist und Konstruktion. Entsprechend schwierig wird es, widerspruchsfrei zu bleiben, besonders wenn nachgefragt wird oder man sich in die Enge getrieben fühlt.

Wird man durch vieles Lügen irgendwann «abgehärtet» und die für das Gegenüber erkennbaren Zeichen geschwächt?

Es gibt Techniken, mit denen man unauffällig lügen lernen kann. Sprich: Man lernt die Körpersprache so weit zu kontrollieren, dass das Gegenüber nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden kann. Das sind jedoch sehr lange und harte Workshops. Man muss seine Intuition durch Beobachtung schulen und andere beim Lügen ertappen. Damit wird man sich auch der eigenen Signale bewusster und kann diese besser kontrollieren.

Kann man sich also das sogenannte «Poker-Face» antrainieren?

Bis zu einem gewissen Grad kann man alle Signale sehr abschwächen. Die Mikro-Mimik ist aber für Millisekunden dennoch vorhanden und für ein gut geschultes Auge sichtbar. Ganz abstellen kann man diese Mikro-Ausdrücke nie.

Wer lügt besser: Männer oder Frauen?

Ganz eindeutig die Frauen! Frauen haben eine bessere Wahrnehmung als Männer und handeln intuitiver. Sie achten mehr auf die Details in ihren Lügen. Männer sind da bequemer und lügen etwas plump. Frauen durchschauen Lügen entsprechend auch schnell. Was aber nicht unbedingt heissen muss, dass sie auch mehr lügen.

Wie sieht es mit dem Lügen unter Alkoholeinfluss aus?

Wie man so schön sagt: In vino veritas – im Wein liegt die Wahrheit. Die Zunge lockert sich natürlich ein wenig, was aber vor allem gelockert wird, ist die Körpersprache. Die Signale, die eine Lüge verraten, werden viel deutlicher als im nüchternen Zustand.

Erkennt man als «Lügen-Profi» jede Lüge?

Nein, ich sehe natürlich auch nicht alle Lügen. Gerade bei Alltagsflunkereien, den «White Lies», kommt es auf die effektive Botschaft an. Möchte jemand nicht über ein Thema sprechen, so versuche auch ich, dies wenn immer möglich zu respektieren.

Wie sieht es im privaten Leben aus? Trauen sich Ihre Freunde überhaupt noch zu flunkern?

Jede Beziehung sollte auf Vertrauen und Respekt aufbauen. Daher brauche ich in meinem Freundeskreis nicht nach auffälligen Gesten und verräterischer Mikro-Mimik Ausschau zu halten – ich setze ganz einfach voraus, dass wir ehrlich miteinander umgehen und falls etwas nicht stimmen sollte, dass dies direkt angesprochen wird.

Kränkt es Sie, wenn Sie merken, dass Sie angelogen werden?

Es ist keine Kränkung im eigentlichen Sinne; der Fakt, dass gelogen wird, zeigt dringenden Handlungsbedarf auf. Im Privatleben frage ich auf der Beziehungsebene nach, suche im Gespräch nach Ursachen, welche bei meinem Gegenüber dazu führen, dass er/sie glaubt, lügen zu müssen.

Schalten Sie auch mal ab und achten nicht auf die vielen kleinen Signale?

Ganz im Gegenteil: Man muss jeden Tag üben, üben, üben, damit man seine Intuition und seine Menschenkenntnisse weiter schulen und schärfen kann. Ausgelernt hat man nie.

Ist eigentlich etwas an dem Song «Tränen lügen nicht» dran?

Es ist tatsächlich so, dass die Augenpartie sehr aufschlussreich ist, doch ist auch hier die Verhaltensänderung massgebend. Der Blick eines Lügners kann entweder versuchen, meinem Blick zu entfliehen, oder der Lügner beginnt plötzlich zu starren. Genauso relevant ist die Blickrichtung in Momenten der Erinnerung bzw. der Konstruktion einer Lüge, aber das erkläre ich Ihnen gerne bei uns im Training.

Wie oft haben Sie in diesem Interview schon gelogen?

(lacht) Da Sie mich glücklicherweise nicht gefragt haben, ob mir diese Tasse Kaffee auch wirklich schmeckt, sind Sie zumindest von dieser «White Lie» verschont geblieben.

Der menschliche Lügendetektor

Stephan Lendi ist Kommunikationstrainer und Geschäftsführer der Newbury Media & Communications GmbH. Der Körpersprachen-Kurs «Der menschliche Lügendetektor» soll den Teilnehmern helfen Signale und Zeichen ihrer Mitmenschen besser deuten zu können und vor allem ihre Intuition stärken. Der Kurs ist für Laien generiert und eignet sich für alle, die mehr über die vielen Signale, die ihr Körper sendet, erfahren wollen.

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