14.08.2020 03:03

Berner Florapark-MörderinAls 11-Jährige träumte sie davon, ihre Klavierlehrerin umzubringen

Tanja H. tötete vor fast 12 Jahren einen Mann mit einem Küchenmesser. Nun muss das Gericht entscheiden, ob es die stationäre Massnahme der Mörderin um weitere fünf Jahre verlängert.

von
Simon Ulrich
1 / 8
Seit ihrer Verurteilung ist H. in Hindelbank inhaftiert und wird dort therapiert. (alle Bilder aus der Justizvollzugsanstalt Hindelbank)

Seit ihrer Verurteilung ist H. in Hindelbank inhaftiert und wird dort therapiert. (alle Bilder aus der Justizvollzugsanstalt Hindelbank)

Tages-Anzeiger/Urs Jaudas
Die sogenannte kleine Verwahrung, in der sich die Frau befindet, dauert in der Regel fünf Jahre, kann aber vom Gericht mehrmals um maximal fünf Jahre verlängert werden.

Die sogenannte kleine Verwahrung, in der sich die Frau befindet, dauert in der Regel fünf Jahre, kann aber vom Gericht mehrmals um maximal fünf Jahre verlängert werden.

Tages-Anzeiger/Urs Jaudas
Diesen Freitag nun entscheidet das Regionalgericht Bern-Mittelland, ob die kleine Verwahrung der Mörderin um weitere fünf Jahre verlängert wird.

Diesen Freitag nun entscheidet das Regionalgericht Bern-Mittelland, ob die kleine Verwahrung der Mörderin um weitere fünf Jahre verlängert wird.

KEYSTONE

Darum gehts

  • Die heute 34-jährige Tanja H. massakrierte im November 2008 einen Mann mit unzähligen Messerstichen.
  • Seither ist sie in der Justizvollzugsanstalt Hindelbank inhaftiert.
  • Am Freitag entscheidet das Gericht darüber, ob die stationäre Massnahme der Frau um weitere fünf Jahre verlängert wird.

Ihrem Opfer begegnet die damals 22-jährige Tanja H.* als Gelegenheitsprostituierte auf der Kleinen Schanze in Bern. Sie einigt sich mit dem ihr bis dahin gänzlich fremden, dreissig Jahre älteren Tamilen auf Oralsex. Im Florapark bricht sie den Liebesdienst vorzeitig ab und bittet den Mann, sich umzudrehen, da sie ein Geschenk für ihn habe. Dann zückt sie ein Küchenmesser und verletzt ihn mit einem ersten Stich in die Backe.

Der Freier versucht zu flüchten, wird aber von der Angreiferin zu Fall gebracht, die nun in einen regelrechten Blutrausch verfällt. Das Opfer, das ergibt die rechtsmedizinische Untersuchung später, stirbt an rund 100 Stichen und Schnittverletzungen. Das war in der Nacht auf den 18. November 2008. Die Täterin wird in der Nähe des Tatorts festgenommen und ist von Anfang an geständig.

Im September 2010 verurteilt das damalige Kreisgericht Bern-Laupen Tanja H. zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren sowie einer stationären psychotherapeutischen Massnahme. Die Tat sei aus nichtigem Grund geplant und mit absoluter Skrupellosigkeit ausgeführt worden, begründete die damalige Gerichtspräsidentin das Urteil.

Versuchter Brudermord

Es war nicht der erste Schuldspruch im Leben von Tanja H.: Im Alter von 16 Jahren versuchte sie ihren Bruder umzubringen und rammte ihm ein Messer in den Rücken. Tötungsfantasien nisteten sich indes schon zu Kindertagen in ihrem Kopf ein: Mit elf Jahren malte sie sich aus, ihre Klavierlehrerin aus dem Weg zu räumen, wie sie 2014 in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» offenbarte – «ich war sauer auf sie». H. weiter: «Ich hatte immer schon das Gefühl, dass bei mir etwas nicht stimmt.»

Mit 18 Jahren landete die Frau aus dem Kanton Zürich ein erstes Mal im Strafvollzug in Hindelbank, wegen zweier Raubüberfälle auf Ladengeschäfte . Dazu bewogen habe sie ihre panische Angst vor der öffentlichen Schule, die sie nach ihrem Aufenthalt in der Jugendpsychiatrie wieder hätte besuchen sollen: «Um wieder ins Gefängnis zu kommen, habe ich mit einem Messer einen Optiker und einen Schuhladen überfallen.»

Der Mord im Florapark, so H. im Interview, sei das Schlimmste gewesen, was sie jemals getan habe. «Manchmal denke ich, es hätte gereicht, einen Abfallkübel anzuzünden – es war wie ein Hilfeschrei gewesen.» Sie habe geglaubt, wenn sie ihre Fantasien in die Tat umsetze, könne sie ihre Fantasien endlich loswerden. Das sei teilweise sogar passiert: «Eine gewisse Last war plötzlich weg.»

Wenig Hoffnung auf Entlassung

Seit ihrer Verurteilung ist H. in Hindelbank inhaftiert und wird dort therapiert. Die sogenannte kleine Verwahrung, in der sich die Frau befindet, dauert in der Regel fünf Jahre, kann aber vom Gericht mehrmals um maximal fünf Jahre verlängert werden.

Diesen Freitag nun entscheidet das Regionalgericht Bern-Mittelland, ob die kleine Verwahrung der Mörderin um weitere fünf Jahre verlängert wird. An eine Entlassung aus der stationären Therapie glaubte Tanja H. im Mai 2018 nicht. «Ich mache mir keine grossen Hoffnungen», sagt sie damals zum «Bund». «Mit der Impulskontrolle habe ich immer noch Mühe. Und ich bin viel zu angepasst, fresse alles in mich hinein, statt mal richtig Dampf abzulassen.»

*Name von der Redaktion geändert

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.