Kult-Trainer Arno Del Curto – «Als Belohnung in den Stripclub – das würde ich auch heute noch tun»
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Kult-Trainer Arno Del Curto«Als Belohnung in den Stripclub – das würde ich auch heute noch tun»

Die Biografie des langjährigen HC-Davos-Trainers Arno Del Curto erscheint heute. Der 65-Jährige erklärt im Interview mit 20 Minuten, wieso er es mit den jungen Spielern so gut konnte und noch immer kann.

von
Adrian Hunziker
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Arno Del Curto hat seine Biografie schreiben lassen. 

Arno Del Curto hat seine Biografie schreiben lassen.

Wörterseh 
Darin werden die 22 erfolgreichen Jahre beim HC Davos thematisiert. 

Darin werden die 22 erfolgreichen Jahre beim HC Davos thematisiert.

freshfocus
Der 65-Jährige sagt, ein Choleriker war er nicht, aber fordernd. 

Der 65-Jährige sagt, ein Choleriker war er nicht, aber fordernd.

Thomas Oswald/freshfocus

Darum gehts

  • Arno Del Curto war 22 Jahre Trainer des HC Davos, 2018 trat er zurück.

  • Der 65-Jährige hat seither einiges getan, unter anderem seine Biografie schreiben lassen.

  • Im Interview mit 20 Minuten verrät er, wieso er das Buch eigentlich gar nicht machen wollte.

Arno Del Curto, Ihr Verhältnis zu den Medien ist speziell, nun ist Ihre Biografie erschienen. Wie geht das auf?

Ganz einfach: Als ich mit dem Eishockey fertig war, machte ich Tabula Rasa. Aber ich merkte, ich möchte noch etwas machen in meinem Leben. Ich nahm einige Dinge in Angriff und dachte, eines davon muss klappen. Das, was ganz sicher geklappt hätte, ich aber unbedingt an erster Stelle nicht wollte, war ein Buch schreiben, Vorlesungen machen und Vorträge halten. Aber ich musste ja irgendetwas anfangen. Also schrieben wir das Buch – und nun beginnen auch die anderen Dinge zu klappen. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich vermutlich nicht mit dem Buch angefangen.

Sie sind aber zufrieden mit dem Buch?

Das ist schwierig zu sagen. Ich wollte immer wieder verbessern und verbessern – und es wurde mir gesagt, ich solle damit aufhören. Sonst wären wir heute noch dran – und vermutlich noch in drei Jahren.

Was ist Ihre Lieblingsstelle des Buches?

(überlegt lange) Ich weiss es gerade nicht, ich müsste es nochmals lesen.

Darf ich erwähnen, was mir imponierte? Das einfache Weihnachtsessen mit Ihrer Tochter, diese Szene mit dem Fleischkäse ist mir eingefahren.

Das ist eine Szene, die ich immer im Kopf habe, die tut mir immer gut. Meine Tochter kann sich an diese Szene nicht mehr erinnern, da war sie zu klein. Mich hat das geprägt. Unsere Familie musste damals zwei Jahre wirklich aufs Geld schauen. Diese Szene ist tief in mir drin, das ist wirklich geil.

Das Tief beim ZSC nach ihrer Zeit beim HCD, war das ein Burnout?

Ich weiss es nicht, ich war einfach erschöpft. Und ich reagierte nicht mehr – wie ich es sonst immer tat – auf Dinge, die vorfielen. Normalerweise verliess ich entweder den Raum oder wehrte mich dagegen. Dann gab es einen Dialog oder ein Streitgespräch. Und genau das gab es in meinem letzten Jahr nicht mehr. Ich war mal mit einem Spieler beim Psychiater, das beschreibe ich auch im Buch. Und da sagte mir der Psychiater: «Niemand auf der Welt ist gefeit vor einem Erschöpfungssyndrom.» Ich dachte aber immer, dass mir das nie passiert. Wenn ich mir das heute ansehe, hätte ich schneller reagiert und länger Pause gemacht – und wäre eventuell gar nicht mehr zurückgekommen. Aber es ist mein eigener Fehler.

Sie schreiben, Ihre «wilde Jugend» habe Ihnen geholfen, mit den jungen Spielern umzugehen?

Ja, das war entscheidend. Ich war sicher schwer fühlbar. Ich wusste aber, wie ich auf die Jungen reagieren musste.

«Mit Köpfchen durch die Wand – Biografie eines Machers»

Arno Del Curto wurde beim HC Davos zur Legende, war 22 Jahre Headcoach des Schweizer Rekordmeisters. Den ehemaligen Trainer kennen nicht nur Eishockey-Fans. Unter anderem durch seine kultigen Interviews im TV wurde er einem grösseren Publikum bekannt. In seiner Biografie «Mit Köpfchen durch die Wand – Biografie eines Machers» lässt der erfolgreichste Schweizer Eishockeytrainer aller Zeiten sein bewegtes Leben Revue passieren. Der 65-Jährige gewährt Ghostwriterin Franziska K. Müller (Platzspitzbaby, Mutanfall) vertiefte Einblicke in seine facettenreiche Persönlichkeit.

