Time Out: Alphatiere und Helden-Geschichten
Aktualisiert

Time OutAlphatiere und Helden-Geschichten

Kein anderer Sport kultiviert die Heldenverehrung in Zeiten Playoffs so sehr wie das Eishockey. Ein Hollywood-Klassiker zeigt uns, warum die Alphatiere so wichtig sind.

von
Klaus Zaugg

«El Cid» heisst der Film aus dem Jahre 1961 mit Charlton Heston in der Hauptrolle. Es geht um den legendären spanischen Helden Rodrigo Diaz de Vivar (1043 – 1099), genannt El Cid in den Zeiten der kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Mauren.

El Cid wird am Tag vor der entscheidenden Schlacht durch einen Pfeil tödlich verwundet. Weil seine Präsenz für die Moral der christlichen Soldaten so wichtig ist, wird der Tote mit einer besonderen Vorrichtung aufs Pferd gesetzt und er galoppiert seinem Heer voran zum Sieg. Rein militärisch ist sein Einsatz bedeutungslos. Es geht um die moralische Wirkung.

In Zeiten der Playoffs werden alle möglichen Verletzungen geheim gehalten und mit allen Mitteln der medizinischen Kunst gerade die Alphatiere einsatzfähig gemacht.

Heldentaten vollbringen

In Nordamerika gibt es geradezu einen Kult um Spieler, die sogar mit gebrochenen Knochen Heldentaten vollbringen. Am 23. April 1964 buchte Torontos Verteidiger Bobby Baun in der Verlängerung des 6. Spiels im Stanley Cup-Finale gegen Detroit den Siegestreffer. Spiel 7 wurde notwendig und Toronto gewann den Cup. Baun hatte den Treffer mit einem gebrochenen Knochen im rechten Bein erzielt.

Im Frühjahr 2009 hat HCD-Alphatier Sandro Rizzi mit einem Bruch im Handgelenk das sechste und siebte Finalspiel gegen die Kloten Flyers bestritten. Der HCD wurde Meister.

Auch jetzt werden wieder Heldengeschichten geschrieben: Zum ersten Mal in diesen Playoffs organisierte Klotens kanadischer Verteidigungsminister Micki Dupont die Abwehr im vierten Finalspiel – und die Flyers feierten den ersten Finalsieg. Der Kanadier spielte mit einem Plastikschutz am Schuh um den blessierten Fuss vor Schlägen und Pucks besser zu schützen. Spielerisch hatte die Rückkehr von Dupont keine entscheidenden Wirkung. Emotional hingegen schon.

Auch Klotens Nationalverteidiger Patrick von Gunten ist eigentlich nicht fit. In der Qualifikation würde er in seiner aktuellen Verfassung nicht spielen. Er hat im ersten Drittel des sechsten Halbfinalspiels gegen den SC Bern einen Muskelriss im Oberkörper erlitten. Seither kann er nicht mehr trainieren und nur noch mit schmerzstillenden Spritzen spielen. Er fehlte trotzdem nur im zweiten und dritten Drittel dieses sechsten Halbfinalspiels gegen den SCB. Seither ist der Bieler wieder dabei und assistierte zuletzt beim wegweisenden 1:0 im vierten Finalspiel (Schlussresultat 3:0). Mit 2 Toren und 10 Assists ist von Gunten nicht nur Klotens bester Playoffskorer. Er hat darüber hinaus mit +7 auch die Beste Plus/Minus-Bilanz des Teams.

Playoffs sind die Fortsetzung des Eishockeys mit anderen Mitteln. Nur wenn die Alphatiere auch mit Schmerzen weiter spielen, hat eine Mannschaft eine Chance, bis ins Finale zu kommen oder Meister zu werden.

Gefragt sind Alphatiere

Dass in den Playoffs ein ganz besonderen Spielertyp (die Alphatiere eben) gefragt ist, lässt sich sogar statistisch nachweisen: Nur bei einem einzigen der zwölf NLA-Teams führt in den Playoffs bzw. den Playouts der gleiche Spieler die Skorerliste an: Zugs Glen Metropolit. Oft ist der Unterschied zwischen Qualifikation und Playoffs erstaunlich: Beim SC Bern hat Qualifikations-Topkskorer Christian Dubé in den Playoffs nur noch halb so viele Punkte (6) gebucht wie Playoff-Topskorer Ivo Rüthemann.

Im Frühjahr 1999 sorgte Rock'n'Roller Tod Elik im siebten Finalspiel der Liga-Qualifikation (die von der Nervenbelastung her extremste Form des Playoff-Modus) zwischen den SCL Tigers und dem EHC Chur zur bisher grössten Leistung seit Einführung der Playoffs (1985/86): Beim 7:2-Sieg der Langnauer in Chur (nach einem 0:2-Rückstand) zelebrierte Elik ein Tor und sechs Assists. Vor dem ersten Bully des Spiels hatte der Liga-Bösewicht (168 Strafminuten in 36 Qualifikationsspielen) Head Brent Reiber zugeraunt: «Keine Sorge Brent, heute spiele ich Hockey.» In dieser Liga-Qualifikation buchte Elik in 6 Spielen 32 Punkte (4 Tore/19 Assists).

Manchmal braucht es die ganz besonderen Anforderungen der Playoffs bzw. Playouts, um das Beste aus einem Spieler herauszuholen.

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