Als Chauffeur unterwegs im neuen Rolls Royce Ghost
Darf ich bitten? Unser Autoredaktor war für einen Tag als Chauffeur im Rolls Royce unterwegs. 
 

Darf ich bitten? Unser Autoredaktor war für einen Tag als Chauffeur im Rolls Royce unterwegs.

Rafael Künzle
Publiziert

SelbstversuchAls Chauffeur unterwegs im neuen Rolls Royce Ghost

Chauffeure eines Rolls Royce müssen weit mehr können als Autofahren. Dies musste auch Autoredaktor Rafael Künzle feststellen, der mit dem neuen Ghost von einem Fettnäpfchen ins nächste fuhr.

von
Rafael Künzle / A&W Verlag

Einmal im Leben einen Rolls Royce fahren. Für diesen Traum mime ich gerne den Chauffeur, werfe mich in Schale und krame die weissen Handschuhe aus der Mottenkiste. Ready – glaube ich zumindest.

Doppelter Windsor-Knoten und dünne Ledersohlen

«Die Krawatte sollte einen doppelten Windsor-Knoten aufweisen, du hast nicht mal eine an. Und die Schuhe mit den dünnen Ledersohlen hast du wohl auch vergessen? Nur damit hat man das optimale Gefühl für die Pedale.» Ich frage mich, wer ausser Ötzi ein solches Schuhwerk sein Eigen nennt und wie meine bessere Hälfte in den Besitz eines Knigges für Rolls-Royce-Chauffeure kam. «Andy McCann», lautet ihre Antwort. Noch nie gehört. «McCann bildet in seinem White-Gloves-Training Rolls Royce Fahrer aus und hat uns einige Benimmregeln für dich mit auf den Weg gegeben». Damn!

Fluchen ist ebenfalls eine Todsünde, wie gestikulieren, hupen und all die anderen schlechten Angewohnheiten hinter dem Steuer. Ich schweige brav und bin auch nach der Ankunft bei Rolls Royce in München sprachlos, angesichts des neuen Ghost. Rund 1000 Stunden Handarbeit stecken in unserem Testfahrzeug aus Goodwood. Kostenpunkt: 366'000 Franken.

Die Krux mit den Koffern

Wie es sich gehört, halte ich «My Lady» galant die Türen im Fond auf, welche sich wie beim Phantom nun per Knopfdruck dirigieren lassen. Doch sie macht keine Anstalten, einzusteigen. «Erst die Koffer, dann die Passagiere. Unsereins will sicher sein, dass das exquisite Gepäck nicht vergessen geht». Mit leicht erhöhtem Puls wird der Rollkoffer Richtung Rolls Royce gezogen. «Tragen, nicht rollen. Der Kofferraum soll sauber bleiben!»

Frevel beim Fotoshooting: Die Vorderräder eines Rolls Royce dürfen im Stillstand nicht eingeschlagen werden – Ästhetik hin oder her.

Frevel beim Fotoshooting: Die Vorderräder eines Rolls Royce dürfen im Stillstand nicht eingeschlagen werden – Ästhetik hin oder her.

Rafael Künzle
Das Heck des Ghost scheidet die Geister. Klumpig oder kultig? 

Das Heck des Ghost scheidet die Geister. Klumpig oder kultig?

Rafael Künzle
Das Auto sorgt selbst in Kitzbühel für Aufsehen.

Das Auto sorgt selbst in Kitzbühel für Aufsehen.

Rafael Künzle

Ich drücke den Startknopf, die Gallionsfigur «Spirit of Ecstasy» fährt aus der Kühlerhaube und wir davon. Trotz des Längenzuwachs auf 5,55 Meter und einem Gewicht von 2,5 Tonnen lenkt sich die zweite Ghost-Generation mit der neuen Hinterachs-Lenkung und Allrad agil wie ein Kompaktwagen. Allfällige Unebenheiten werden von den Kameras ans Fahrwerk gemeldet, welches in Millisekunden die Dämpfer entsprechend einstellt. Das fahrende Kunstwerk scheint über den Asphalt zu schweben, was der Blick an den LED-Sternenhimmel unterstreicht. Dort huschen neu gar digitale Sternschnuppen über die Köpfe der Passagiere - sofern man dies möchte. Schliesslich wird jeder Rolls Royce nach Kundenwunsch gefertigt. Ein bestickter Seidenkimono als Sitzbezug oder ein mit Blattgold überzogenes Armaturenbrett gefällig? Bei den Briten ist kaum ein Wunsch zu ausgefallen, wie mir Torsten Müller-Ötvös versicherte. Hätte ich den Rolls Royce CEO doch nach den Benimmregeln gefragt.

«Zeit ist für unsereins Geld»

Zu spät, wie ich auf der deutschen Autobahn bei helvetischen 120 Stundenkilometer feststelle. «Ein Chauffeur darf nicht trödeln, Zeit ist für unsereins Geld», wird von hinten getadelt. Ich gebe dem 6,75 Liter V12 Biturbo die Sporen (0 bis 100 Stundenkilometer in 4,8 Sekunden). Es ist das einzige Mal, dass das 571 PS und 850 Nm starke Aggregat hinter 100 Kilogramm Dämm-Material zu hören ist. Man musste dem Antriebstrang bei der Entwicklung gar mehr Gehör verschaffen, da sich die Probanden in der Stille unwohl fühlten.

Wenig später verlassen wir die Autobahn, das nächste Fettnäpfchen wartet an der Ampel. «Bei stehendem Verkehr stets eine Fahrzeuglänge Abstand halten. Ein Rolls Royce Chauffeur muss auch auf unerwartete Ereignisse reagieren können», werde ich belehrt.

Don’t mess with Emily

Da aber keine Flucht übers angrenzende Maisfeld erforderlich ist, steht der Champagnerbremstest an – das sanfte Abbremsen, während sich die Lordschaft einen Drink genehmigt. Well done, ohne Spritzer auf das Dutzend handvernähter Kuhhäute. Auf keine Kuhhaut geht hingegen, dass ich nach dem Aussteigen am Ziel den Ghost vorne umrunde. Dies sei eine Respektlosigkeit gegenüber «Emily», wie die Gallionsfigur im deutschen Sprachraum auch genannt wird. Ich tripple hintenrum und sehe es ein: Einen Rolls Royce fahren ist nicht schwer, ein echter Chauffeur sein dagegen sehr.

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