Del Curtos Biografie ist ab Donnerstag, 18. November im Wörterseh-Verlag für Franken 34.90 erhältlich. (hua)

Im Buch gibt es einige Beispiele, in denen Sie spürten, dass etwas mit einigen Spielern nicht in Ordnung war. Mitten in der Nacht holten Sie sie deshalb aus dem Bett. Wie konnten Sie das spüren?

Das spürst du, weil du mit ihnen zusammenlebst, du kennst die Vorgeschichte. Du weisst alles, dann ist es einfacher, ein Gefühl für die Person zu bekommen. Du kannst in seiner Sprache und Körperhaltung ablesen, wie sein Tag war. Und irgendwann merkst du, jetzt ist es fünf vor zwölf.

Sie hatten eine Vaterrolle im Club ...

Nicht Vater, Freund oder Kollege. Ich bin ein zu grosser Kindskopf, als dass ich eine Vaterrolle übernehmen könnte.

«Communication is key» – was sagen Sie dazu?

Kommunikation ist etwas vom Wichtigsten als Coach, aber es gibt noch andere wichtige Aspekte. Du kannst viel herausholen, wenn du mit den Leuten reden kannst. Das Gespräch kann harmonisch sein oder es kann so enden, dass man erst danach im Reinen ist.

Ihre Ansprachen in der Garderobe waren aber auch nicht immer harmonisch, richtig?

Ich bin eigentlich ein viel zu lieber Mensch. Aber wenn ich in die Kabine kam oder wir aufs Eis gingen, war ich ein anderer Typ. Dann ging es darum, den nächsten Schritt zu machen, einen Fortschritt zu erreichen. Dann kannte ich mich selber nicht. Darum wurde ich, wenn einer 100 Mal denselben Fehler machte, auch forsch. Wenn die Sache beendet war, habe ich mich selber reflektiert und merkte teilweise auch, ui, da bin ich recht reingefahren. Ich wollte das dann aber sofort geklärt haben, ich bin harmoniesüchtig. Dann konnte ich am nächsten Tag mit diesem Spieler auch wieder arbeiten. Auf dem Eis war ich wohl ein «Irrer».

«Nein, ein Choleriker war ich nicht, aber ich hatte hohe Ziele und wollte diese erreichen. Das war eher fordernd.»

Arno Del Curto

Ein Choleriker?

Nein, das nicht. Ich hatte hohe Ziele und wollte diese erreichen. Das war eher fordernd. Irgendwie musste ich meine Ideologie durchbringen. Bei den Ansprachen fuhr ich die Spieler schon mal an, wenn wir schlecht spielten, aber das konnte auch ironisch sein oder in Form eines Witzes. Es gab auch Ansprachen, in denen ich ganz leise sprach. Dann wussten sie, dass ich am Drehen war. Aber cholerisch? Nein.

Die Macht des positiven Denkens: Erklären Sie bitte den Ausdruck «Floaten», den Sie im Buch beschreiben, genauer.

Du gehst spazieren oder beim Musik Hören, dann tauchst du in eine Welt ein. Dann siehst du nur das, was du willst, vor deinen Augen. Das kann man lernen, aber es ist schöner, wenn man diese Gabe bereits besitzt, wenn es automatisch ist. Ich habe das heute noch. Wenn du in Davos rausgehst, bist du sofort in der Natur. Dann bist du in Trance, visualisiert die Spielzüge und alles weitere vor deinem inneren Auge. 20 Jahre habe ich mein Leben dafür hingegeben und alles investiert.

Waren Sie vor allem wegen Ihrer Risikobereitschaft erfolgreich?

So viel hab ich gar nicht riskiert. Ich wollte es einfach unbedingt. Für mich ist Eishockey Unterhaltung. Wenn ich mir ein Spiel anschaue, will ich unterhalten werden. Ich will geile Spielzüge, Torchancen, Fights, Tempo, Trashtalk sehen.

Im Buch ist eine Belohnung der Spieler im Stripclub beschrieben – würden Sie das wieder oder heute noch tun?

Sicher, das wäre mir doch egal. Gut, vielleicht würden die Spieler das heute nicht mehr wollen. Ich glaube, die Presse wusste damals, dass wir da waren, aber es hat niemand darüber berichtet. Wenn man einen Mist macht, muss man hinstehen und die Verantwortung übernehmen. Das hätte ich auch jetzt gemacht.

Zuletzt verbrachten Sie Zeit mit dem österreichischen Nationalteam. War das eine Eintagsfliege?

Alles, was ich im Eishockey mache, ist privat. Aber ich komme nicht zurück. Ich schaute Roger Bader (österreichischer Nationaltrainer, Red.) über die Schultern. Ich war eine Woche bei den Jungen, das war geil. Denn was ich im Eishockey vermisse, sind die Jungen um mich herum. Das hielt mich immer jung und ich konnte weiter ein Kindskopf bleiben.

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